Wien. Als die schwedische Hauptstadt Stockholm im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit im November zuerst wichtige Fußwege, Bushaltestellen und Radwege vom Schnee befreien ließ, bevor sie die Straßen für den Autoverkehr freimachte, löste sie europaweit bei Mainstream-Medien ebenso wie am rechten Rand denselben spöttischen Reflex aus: "Genderwahn in Stockholm" tönte es und "Chaos", "nichts funktioniert!" Eva Kail, Planerin im Geschäftsbereich Bauten und Technik der Stadt Wien, kennt diese Reflexe nur zu gut. Allerdings aus früheren Zeiten.

Eine gendergerechte Stadtplanung ist nämlich inzwischen weitestgehend normal. Die Stadt Wien hat in dem Bereich bereits seit den 1990er Jahren eine Vorreiterrolle für viele Städte in Europa, ja sogar international, eingenommen und gilt immer noch weltweit als Vorbild. Was in Wien zuerst frauengerechtes Planen hieß, ist heute als "Gendermainstreaming" in vielen europäischen Städten in allen wichtigen planerischen Prozessen verankert. Zum Nutzen aller. Gendermainstreaming bedeutet nämlich, Bedacht zu nehmen auf unterschiedliche Bedürfnisse. Von Männern und Frauen, Alten und Jungen, unterschiedlichen Kulturen. Dass geschlechtersensible Maßnahmen aber offenbar immer noch Häme hervorrufen, scheint mit ihren Ursprüngen in der feministischen Architektur und Stadtplanung zu tun zu haben.

Viele Spielmöglichkeiten in der Vorzeigeprojekt Bike-City in der Leopoldstadt. - © Karin Bechtold
Viele Spielmöglichkeiten in der Vorzeigeprojekt Bike-City in der Leopoldstadt. - © Karin Bechtold

Ein Blick in die Geschichte: Eva Kail bahnte sich nach ihrem Studium an der TU Wien Ende der 1980er Jahre ihren Weg in die Wiener Stadtverwaltung. Dort initiierte sie gemeinsam mit anderen Frauen - Architektinnen und Planerinnen - was man als feministische Wende in der Stadtplanung bezeichnen könnte. Weil Eva Kail und ihre Planungskolleginnen erstmals thematisierten, dass Frauen und Männer andere Bedürfnisse haben und den öffentlichen Raum anders nutzen, mussten sie sich spöttisch fragen lassen, ob sie nicht auch die Perspektiven von Kanarienvögeln oder Hunden in die Stadtplanung einbeziehen wollen. Das wollten sie nicht. Wohl aber eine lebenswertere Stadt.

Der Fahrradabstellraum in der Bike-City ist aus Glas, wodurch dunkle Ecken vermieden werden. - © Rupert Steiner
Der Fahrradabstellraum in der Bike-City ist aus Glas, wodurch dunkle Ecken vermieden werden. - © Rupert Steiner

Für dieses Ziel brachten die Frauen ganz neue Themen und Methoden in die Stadtplanung ein. Zuerst 1991 mit einer Foto-Ausstellung mit dem Titel "Wem gehört der Öffentliche Raum - Frauenalltag in der Stadt". Dort ging es um die Frage, welche Stadt sich Frauen wünschen. Ebenfalls 1991 wurde in Wien erstmals geschlechtsspezifisch ausgewertet, wie die täglichen Wege in Wien von wem zurückgelegt werden. Seit damals weiß man, dass Frauen häufiger zu Fuß gehen und wesentlich häufiger als Männer öffentliche Verkehrsmittel benutzen. 1992 wurde die "Leitstelle für Alltags- und Frauengerechtes Planen und Bauen" gegründet. Eva Kail wurde ihre Leiterin. Plötzlich ging es in der Stadtplanung nicht mehr (nur) um breitere Straßen für die Autos und auch nicht um "rosa Gehwege", sondern um subjektive Sicherheit, um Kinderspielplätze, um die "Stadt der kurzen Wege". Eva Kail und ihre Kolleginnen waren Pionierinnen. In ihren eigenen Worten: "Wir waren wie die Trüffelschweine."

Hoppla, es gibt unterschiedliche Bedürfnisse


Doch was heißt geschlechtergerechtes oder gar frauengerechtes Planen tatsächlich? Spielt die Kategorie "Geschlecht" noch eine Rolle für Planerinnen und Architektinnen? "Man kann nicht im Vorhinein sagen, was geschlechtergerecht ist oder nicht", meint Heide Studer. "Wir analysieren bei jedem einzelnen Projekt, welche Gruppen einen Platz nutzen und welche Bedürfnisse sie haben. Neben Geschlecht spielen Kategorien wie Alter oder ethnische Hintergründe eine große Rolle." Heide Studer ist Planerin in Wien. Mit ihrem Planungsbüro Tilia hat sie unter anderem den Schuhmeierplatz in Wien-Ottakring neu gestaltet. Geschlechtergerecht heißt dort: Der schmale Gehsteig, die Hecken und der Rasen, den man nicht betreten durfte, sind verschwunden zugunsten eines offenen Platzes mit vielen verschiedenen Sitzmöglichkeiten. An diesem Ort sollen ältere Frauen sich ebenso wohlfühlen können wie Jugendliche. Bei der Gestaltung nahm Heide Studer auf verschiedene Bedürfnisse Rücksicht. Während es speziell, aber eben nicht nur, für Frauen wichtig ist, dass ein Ort keine dunklen Ecken hat, dass er sauber ist und Ordnung signalisiert, brauchen Jugendliche einen Platz wo sie sich treffen und laut sein können. Idealerweise geht ihr Lärm in einem anderen Lärm unter. So wie hier an der lauten Thaliastraße. "Der Platz ist jetzt ein Ort, der unterschiedlich genutzt werden kann, ohne dass es zu Konflikten kommt", erklärt Studer.

Zwar schuf erst der feministische Blick ein Bewusstsein dafür, dass es unterschiedliche Bedürfnisse gibt, aber Gendergerechtigkeit hat nur bedingt etwas mit Frauen zu tun. Das war schon in den Anfängen so. "Vor uns, Anfang der 1990er Jahre, hat niemand in der Mainstream-Planung über den öffentlichen Raum oder das zu Fußgehen oder Barrierefreiheit gesprochen", erinnert sich Eva Kail. Dieser Anspruch geht über spezifische Fraueninteressen hinaus. Barrierefreiheit kann schließlich nur allen nützen. "Die Arbeit, die in Wien geleistet wurde, kann man gar nicht hoch genug einschätzen", meint daher die Berliner Landschaftsarchitektin Barbara Willeke. "Wien war wegweisend für viele Städte." Woher kommt dann aber diese reflexartige Ablehnung?