Gemeint ist damit vor allem Erdogans Dauerstreit mit der türkischen Zentralbank um die Geldpolitik. Zwar erhöhten die Währungshüter vor der Wahl gegen der erklärten Willen Erdogans die Leitzinsen, um die Inflation und die Lira-Abwertung zu bremsen. Aber im Wahlkampf kündigte der Staatschef bereits an, er werde in seiner nächsten Amtszeit die Geldpolitik selbst übernehmen: "Ihr werdet sehen, wie wir uns um die Zinsen kümmern werden, wenn Ihr mir erst einmal die Vollmacht dafür gegeben habt", rief Erdogan seinen Anhängern zu - eine Hiobsbotschaft für die Kapitalmärkte.

Sorge um die Bildungspolitik


Erdogan hat bereits durchblicken lassen, dass er unter dem neuen Präsidialsystem, das nun in Kraft tritt, die Zuständigkeiten in der Wirtschafts- und Finanzpolitik neu ordnen will. Sie sollen von bisher sechs auf drei Ministerien konzentriert werden. Offen ist, wer die neuen Schlüsselministerien führen wird - und wie viele Kompetenzen Erdogan selbst an sich ziehen wird.

Bereits jetzt aber sieht sich die neue Regierung mit einer langen Liste an Forderungen konfrontiert. Konkret wurde dabei vor allem der türkische Industrieverband Tüsiad, der bereits unmittelbar nach der Wahl erklärt hatte, das Land stehe nun vor Aufgaben, die "dringende Aufmerksamkeit erfordern". So wünscht sich Tüsad nicht nur mehr fiskalische Disziplin und einen entschlosseneren Kampf gegen die Inflation. Die Industrievertreter fordern auch die Unabhängigkeit der Notenbank ein und plädieren für Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit sowie für eine Beschleunigung des EU-Beitrittsprozesses.

Tüsiad unterstrich zudem die Notwendigkeit einer Bildungsreform "unter Beteiligung aller gesellschaftlichen Gruppen". Seit langem gibt es in Wirtschaftskreisen die Sorge, dass Erdogans islamisch-konservativ geprägte Bildungspolitik das Land im internationalen Wettbewerb zurückwerfen wird. Aber Erdogan hat bisher nicht erkennen lassen, dass er die seit Jahren verschleppten Reformen in Angriff nehmen will. Er hat Wahlgeschenke versprochen, die er nun verteilen muss: Bonuszahlungen für zwölf Millionen Pensionisten, Stundungen für säumige Steuerzahler, Subventionen für die Bauern. Die Wohltaten sollen umgerechnet 4,4 Milliarden Euro kosten. Dabei ist das Haushaltsdefizit in den ersten fünf Monaten gegenüber dem Vorjahr schon um fast 80 Prozent gestiegen.