Was ist heute, fünfzig Jahre nach seinem Tod, von Ernst Fischer, dem Dichter, dem Schriftsteller und Journalisten, dem Politiker und marxistischen Theoretiker geblieben, der mit der Fülle seiner Begabungen wohl zu den vielseitigsten und widersprüchlichsten Persönlichkeiten der jüngeren österreichischen Geistesgeschichte gehört?

Ist es das Beispiel eines Menschen, der bis ans Ende seines Lebens bereit war, Irrtümer einzugestehen, ohne deshalb seine Überzeugungen preiszugeben? Ist es der exemplarische Fall eines Intellektuellen des 20. Jahrhunderts, der sich bereits früh auflehnte gegen das Überkommene, gegen die Welt der Väter, gegen alle angemaßte, alle versteinerte Autorität - "zu gehorchen war mir verhaßt, zu befehlen unangenehm", bekennt er in seiner Autobiographie - und der doch einen beträchtlichen Teil seines Lebens damit verbringen sollte, sich einem Parteidogma unterzuordnen, einer eisernen Parteidisziplin sich zu fügen - jener der kommunistischen Partei unter Stalin -, so lange, bis die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit unüberbrückbar wurde und der unbestechliche Denker in ihm aufbegehrte und sich zur Wehr setzte?

Ist es vielleicht die Erinnerung an den blendenden politischen Rhetoriker, dessen Parlamentsreden die Zeitgenossen aufhorchen ließen und der auch bei öffentlichen Versammlungen durch die Klarheit und Originalität seiner Formulierungen ein breites Publikum zu beeindrucken wusste? Oder sind es nur einzelne Momente medialer Wirksamkeit, die in den Zeitkapseln der Rundfunkarchive aufbewahrt sind?

Leiser Nachruhm

Sein Wort vom "Panzerkommunismus" angesichts der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings, einer Tragödie, die ihn zutiefst erschütterte und schließlich - nach jahrelanger konfliktreicher Entfremdung - seinen endgültigen Bruch mit der Kommunistischen Partei bewirkte, ohne dass er deshalb, wie so mancher in seiner Generation, auch nur einen Augenblick zum Renegaten wurde? Oder seine gern zitierte Formel von der Kunst, die nichts muss und alles darf, geprägt in einer der zahlreichen Ansprachen und Vorträge während seiner letzten Lebensjahre?

Nun, prägnante Formeln wie diese pflegen sich zu verselbständigen, führen ihr Eigenleben weitab von der Quelle, aus der sie stammen. Wer fragt bei geflügelten Worten, die unzählige Male aufgegriffen wurden und dementsprechend abgegriffen sind, nach der Urheberschaft? Für dauernden Nachruhm sind sie schlechte Garanten.

- © Rowohlt
© Rowohlt

Auch die gut zwei Dutzend Bücher und Broschüren, die Ernst Fischer zwischen 1920 und seinem Tod am 31. Juli 1972 veröffentlicht hat - Werke höchst unterschiedlicher Art, vom Lyrikband bis hin zur Sammlung politischer Leitartikel, vom literarhistorischen Essay bis zur weitgespannten Abhandlung zu Fragen der Ästhetik, von zeitdiagnostischen Schriften bis hin zu reiner Belletristik wie einem Dialogroman über Prinz Eugen, den Fischer gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lou verfasste -, wirken zwar bis heute auf die eine oder andere Weise nach und wecken da und dort noch Interesse, einen festen Platz in der österreichischen Literaturgeschichte aber haben sie ihm nicht gesichert. Das ehrgeizige Projekt einer Fischer-Werkausgabe, von Karl-Markus Gauß und Ludwig Hartinger vor bald vierzig Jahren mit großem Engagement realisiert, konnte daran nichts ändern.

