Auf den Gipfeln über der Beqaa-Ebene liegt der Schnee. Doch bisher war der Winter hier im Osten des Libanons außergewöhnlich mild, statt einer dicken Schneedecke gibt es auf den brachliegenden Feldern einen saftig-grünen Grasteppich.

Für Abdel Razzak al-Mostafa sind die moderaten Wintertemperaturen ein unerwartetes Geschenk. Denn nun besteht immerhin die Hoffnung, dass der 44-Jährige, der vor zehn Jahren aus dem syrischen Aleppo in den Libanon geflohen ist, seine Familie durch den Winter bringt, ohne dass jemand in dem rustikal aus Planen und Holzpfosten zusammengezimmertem Zelt frieren muss.

Zusätzliches Brennmaterial zum bisher gesammelten Feuerholz und den paar Heizölreserven können sich al-Mostafa und die mehr als 60 Menschen, die im kleinen informellen Lager Haouch er-Refqa zwischen zwei Schotterpisten leben, nicht leisten. Denn die wirtschaftliche Erosion, die der Libanon seit drei Jahren erlebt, trifft die Flüchtlinge doppelt hart. Weil auch die Libanesen wegen der galoppierenden Inflation immer weniger Geld haben, gibt es immer weniger der kleinen informellen Jobs, mit denen sich viele Flüchtlinge bisher über Wasser gehalten haben.

Die wirtschaftliche Erosion trifft Syrien-Vertriebene doppelt hart. - © bmeia / Michael Gruber
Die wirtschaftliche Erosion trifft Syrien-Vertriebene doppelt hart. - © bmeia / Michael Gruber

Am härtesten trifft die scheinbar unaufhaltsame Abwärtsspirale allerdings die Kinder in Haouch er-Refqa. Denn in dem kleinen Lager in der Stadt Balbek, in dem sich das österreichische Rote Kreuz um die sanitären Einrichtungen kümmert und das am Dienstag von Außenminister Alexander Schallenberg besucht wurde, wächst eine ganze Generation ohne Perspektive auf. So hat die 18-jährige Halima von den zehn Jahren, die sie mittlerweile im Libanon lebt, nur ganz wenige Tage in der Schule verbracht. Halimas Freundinnen Hidda, Jasmin und Batoul gingen im vergangenen Jahr zwar noch in die Schule, doch mittlerweile gibt es auch für die drei Mädchen im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren keinen Unterricht mehr. Schuld daran ist allerdings weniger die aktuelle Corona-Lage im Libanon als die explodierenden Treibstoffpreise im Land. Mittlerweile sind die Bustickets so teuer geworden, dass es sich in Haouch er-Refqa niemand mehr leisten kann, seine Kinder in die Schule zu schicken.

In den knapp 100 anderen informellen Lagern in der Beqaa-Ebene sieht die Lage nicht besser aus. Laut dem UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR haben 30 Prozent der syrischen Flüchtlingskinder überhaupt noch nie eine Schule besucht, gleichzeitig nimmt die Kinderarbeit von Jahr zu Jahr weiter zu.

"Ich habe noch Hoffnung"

Hidda, Jasmin und Batoul haben ihre Träume nicht aufgegeben. Zwei der Mädchen wollen Ärztinnen werden, eines Lehrerin. Ob das angesichts der Schwierigkeiten beim Besuch einer Schule gelingen kann? "Ich habe noch Hoffnung", sagt Badoul.

Schulunterricht gibt es für die Freundinnen Halima, Hidda, Jasmin und Batoul keinen mehr. 
- © Ronald Schönhuber

Schulunterricht gibt es für die Freundinnen Halima, Hidda, Jasmin und Batoul keinen mehr.

- © Ronald Schönhuber

Der Tristesse des Lageralltages entkommen kann zumindest eine kleine Gruppe von syrischen Flüchtlingskindern, die das vom österreichischen Innenministerium über die Caritas unterstützte Patriarch Sfeir Center besucht. In die Schule, in der Kinder mit Sprachproblemen oder Hörschwache unterrichtet werden, gehen neben 47 syrischen Kindern auch 100 libanesische. Sie erleben hier zumindest für ein paar Stunden Geborgenheit und einen geregelten Schulalltag: An den Wänden in den hellen Klassenzimmern hängen Zeichnungen, daneben stehen selbstgemachte Kerzen und während des Unterrichts kümmert sich ein speziell ausgebildetes Pädagogenteam um die besonderen Bedürfnisse der Schüler im Alter von 6 bis 22 Jahren.

"Am Anfang haben wir auch viel in den Flüchtlingslagern unterrichtet", sagt Caritas-Programmdirektor Charles Zeidan. "Aber es ist extrem wichtig die Kinder aus ihrer Umgebung herauszuholen. Das ist wie ein Entgiftungsprozess."

Vom Angebot des Patriarch Sfeir Centers profitieren auch der zehnjährige Elie Milad Louis und seine Familie. "Wir fahren täglich 40 Minuten hierher", sagt Elies Vater Milad, der hofft, dass sein Sohn bald genug Fortschritte gemacht hat, um eine normale Schule besuchen zu können. "So etwas wie hier gibt es sonst nicht."