Für das Tanzen in der Gasse. Für die Sehnsucht nach einem normalen Leben. Für die Zukunft. Für meine Schwester, deine Schwester, unsere Schwestern. Das Lied "Baraye Azadi" - "Für die Freiheit" - von Shervin Hajipour hat sich zu einer Hymne der aktuellen Protestbewegung im Iran entwickelt. Ob von Teherans Dächern oder auf Demonstrationen in der Diaspora auf der ganzen Welt, Millionen Menschen singen diese Zeilen des mittlerweile verhafteten Sängers, die ausdrücken, wofür seine Landsleute seit über zwei Wochen auf die Straße gehen, dem Regime die Stirn bieten und dafür ihr Leben riskieren. Und auch verlieren.

Nach dem Tod von Mahsa Jina Amini in Polizeigewahrsam erfasst eine feministische Protestbewegung erstmals das ganze Land. Wegen ein paar sichtbaren Haarsträhnen, die ihr Kopftuch nicht bedeckt haben sollen, wurde die 22-jährige Kurdin von der "Sittenpolizei" am 13. September festgenommen. Wenig später war sie tot. CTs zeigen, dass sie Hirnblutungen erlitten hat. Die Polizei spricht von einem Herzinfarkt.

DNA der Islamischen Republik

Mittlerweile distanzieren sich selbst Regimeanhänger von dieser Version der Geschichte. So hat Mohmmad-Bagher Bakhtiar, ein ehemals hochrangiger Kommandant der Revolutionsgarden, eine Audiodatei auf Youtube hochgeladen, in der auch er bestätigt, dass Amini so schlimm zugerichtet worden sei, dass sie ihren Verletzungen schließlich erlag.

Die Trauer und die Wut um den Mord an einer jungen Kurdin, einer Angehörigen einer unterdrückten Minderheit, haben Iraner quer durch alle Bevölkerungsschichten gegen das Regime vereint. Selbst in Kleinstädten, in denen nie gegen die Islamische Republik protestiert wurde, verlangen die Menschen nichts Geringeres als deren Ende. An vorderster Front die Frauen, die ihre Kopftücher abnehmen, sie verbrennen und jeden, der sie deswegen zur Räson rufen will, in die Flucht brüllen. Und die Männer machen mit.

Das ist einzigartig in der iranischen Protestgeschichte, die so alt ist wie die Islamische Republik selbst. Zum ersten Mal in den vergangenen 43 Jahren sind "Frauenrechte an die Forderungen von Demokratie und Freiheit gekoppelt", sagt die Soziologieprofessorin Azadeh Kian von der Université Paris Cité. Die Zukunft des Irans sei unweigerlich an die Gleichberechtigung der Frauen gebunden. Das hätten alle nun begriffen.

Dass die Iranerinnen den Protest gegen das Regime anführen, ist nicht überraschend, gehört doch ihre Entrechtung zur DNA der Islamischen Republik. In allen Bereichen sind sie benachteiligt, ob im Zivil- und Strafrecht oder in der Verfassung, die iranische Frau ist per Gesetz ein Mensch zweiter Klasse, dessen Wert in allen Belangen nur halb viel ist wie der eines Mannes. Doch entgegen der Meinung mancher ausländischen Beobachter haben sich die Iranerinnen nie ihrem Schicksal ergeben. Im Gegenteil. Sie waren die Ersten in der Islamischen Republik, die gegen die neuen Machthaber demonstriert haben, und das bereits wenige Wochen nach der Revolution am Weltfrauentag am 8. März 1979. Über 100.000 sind damals auf die Straße gegangen, um gegen den Verschleierungszwang zu protestieren.

Der Hijabpflicht, die Bedeckung mit Kopftuch und einem langen Übermantel, muss jedes Mädchen mit Eintritt in die Volksschule nachkommen. Wer das Kopftuch in der Öffentlichkeit ablegt, dem drohen 74 Peitschenhiebe und bis zu zwei Monate Gefängnis. Selten bleibt es dabei. Frauen, die wegen Verstößen gegen die Kleidervorschrift vor Gericht stehen, wird zumeist auch noch Prostitution und Propaganda gegen das System vorgeworfen, womit sich das Strafausmaß auf viele Jahre erhöhen kann.