Ein kanonisierter Autor ist Ernst Fischer nicht geworden, nicht mit seinen "Erinnerungen und Reflexionen", einer Autobiographie von hohem literarischem Reiz, die bei ihrem Erscheinen 1969 große Beachtung fand und in den deutschsprachigen Feuilletons ausführlich gewürdigt wurde; nicht mit seinen zahlreichen populärwissenschaftlichen Werken wie "Von der Notwendigkeit der Kunst", das seinerzeit eine internationale Leserschaft fand; und erst recht nicht mit seiner temperamentvollen, die große Geste niemals scheuenden und dabei doch immer formstrengen Lyrik.

"Vogel Sehnsucht": So heißt der Band, mit dem der Grazer Offizierssohn anno 1920 debütierte; keine Jugendsünde, kein unausgegorenes Frühwerk, sondern eine Sammlung, die, bei aller alterstypischen Nachahmung vorhandener Muster, ein enormes Talent verrät, einen jungen Autor, der Verse zu bauen und aus Worten Bilder zu fügen versteht. Diese Wurzel seines Schreibens hat Fischer, bei allen Brüchen und Zäsuren in seiner Biographie, bei allen Wendungen, die sein Weg später genommen hat, nie verraten: Zur Lyrik kehrte er denn auch in späteren Jahren immer wieder zurück, etwa mit seinem Band "Herz und Fahne" von 1949 oder mit den "Elegien aus dem Nachlass des Ovid", einem 1963 im Leipziger Insel-Verlag erschienenen lyrischen Pastiche, mit dem es ihm gelang, die DDR-Zensur zu überlisten und verdeckte Regimekritik zu üben.

Brillante Essays

Von seinen Gedichten allerdings hat kaum eines Eingang gefunden in die gängigen Anthologien, und über seine Verlaine- und Baudelaire-Nachdichtungen, die 1947 in dem Band "Die schwarze Flamme" gesammelt wurden, ist eine Flut jüngerer Übertragungen hinweggerollt. Auch die Essays über Dichter und Dichtung der österreichischen Literatur wie der Weltliteratur, über Grillparzer und Musil, Gogol und Goethe, Lenau und Kleist, aber auch über das "Endspiel" von Samuel Beckett, seine Überlegungen über das Problem des Realismus oder über Gedicht und Umwelt, über Kunst und Kunstwerke und deren Beziehung zur Wirklichkeit - Arbeiten, in denen sich Fischers Eigenart als Autor am deutlichsten zeigt, seine stilistische Brillanz wohl am stärksten zum Ausdruck gelangt -, sind ein Gegenstand für Forscher und Fachleute geblieben, darüber hinaus aber kaum noch präsent.

- © Clio Graz
© Clio Graz

Die große Ernst-Fischer-Mode der 1960er Jahre, als seine Essaysammlungen "Kunst und Koexistenz" und "Auf den Spuren der Wirklichkeit" als Rowohlt Paperbacks auf den Markt kamen, und zwar in beachtlich hohen Auflagen, fand keine Reprise. Wie denn auch, ist doch die Konstellation, der sie sich verdankte und die Fischer während seiner letzten zehn Lebensjahre so große Resonanz verschaffte, als Vordenker eines Reformkommunismus auf dem Feld der Ästhetik, als Vaterfigur einer neuen Generation junger Linker, unwiederholbar.

Worin liegt also die besondere Bedeutung Ernst Fischers? Warum sich heute an ihn erinnern? Nicht so sehr wegen dieser oder jener klarsichtigen und anregenden Ausführungen zur modernen Kunst, die sich in seiner reichen Essayistik findet, nicht so sehr wegen der schwungvollen literarischen Feuilletons, die er, in der Zeit vor 1934, vor seinem enttäuschten Übertritt von der Sozialdemokratie zur Kommunistischen Partei verfasste, für den Grazer "Arbeiterwillen" und die Wiener "Arbeiterzeitung", zu Fragen der modernen Literatur und des modernen Lebens, zum Zusammenhang zwischen dem Eros und der Revolution - sondern vor allem wohl wegen seines realpolitischen wie auch geistigen Beitrags zur Gründung der Zweiten Republik.

