In der Stichwahl braucht er 50 Prozent plus eine Stimme - die kann er derzeit nur erringen, wenn er sich nicht nur auf seine religiös-konservativen Stammwähler stützt, sondern auch Stimmen der Säkularen gewinnt. Das Mittel dazu ist erfahrungsgemäß ein massives Anheizen des Nationalismus - gegen die Kurden und die USA.

Kurden als einender Feind

Dafür riskiert Erdogan sogar eine weitere Entfremdung vom Westen, wo man die YPG keinesfalls als "Terrorarmee" betrachtet, sondern als mutige Kämpfer gegen die IS-Barbaren. Doch Kritik aus Washington fegt der Präsident mit dem Satz vom Tisch: "Es kümmert uns nicht mehr, was sie sagen." Seine aggressiv-nationalistische Rhetorik richtet sich auch gegen die schon halb zermalmte drittstärkste Parlamentspartei HDP, deren Verbot nun näher rückt, da sie als einzige große Oppositionskraft Kritik an der Invasion übt. Mit dieser Taktik festigt Erdogan das islamistisch-militaristische Wahlbündnis, das er mit der chauvinistischen MHP und anderen Kleinparteien geschlossen hat. Als willkommener Nebeneffekt überlagert die Kriegshysterie alle innenpolitischen Probleme wie die rasende Inflation oder die zunehmende Armut.

Sanken Erdogans Popularitätswerte zuletzt ab, so schwimmt er als Kriegsherr wieder auf einer Welle der Zustimmung. Denn statt sein durchschaubares Spiel zu demaskieren, hat sich die größte Oppositionspartei CHP, die Partei Kemal Atatürks, wieder einmal darauf eingelassen. So viel sie auch von den Islamisten trennt, die Absage an kurdische Autonomiewünsche eint sie. CHP-Chef Kemal Kilicdaroglu stellte sich deshalb nach dem Start der Kampfhandlungen sofort hinter die Kampagne der "ruhmreichen Streitkräfte", um bloß nicht als Vaterlandsverräter zu gelten.

Erdogan weiß genau, welchen Knopf er drücken muss, damit die anderen spuren. Doch sein Handeln birgt große Risiken. Es deutet einiges darauf hin, dass das ohnehin durch massive "Säuberungen" geschwächte Militär den kurdischen Widerstand unterschätzt haben könnte.

Falls die Operation sich hinzieht und viele Soldaten in Särgen heimkehren, wird Erdogans Beliebtheit wieder sinken. Der Präsident hat nur ein kurzes Zeitfenster, bis der nationalistische Taumel abebbt und innenpolitische Kritik wieder aufbricht. Deshalb würde sich niemand wundern, wenn er vorgezogene Parlaments- und Präsidentschaftswahlen für Mai oder Juni ausruft. Dann könnten die Atatürk-Denkmäler im Land bald durch Erdogan-Monumente ersetzt werden.