Proteste werden brutal niedergeknüppelt

Wie etwa im Fall von Yasaman Aryani, die 2019 mit ihrer Mutter Monireh Arabshahi unverschleiert Blumen in der Teheraner Metro verteilte in der Hoffnung, dass eines Tages "ich, die so aussieht", mit jenen Frauen, die das Kopftuch tragen, nebeneinander in Frieden auf der Straße gehen kann. Sie und ihre Mutter wurden jeweils zu 16 Jahren Haft verurteilt. Das Durchsetzen der Hijabpflicht gehört zu den effektivsten Methoden der Kriegsführung der Islamischen Republik gegen die eigene Bevölkerung. In den Jahren unter Präsident Mahmoud Ahmadinejad (2005-2013) hat die Brutalität der "Sittenpolizei" sukzessive zugenommen. Und sie erfährt unter dem aktuellen Präsidenten Ebrahim Raisi, dem "Ayatollah der Massenhinrichtungen", wie er unter Iranern aufgrund seiner Rolle als Vizegeneralstaatsanwalt bei den Massenexekutionen 1988 genannt wird, eine neue Qualität.

Erst im August wurde verkündet, dass das Regime von nun an auch biometrische Daten nutzen will, um die Hijabpflicht im öffentlichen Raum besser kontrollieren zu können. Damit wäre die staatliche Kontrolle über den weiblichen Körper absolutiert.

So weit könnte es womöglich gar nicht kommen, hoffen Optimisten, die mit der aktuellen Protestbewegung eine Revolution in den Startlöchern sehen. Menschenrechtsaktivistin Azadeh Pourzand, die derzeit an der Universität Oxford zu Aktivismus von Iranerinnen nach der Islamischen Revolution forscht, diagnostiziert einen Dammbruch in der iranischen Bevölkerung. "Der Iran hat sich für immer gewandelt", sagt sie, "in diesen Tagen haben die Frauen gezeigt, dass sie im Alleingang ein gesamtes Establishment bedrohen können, in meinen Augen ist das eine große Veränderung."

Dass die Proteste brutal niedergeknüppelt werden, hat sich bereits in den ersten Tagen abgezeichnet. Mittlerweile sollen über hundert Menschen getötet worden sein, Tausende verletzt und inhaftiert. Der Moral der Protestierenden tut das keinen Abbruch, im Gegenteil, die Bewegung ist in ihrer dritten Woche. Und die Solidarität mit ihr ebenso, erst wieder sichtbar, als Sonntagnacht Polizisten und Milizen die Teheraner Eliteuniversität Sharif gestürmt und die dort anwesenden Studierenden eingekesselt haben. Prompt sind Unterstützerinnen auf die Straße rund um die Universität gezogen und riefen "Hemayat", Schutz zur Ablenkung der Polizisten, die schon begonnen hatten, junge Frauen und Männern mit schwarzen Tüchern über den Kopf abzuführen, in Vans zu schmeißen und an unbekannte Orte zu bringen.

Für Pourzand sind das alles Indizien einer neuen Furchtlosigkeit, angestachelt durch eine junge Generation, die es nicht mehr einsieht, von Machthabern unterdrückt zu werden, die die den Forderungen ihrer Bevölkerung nie entgegenkommen sind. "Sie sind bereit, dieses Risiko auf sich zu nehmen, weil alles andere bisher im Iran versucht wurde", sagt Pourzand. Intellektuelle hätten artig innerhalb der eng gezogenen roten Linien versucht, mit ihrer Arbeit Widerstand zu leisten - und wurden getötet und verhaftet. Frauenaktivistinnen lernten die Sprache der islamischen Jurisprudenz, um nach Schlupflöchern zu suchen, die ihnen mehr Freiräume in einem Islamischen Staat geben würden. Sie erlebten das gleiche Schicksal. Man ging zur Wahl und wählte das geringere Übel und hoffte, dass der eine Ayatollah vielleicht ein bisschen weniger radikal wäre als die anderen, und versuchte, so das System von innen zu öffnen. Ohne Erfolg. Denn das System will sich nicht öffnen.

Weltöffentlichkeit muss hinsehen

Ob das Regime bald kollabiert, ist noch ungewiss. Fest steht nur, dass sich der Widerstand auf unterschiedlichen Ebenen formiert hat, ob im Protest, in Streiks und Demonstrationen im Exil, das zum ersten Mal unter der Parole "Frau, Leben, Freiheit" am 1. Oktober in 150 Städten weltweit alle bisherigen Differenzen zur Seite geschoben hat, um gemeinsam solidarisch zu sein. " Wir, die wir in Freiheit leben, dürfen die Hoffnung nicht aufgeben", sagte unlängst eine Menschenrechtsaktivistin in BBC Persian, "die Leute auf der Straße im Iran dürfen nach Hause gehen, aber nicht wir. Wir müssen die Öffentlichkeit zum Hinschauen zwingen." Denn auch, wenn mancherorts von einer Revolution im Vorstadium die Rede ist, in der Weltöffentlichkeit scheint noch nicht recht begriffen worden zu sein, was das bedeuten würde. Nichts Geringeres als einen neuen Nahen Osten.