Nur an der Technik wird es aber wohl nicht liegen?

Es hat natürlich auch ideologische Gründe. Die alte Arbeiterschaft gibt es heute nicht mehr. Frühere Arbeiter sind jetzt moderne Selbständige. Da haben wir es verabsäumt, in die Zukunft zu sehen. Wenn es dem Esel zu gut geht, geht er aufs Eis tanzen.

Muss man heute intellektuell sein, um die SPÖ zu wählen?

Im Kern hat sich nichts geändert: Die, die jetzt selbständig sind, sind ja weiter Arbeiter, nur eben, dass sie eine Firma haben. Aber große Errungenschaften haben heute einen ganz anderen Stellenwert.

Zum Beispiel?

Zwei Drittel der Wiener wohnen in geförderten Wohnungen. Das gibt es auf der ganzen Welt nicht. Als mein Sohn eine geförderte Wohnung bekommen hat, war er noch heilfroh. Der hat sich die gar nicht erst vorher angeschaut. Er hat gewusst: Die hat zwei Zimmer, 50 Quadratmeter - und es hat gepasst. Er war zufrieden. Diese Zufriedenheit hat sich geändert. Meinen Enkeln brauche ich so etwas gar nicht erst vorzuschlagen.

Wenn man die Parteiarbeit früher und heute vergleicht: Wie hat sich die gewandelt?

1971 haben wir bei jeder Sektionssitzung 30 bis 40 Mitarbeiter gehabt. Wer geht denn heute noch unter der Woche in ein Sektionslokal? Damals hat es für Arbeiter noch keine Abfertigung gegeben. Das haben wir erst zizerlweise durchgesetzt. Wir haben bis zu sechs Prozent Lohnerhöhung erreicht. So etwas hat man gut verkaufen können. Die Unterschiede zwischen uns und der ÖVP aufzuzeigen, war kein Kunststück.

Aber in Wien ist seit Jahrzehnten primär die FPÖ der Konkurrent der SPÖ. Die Blauen haben sich dabei einige rote Wähler geholt. Wie kam es dazu?

Da haben wir die Polemik und den Populismus von rechts unterschätzt. Die FPÖ hat die Wähler mit einem Bier im Wirtshaus geködert. Das war unter unserer Würde. Viel ist seinerzeit auch von Jörg Haider in Kärnten nach Wien übergeschwappt. Heizungsgeldzuschuss hier, ein Hunderter für arme Strukturen dort: Das hat alles seine Auswirkungen gehabt. Und sie haben natürlich auf das Thema Immigration gesetzt. Ich mag so etwas nicht: wenn Menschen gegeneinander ausgespielt werden. Aber auch damit hat die FPÖ Wähler zu sich gelotst. Wir haben unterdessen versucht, es allen recht zu machen und wenn du das versuchst, muss es schief gehen.

Es könnte sein, dass die SPÖ nach den nächsten Wahlen nicht mehr in der Wiener Stadtregierung vertreten ist. Wie sehen Sie das?

Dass die SPÖ den Bürgermeister verliert? - Das glaube ich nicht. Ich kenne die Wiener gut: Sie matschkern und raunzen, sie polemisieren bis zuletzt. Aber wenn es darauf ankommt, folgen sie dem Leithammel.

Aber zumindest die Koalition mit einer rechten Partei wird sich wohl nicht vermeiden lassen?

Bei der ÖVP sehe ich da kein Problem. Das letzte Mal, als das der Fall war, hat das mit Erhard Busek ganz gut geklappt. Und was die FPÖ angeht: Gerade am letzten Parteitag hat Michael Ludwig wieder bestätigt, dass es keine Koalition mit der FPÖ geben wird. Das ist gut so. Und der Bürgermeister und Wien bleiben rot.