Empfang und Begrüßung auf Sand. - © Spreitzhofer
Empfang und Begrüßung auf Sand. - © Spreitzhofer

Lüderitzland, wie der Küstenstreifen im Südwesten Afrikas fortan bezeichnet wurde, war keine zufällige Entdeckung. Es wurde nach den Bremer Großkaufleuten Adolf Lüderitz, der das Land 1883 unter fragwürdigen Umständen über Heinrich Vogelsang für seine Firma erwerben ließ, und seinem jüngeren Bruder August Lüderitz, der vor Ort Gebiete aufkaufte und für das Reich Verhandlungen führte, benannt.

Koloniale Keimzelle

Das 1884 unter deutschen Schutz gestellte Küstenland wurde - gemeinsam mit dem nördlich gelegenen Swakopmund - zu einer Keimzelle der Kolonie Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia: Dass die gefinkelten Herren auf der Suche nach Bodenschätzen einem ansässigen Stammesführer, Josef Frederiks II, ein paar Gewehre und 100 Goldpfund für ein - seiner Meinung nach - kleines Landstück gaben, erwies sich nachträglich als Drama: Denn Meilen sind nicht gleich Meilen. Es seien natürlich preußische Meilen (ca. 7,5 km) gemeint gewesen, hieß es ein wenig bedauernd, keine englischen Meilen (ca. 1,6 km), womit der Großteil des Stammesgebietes verschleudert war - kein gutes Omen für das deutsch-koloniale Abenteuer in dem südafrikanischen Flecken Land, den August kurz vor Adolfs Tod (er gilt seit einer Erkundungstour zum Oranje 1886 offiziell als verschollen) und drohender wirtschaftlicher Pleite 1885 an die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika verkaufte.

Erst mit der Stationierung der Deutschen Schutztruppen, die im Kampf gegen aufständische Nama, eine ansässige Volksgruppe, flugs herbeigeschifft wurden, ging es mit der kleinen Hafenstadt an der nebeligen Diamantenküste aufwärts. Deutsche Transatlantik-Dampfer der Woermann-Linie verkehrten nach Fahrplan. Viele Gebäude erinnern immer noch an eine deutsche Kleinstadt der vorvorigen Jahrhundertwende - da sind die Turnhalle und die Lesehalle, dort gibt es kleine Kaffeehäuser, Kegelbahnen und Herbergen wie den Kratzplatz in der Nachtigallstraße. Die prächtige Felsenkirche am Diamantenberg in den Klippen ist einmal täglich für eine Stunde zugänglich. Dann durchdringt die Nachmittagssonne die Glasfenster, die Kaiser Wilhelm gespendet hat.

Diamanten-Geisterstadt . . .
Diamanten-Geisterstadt . . .

Der Ort hat auch dunklere Seiten: Das berüchtigte Konzentrationslager auf Shark Island, wo gefangengenommene Orlam und Nama mit ihren Familien interniert wurden, überlebten nicht einmal 500 von rund 2000 Insassen - Zwangsarbeit (Bahn- und Straßenbau), prekäre hygienische Zustände und Mangelernährung trugen das Ihre dazu bei. Heute durch einen Damm mit dem Festland verbunden, erinnert wenig an das Grauen von 1904 - ein einsamer Leuchtturm, ein Campingplatz und die alte Feuerwehrstation, mit Blick auf den kleinen Hafen, wo einige Diamantenschiffe, die den Meeresgrund nach Edelsteinen absaugen, zwischenlagern.

Ohne einen kurzfristigen Diamantenrausch wäre Lüderitz wohl rasch in Vergessenheit geraten: 1908 fluteten Glücksritter die Region, und der Bau der Bergbausiedlung Kolmannskoop, heute eine touristisch gut erschlossene Geisterstadt zehn Kilometer landeinwärts, machte Lüderitz plötzlich reich - denn hier gab es Wasser und Bars für die Kumpel aus aller Welt. Rasch wurde ein "Sperrgebiet" definiert, das bis zur südafrikanischen Grenze am Oranje-Fluss reicht, um unkontrolliertes Schürfen zu untersagen.