Die vier Affen können es kaum erwarten, dass die Käfige geöffnet werden. Aufgeregt springen sie zwischen den Gittern umher und recken neugierig die Köpfe. Die Primaten haben gerade eine einstündige Fahrt durch Rio de Janeiro auf der Ladefläche eines Pickup-Trucks hinter sich. Nun stehen ihre Käfige am Rande des Tijuca-Nationalparks.

Als Beamte von Rios Umweltpatrouille die Türen öffnen, sind die Affen mit einem Satz im Wald, klettern auf Bäume und kreischen. Die vier sind Schwarze Kapuzineraffen, eine gefährdete Art, die durch ihren lustig nach oben stehenden Haarschopf auffällt. Sie ziehen in Gruppen von bis zu 20 Tieren durch die Küstenwälder des südöstlichen Brasilien und ernähren sich von Früchten, kleinen Wirbeltieren und Insekten. Fast ihr gesamtes Leben verbringen sie auf Bäumen - und dabei passieren Unfälle.

Denn so behände die Affen auch sind, manchmal stürzen sie ab und verletzen sich. Sie verkalkulieren sich bei Sprüngen oder wählen einen morschen Ast. Bei Auseinandersetzungen mit Rivalen können sie tiefe Bisswunden erleiden. In der Wildnis haben die meisten dieser lädierten Tiere kaum eine Überlebenschance und verenden qualvoll.

Wie in der Arche Noah

Nur wenige haben das Glück, gefunden zu werden. Sie werden in Rio dann zu Jefferson Pires gebracht. Er ist Veterinär mit dem Spezialgebiet Wildtiere, eine Zeitung hat ihn einmal als "Dschungeldoktor von Rio" bezeichnet.

Tatsächlich hatte der 40-Jährige schon alles auf dem Operationstisch: vom fünf Gramm schweren Kolibri bis zur 230-Kilo-Schildkröte. Auch die Affen, die an diesem Morgen wieder in den Wald entlassen wurden, waren in seiner Obhut. "Sie hatten verschiedene Frakturen", sagt Pires. "Einen angebrochenen Kiefer, einen angeknacksten Rücken. Die Natur kann grausam sein."

Pires, ein kräftiger Typ mit Vollbart und Glatze, ist Chef im Rehabilitationszentrum für Wildtiere (CRAS) am Stadtrand von Rio. Wenn man die Klinik betritt, muss man an die Arche Noah denken, so viele Tiere sind da. In einer Voliere sitzen Habichte, Geier und ein seltener Weißschwanzbussard. Aus dutzenden weiteren Käfigen wird man von Eulen, Leguanen, Affen, Faultieren, Ameisenbären und einem Wasserschwein beäugt. Auch ein verängstigter Fuchs kauert in einem Verschlag. Pires musste ihm eine Pfote amputieren. "Wahrscheinlich ein Autounfall", sagt er.

Neun verletzte Tiere werden täglich im Schnitt zu Pires gebracht, meistens von Rios Umweltpatrouille. Deren 15 Beamte sind rund um die Uhr im Einsatz und können von Bürgern alarmiert werden, die Wildtiere in Not gefunden haben. Erst am Abend zuvor lieferten sie eine zwei Meter lange Anakonda mit Verbrennungen ein.

Ein Opossum-Baby wird gefüttert. - © Evgeny Makarov
Ein Opossum-Baby wird gefüttert. - © Evgeny Makarov

Es mag verblüffen, aber all diese Tiere sind Großstadtbewohner. Wie keine andere Metropole der Welt liegt Rio in der Wildnis und die Wildnis liegt in Rio. Es kann hier passieren, dass morgens ein paar Krallenäffchen auf dem Balkon vorbeischauen, zu Mittag ein Tukan krächzend im Baum gegenüber sitzt und sich am Abend zwei Opossums um das Katzenfutter streiten.

Ermöglicht wird diese Artenvielfalt durch eine einzigartige Topographie, die zahlreichen Arten eine Nische bietet: bewaldete Bergketten, spektakuläre Felsformationen, ausgedehnte Gewässer. Mit dem auf 1.021 Meter aufragenden Nationalpark von Tijuca und dem Pedra-Branca-Schutzgebiet besitzt Rio den größten innerstädtischen Dschungel der Welt, kürzlich wurde hier sogar ein Puma gesichtet.

Wiederaufforstung

Das alles ist umso verblüffender, weil es im 19. Jahrhundert keinen Wald in Rio mehr gab. Er war für Kaffeeplantagen gerodet worden. Als der Kahlschlag zu Trockenheit führte, beschloss Kaiser Dom Pedro II. 1862 die Wiederaufforstung. Es war das erste große Bewaldungsprojekt der Welt. Es dauert bis heute an, etwa wenn verschwundene Arten wie Aras oder Landschildkröten neu angesiedelt werden.

