Gebratene Ente, Schokokugeln vom Christbaum, Kekse, Lebkuchen, mit Freunden anstoßen, die Familie besuchen, mit Arbeitskollegen plaudern, beim Schilift anstehen, bei der Wurstabteilung warten, am Arbeitsplatz sitzen, beim Punschstand stehen, sich durch Einkaufsstraßen schieben – in der Fülle von allem stehen und sich als Hülle fühlen und ein paar Monate danach ist es plötzlich still.

Sie sieht sich im Zimmer um. Die hellbraunen Möbel wirken sauber, aber veraltet. Der Spannteppich zieht sich bis zu den weißen, kalten Fließen im Badezimmer. Gedanken an die Sterilität des Spitalszimmers kommen hoch. Ein kleiner Tisch, ein Sessel, ein Kasten. Mehr braucht es nicht, um sich an weniger zu gewöhnen. Weniger bis nichts von allem, was davor war. Sie befindet sich mitten in ihrer ersten Fastenwoche ihres Lebens in einem Kloster im Waldviertel.

Ihr Blick fällt aus dem Fenster. Der Frühling ist bereits zu spüren und doch sind die Äste der Bäume noch leer. Es ist kalt. Es ist unerträglich still. Gefühle kommen hoch. Wut, Ärger, Trauer – "Warum ich? Warum tu ich mir das an? Jetzt bin ich ganz allein", denkt sie. Sie muss hinaus, die Treppen hinauf, zur Rezeption, ein Mensch dahinter. Er lächelt sie freundlich an. Bücher in einem Regal, Sprüche an der Wand. Sie atmet auf, sie ist wieder beschäftigt.

Entdeckung der Stille

"Einsamkeit ist nicht Stille", sagt Klaus Rebernig, Geschäftsführer und Entwickler des Fastenklosters Pernegg. "Wenn wir hier Einsamkeit gestalten würden, dann würden unsere Gäste permanent am Handy hängen. Wir bieten deshalb im Rahmen unserer ganzjährigen Fastenkurse die Entdeckung der Stille an. Einen ganzen Tag widmen wir dieser sehr persönlichen Entdeckung. Die Mehrheit nimmt dieses Angebot auch in Anspruch. Das Handy abzudrehen, sich wieder mit sich selbst zu beschäftigen, sich wahrzunehmen, ist eine Chance. Das kann man bei uns gut üben."

Die erste Fastenwoche hat Struktur. Regelmäßiges Treffen mit der Gruppe, Yogastunden, Messebesuch, Kinoabend im Klosterkeller – und doch ist sie alleine. Sie liegt in ihrem Bett im Zimmer und starrt auf die Decke. Auf ihrem oberen rechten Bauch liegt ein Leberwickel. Hunger hat sie keinen mehr. Die Gedanken scheinen nicht mehr aus dem Kopf, sondern aus dem Herzen zu kommen. Ärger über vergangene und aktuelle Konflikte mit Menschen, die ihr nahe stehen, werden laut und nehmen voll und ganz ihre Gedankenwelt ein. Sie schreibt Briefe, lässt ihren Gefühlen freien Lauf. Sie hält sich nicht mehr zurück. Es ist auch niemand da, vor dem sie es müsste.