Beirut. "One! Two! Three! Four! Five! Six! Seven! Eight! Nine! Ten!" - aus vollen Kehlen rufen die Kinder die Zahlen ihrer Lehrerin auf Englisch zu. Die Schule von Ketermaya, rund 30 Kilometer südlich der libanesischen Hauptstadt Beirut gelegen, ist nichts weiter als ein Bretterverschlag, überzogen mit Plastikplanen. "Save the Children" gibt Geld für den Schulbetrieb, das libanesische Rote Kreuz bringt immer wieder Hilfspakete, ein paar Rot-Kreuz-Freiwillige verteilen am Freitag, den Tag des Besuchs, Hygiene-Artikel.

Und Ketermaya ist eines von tausenden informellen Lagern syrischer Flüchtlinge, die es überall im Libanon gibt. Ali Tafesh gehört das Land hier und er war es, der den Flüchtlingen erlaubt hat, sich hier niederzulassen, nachdem im nahegelegenen Städtchen alle Unterkünfte überfüllt waren. Er baute Toiletten und legte Leitungen für fließendes Wasser. Und während andere von den Schutzsuchenden eine Art Miete kassieren, verzichtet Tafesh darauf, sagt er. "Was hätte ich denn tun sollen? Irgendwie musste man diesen Menschen ja helfen", sagt Tafesh zur "Wiener Zeitung". Er habe das Land ohnehin nicht genutzt.

56 Familien leben in Tafeshs Camp, in der in den Abhang eines Hügels gebauten Behelfssiedlung. An den Hängen wachsen Oliven- und Feigenbäume, der Weg vom Camp zur Asphaltstraße führt durch Matsch und über steinige Passagen an einer Lagerhalle vorbei.

Neben der Schule stehen die Hütten der Camp-Bewohner. Wer Glück hat, hat nun im Winter eine Gasheizung, einen Fernseher samt Satellitenschüssel. Einen kleinen Spielplatz gibt es, mit Schaukeln und Karussell. Die Kinder lärmen und lachen, die meisten sind zu jung, um den Krieg in Syrien erlebt zu haben oder sich daran zu erinnern.

Die Menschen in der Plastikplanen-Siedlung erzählen vom Krieg in ihrer Heimat Syrien, sie sprechen davon, wie sie sich durch den harten Winter schlagen müssen in ihren zugigen Behelfsunterkünften, sie berichten von Schulden, die sie haben, von gesundheitlichen Problemen. Kinderarbeit ist weit verbreitet: Ein Kind bekommt vier Dollar pro Tag, einem Erwachsenen werden 12 Dollar pro Tag bezahlt.

Der Libanon beherbergt weit über eine Million syrischer Flüchtlinge, und das bei einer Bevölkerung von rund vier Millionen Menschen. Das Land wurde in den 1970er und 80er Jahren von einem blutigen Bürgerkrieg, in dem Palästinenser und andere sunnitische Gruppen, Schiiten, Maroniten und Drusen gegeneinander kämpften, fast zerrissen. Seit dem Friedensabkommen von Taif im Jahr 1989 achtet die libanesische Regierung peinlich darauf, dass das mühsam ausbalancierte ethnisch-religiöse Gleichgewicht im Land nicht gestört wird.