Kiew/Moskau. Sitzend lehnt Katerina Polischtschuk an einer Mauer im Tunnelsystem unter dem Asow-Stahlwerk. Russische Truppen belagern das Gelände seit Wochen. Im Versuch, sich Mut herbeizusingen, stimmt die Sanitäterin leise die ersten Töne eines ukrainischen Marsches an. Nach und nach steigen auch die anderen ein.

Das Video der jungen Ukrainerin ging im Mai um die Welt. Überall weckte es Anteilnahme mit den Menschen, die in dem Asow-Stahlwerk festsaßen. Inmitten der Belagerung der hart umkämpften ukrainischen Hafenstadt Mariupol war die riesige Industrieanlage Anfang März zum Zufluchtsort für hunderte Ukrainer geworden. Darunter befanden sich viele Soldaten, aber auch Zivilisten hatten sich in der "Festung Mariupol" verschanzt. Mit knappem Wasser und Essen harrten sie wochenlang in den Bunkern aus, um das Werk zu verteidigen. Lange galt Asowstal als Symbol für den ukrainischen Widerstand gegen Russland, die Menschen dort wurden als Helden gefeiert.

Mehr als 200 freigelassen

Letztendlich mussten sich die ukrainischen Kämpfer aber der russischen Übermacht beugen. Die Asowstal-Verteidiger kapitulierten Mitte Mai, hunderte wurden festgenommen.

Das Schicksal der Soldaten war lange ungewiss. Vier Monate danach hat das Warten nun aber ein Ende gefunden. In einem Gefangenenaustausch mit Russland wurden insgesamt 205 inhaftierte ukrainische Soldaten sowie zehn ausländische Staatsbürger freigelassen. Darunter waren auch mehr als hundert Mitglieder des Asow-Bataillon, deren Kommandeure und nicht zuletzt Katerina Polischtschuk, die Sängerin von Asowstal.

Im Gegenzug ließ die Ukraine 55 Gefangene aus Russland frei sowie den Politiker Victor Medvedchuck. Der Vorsitzende der prorussischen ukrainischen Partei galt lange Zeit als rechte Hand Putins in der Ukraine.

Bei dem Gefangenenaustausch handelt es sich um den größten seit Beginn des Krieges. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezeichnete ihn als "großen Erfolg für unser Land".

Das Asow-Regiment hat seit 2014 gegen prorussische Kräfte in der Ukraine gekämpft. Seine Wurzeln hatte das Freiwilligen-Bataillon in der rechtsextremen Szene, seine ursprünglichen Symbole aus dem Neonazi-Milieu. Mittlerweile ist es aber großteils entideologisiert und zu einer normalen Kampfeinheit geworden. Russland sieht das anders und nimmt das Asow-Regiment regelmäßig als einen Rechtfertigungsgrund für den Krieg gegen die Ukraine, der laut dem Kreml auch die "Entnazifizierung" des ukrainischen Staates zum Ziel hat.