So positiv dies auch klingen mag - Rios Wildnis ist in Gefahr. Die Stadt mit ihren zwölf Millionen Einwohnern dehnt sich unaufhaltsam aus, wächst unkon-trolliert und oft illegal. Immer näher drängt sie an die Ufer der Lagunen heran, immer tiefer expandiert sie in den Wald. Es werden Häuser und Wohnblocks errichtet, häufig von Mafias. Neue Favelas entstehen, Bäume werden gefällt, Flächen asphaltiert, Feuchtgebiete ausgetrocknet, Stromleitungen gespannt.

Parallel nimmt die Verschmutzung zu. Immer mehr Müll landet in der Umwelt, Abwässer fließen ungeklärt in Flüsse und Lagunen, manche Kanäle sind verstopft von Plastikabfall. Allein Rios Guanabara-Bucht muss pro Tag 90 Tonnen Müll verkraften, der hineingeschwemmt wird. Der Lebensraum der Tiere schrumpft dadurch nicht nur dramatisch, er wird auch immer schmutziger, giftiger und gefährlicher. Jefferson Pires kümmert sich in seiner Klinik um die Tiere, die bei dieser Attacke des Menschen auf seine Umwelt unter die Räder geraten.

Falke mit Schusswunde

"Ein Drittel der Tiere, die kommen, überlebt nicht", sagt er. "Ein weiteres Drittel ist so schwer beeinträchtigt, dass es nur in einem Tierhospiz weiterleben kann. Ein Drittel stellen wir wieder her. Ich glaube, das ist eine gute Rate, wenn man bedenkt, dass tausende Tiere unbemerkt in der Wildnis verenden."

Pires kümmert sich um Affen, die Stromschläge an schlecht isolierten Leitungen erleiden; um Wasserschweine, die von Booten gerammt werden; um Kaimane, deren Mägen voller Plastik sind; um Vögel, die in die Schnüre von Papierdrachen fliegen. Es kommen kleine Säugetiere wie Stachelschweine, die von Hunden angefallen wurden. Auch ein Faultier war schon bei Pires, das es fertiggebracht hatte, sich die Nase zu brechen. "Normalerweise haben sie Arm- und Beinfrakturen, wenn sie vom Baum fallen", sagt Pires.

Pires’ bisher spektakulärster Fall war ein Schopfkarakara, der auf Deutsch auch Geierfalke heißt. Er hatte eine Kugel im Herzen, das noch schlug. Pires operierte sie heraus - und der Vogel überlebte. Seine vielleicht ungewöhnlichsten Patienten waren ein Seepferdchen mit einer Entzündung sowie eine Vogelspinne mit einer Hautinfektion.

So sehr sich Pires jedoch bemüht, viele Tier sind nicht mehr zu retten. Am Nachmittag bringt die Umweltpatrouille ein völlig zerzaustes Büscheläffchen in einem Pappkarton. Pires zieht an seinen Beinen und schließt aus der fehlenden Reaktion, dass sein Rückgrat gebrochen sein muss. Er bittet eine Studentin, dem Tier eine Morphinspritze zu geben. Sollte sich seine Diagnose nach einer Röntgenaufnahme bestätigen, muss er das Äffchen einschläfern.

Romantisierte Natur

Für die Natur wäre das nicht allzu tragisch, sagt Pires. Diese Art von Büschelaffen sei aus dem nördlicheren Bundesstaat Bahia eingewandert und verdränge die Goldenen Löwenäffchen, die vom Aussterben bedroht seien. Außerdem plünderten sie Vogelnester. "Jedes dieser Äffchen frisst hunderte Vogeleier und tötet Jungvögel", sagt Pires. "Aber die Menschen finden die Äffchen süß. Sie romantisieren die Natur."

- © Evgeny Makarov
© Evgeny Makarov

Pires holt jetzt die Riesenboa aus ihrer Plastikbox, umfasst ihren Kopf, damit sie nicht zubeißt, denn neben ihrer enormen Kraft hat sie auch scharfe Zähne. Er legt die zwei Meter lange Schlange auf den OP-Tisch, sie ist stark verbrannt, ihr rohes Fleisch ist sichtbar und sie blutet. Was ihr zugestoßen ist, kann Pires nur erahnen, eventuell ein Buschfeuer.

Pires horcht mit einem Stethoskop nach dem Herz der Schlange und gibt ihr eine Narkose-Spritze. Als sie schlaff ist, wird sie auf den Hof getragen und gewaschen. Dann cremt Pires sie mit einer Salbe ein und verbindet sie. Pires hofft, dass die Wunden der Schlange heilen und ihre Haut nachwächst.

Danach geht es in die Röntgenabteilung. Pires will eine Schildkröte, einen Habicht und zweiTejus röntgen lassen, eine große Echsenart. Auf den Aufnahmen sieht er, dass die Schildkröte vier Eier im Leib trägt, aber sie nicht legen kann, weil ihre Vagina entzündet ist. Der Habicht hat Flügelfrakturen und die Kugel eines Luftgewehrs im Leib. Die beiden Echsen haben Beinfrakturen.

Pires wird versuchen, sie alle zu retten. "Ich mag an meiner Arbeit, dass ich helfen kann", sagt er. "Ich verdiene zwar weniger als ein Veterinär, der sich um Kühe und Schweine kümmert, aber mein Einsatz für diese Viecher macht mich glücklich."