Heute bilden jene Exotica, die vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert nach Europa verschifft wurden, den Grundstock der Bestände in den Depots. Einige der Häuser, die sie beherbergen, nennen sich noch immer Völkerkundemuseum, andere wurden umbenannt: Weltmuseum (Wien), Museum der fünf Kontinente (München), Weltkulturenmuseum (Frankfurt), Museum der Kulturen (Basel), allesamt hochtrabende Namen, die noch immer den fürstlichen Grundgedanken der Renaissance zu enthalten scheinen, Universalmuseum zu sein, die Welt als Ganzes in ihren Teilen zu bewahren.

Der "edle Wilde"

Anfänglich war es Neugierde, die in der frühen Neuzeit zum Entstehen der Sammlungen führte, und die erwünschte Art der Rezeption sah vor, dass die Dinge beim Betrachter Staunen auslösen. Dann fand ein Paradigmenwechsel statt, der in der Aufklärung begann und im 19. Jahrhundert vollzogen war: Das Exotische und Kuriose, das man bestaunte, auch bewunderte, wurde umkonstruiert.

Einerseits wurde es zum Primitiven, auf das man herabschaut. Es war die Hochblüte des Kolonialismus, und die imperialistische Expansion und Ausbeutung bedurften der Rechtfertigung. Andererseits wurden das Fremde und Unverständliche zum "Exotistischen" verklärt, der Topos des "edlen Wilden" wurde popularisiert, in der Romantik kamen Gegenbilder zu den damaligen Lebensentwürfen in Mode.

Im Verlaufe der kolonialzeitlichen Übergriffe dehnten die europäischen Länder ihre Grenzen aus, und die Museen komplettierten ihre Bestände. Kaufleute, Missionare, Matrosen, Wissenschafter und Weltenbummler waren die Lieferanten jener merkwürdigen Dinge aus aller Welt, nunmehr Ethnographica genannt, die von Kustoden mit großem Eifer zusammengetragen, inventarisiert, beschrieben und ausgestellt wurden.

Den Methoden der kolonialen Expansion entsprachen die Praktiken beim Erwerb der Dinge. An so manchem Objekt klebt Blut. Hausrat, Musikinstrumente, Werkzeuge, Waffen, Textilien und Paraphernalia wurden billig gekauft, getauscht, abgeschwatzt, teils gestohlen oder erpresst, und landeten dann auf verschlungenen Wegen in Sammlungen und Museen. Natürlich geschah das, wie andere koloniale Barbareien, auch mit Hilfe einheimischer Mittelsmänner, die sich als kundige Zuträger unentbehrlich machten.

Bedeutungswandel

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten - zurückgehend auf Gauguin - Kubisten, Fauvisten und Brücke-Künstler die Außereuropäischen und erklärten zur Kunst, was bisher als Figur und Maske, als Holzschnitzerei, Bronzeguss oder Fetisch im Museum ausgestellt oder auf Trödelmärkten billig zu erwerben war. Picasso, Braque, Derain, Vlaminck, Matisse und andere fanden in den Gegenständen aus Übersee, nunmehr "primitive Kunst" genannt, was sie in der europäischen entbehrten - Stilisierung und Abstraktion, Verzicht auf Naturalistisches zugunsten von Expressivem.

Die immer noch gleichen Dinge wurden also wieder mit neuer Bedeutung aufgeladen, es änderten sich ihr Wert, ihr Preis und die Kategorie, der sie zugehörten, sie wurden zu Antiquitäten und zu Handelsware auf internationalen Auktionen. Aus Kuriosa, Exotica und Ethnographica war Kunst geworden.