Aus dem Moskauer Exil nach Österreich zurückgekehrt, ging Fischer unverzüglich daran, in Wort und Tat mitzuhelfen, ein neues Staatswesen zu errichten. Er wurde Staatssekretär für Unterricht im provisorischen Kabinett Renner und daneben erster Chefredakteur der Zeitung "Neues Österreich". Nach der langen Irrfahrt durch die Labyrinthe eines Zeitalters der Angst, des Terrors und der Diktaturen war er nun endlich angekommen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht: Angekommen in der Heimat, angekommen in einer neuen Zeit und in einem neuen Gemeinwesen, zu dessen Repräsentanten er gehörte. Der oft beschworene Zwiespalt seines Lebens - hier Träumer, hier Tatmensch - war nun vergessen, galt es doch, einen neuen Anfang zu setzen, und ein solcher braucht beides: den Traum von der Zukunft und die Tat hier und heute.

"Wir gehen an eine schwere Arbeit", schreibt Fischer in seinem Leitartikel zum "Neuen Österreich" vom 23. April 1945. "Aber es ist eine Arbeit für uns selbst, nach langen Jahren der Knechtschaft wieder für uns selbst, für das Glück unserer Kinder, für das Wohl unseres Volkes, für ein freies, unabhängiges Österreich. Mit vereinten Kräften werden wir die aufgetürmten Schwierigkeiten überwinden, aus unserer Heimat machen, was sie zu sein verdient: ein Land des Friedens, der Freiheit, des schöpferischen Menschentums."

Ernst Fischer in den 1950er Jahren. 
- © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

Ernst Fischer in den 1950er Jahren.

- © ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com

Der Kalte Krieg hat noch nicht begonnen, die Welt ist noch nicht in den Antagonismus von Ost und West, in starre Blöcke zerfallen, da sieht Fischer die Hoffnung auf eine demokratische Erneuerung Europas: "Auf neuen Wegen wird jedes Volk in demokratischem Wettbewerb seine Kräfte erproben, [...] seine Fähigkeit, das Neue zu gestalten und an der Neuschöpfung Europas teilzunehmen." Vor diesem Hintergrund fordert er die Stärkung des österreichischen Patriotismus, um aber gleich - wie in einer Rede vor Schriftstellern und Journalisten im Juni 1945 - daran zu erinnern, "dass wir keine Angst zu haben brauchen, möglichst viel Fremdes, viel Anderes in uns aufzunehmen. Nur wer sich in Wirklichkeit schwach fühlt, hat Angst vor dem Einfluß der Welt. Wer sich stark fühlt, macht die Arme auf und läßt die Welt an sich heran, weil er weiß, es wird ihn nicht hinwegschwemmen, sondern es wird ihn reicher machen."

Hoffnung behalten

Mehrere Jahrzehnte später, in einem Interview anlässlich seines 70. Geburtstags, das er dem Österreichischen Rundfunk gab, räumte Fischer rückblickend ein: "Ich muss offen sagen: Ich hatte damals [1945] sehr große, fast phantastische Hoffnungen über die Entwicklung Österreichs, Hoffnungen, die ich nicht endgültig begraben möchte. Ich hatte gehofft, dass Österreich zu einem neutralen Staat in jeder Beziehung wird, zu einem Zentrum europäischer Kultur und europäischer und internationaler Verständigung, ich hatte gehofft, hier eine Art neues Athen errichten zu können, ein Land ohne Militär, ein Land ohne Vorurteile, ein Land, das in die Zukunft blickt und nicht in die Vergangenheit. Jeder wird bestätigen, dass diese meine Hoffnungen Illusionen waren, aber ich bin nicht bereit, irgendwelche Hoffnungen meines Lebens aufzugeben."

Bis zuletzt hielt Ernst Fischer seine Hoffnungen aufrecht, sah er den glänzend blauen Vogel Sehnsucht seiner Jugendtage die Schwingen spannen und in Richtung Zukunft fliegen ...