Schon während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester liebäugelte Juliana Stankova mit dem Gedanken, nach Deutschland auszuwandern. Weil sie für die Bewerbung neben ihrem EU-weit anerkannten bulgarischen Di-plom und einer mindestens dreijährigen Berufserfahrung auch gute Deutschkenntnisse vorweisen musste, eignete sie sich in einer der zahlreichen Fremdsprachenschulen in Sofia berufsbegleitend die Sprache Goethes an.

Dass Juliana Stankova gleich auf Anhieb eine Stelle fand, ist nicht überraschend. In Deutschland, aber auch in Großbritan-nien, sind Gesundheitsfachkräfte aus dem Balkanland schon seit Jahren sehr gefragt. Geschätzt wird in diesen Zielländern nicht nur das gute Niveau der bulgarischen Krankenpflegeausbildung; Bulgaren gelten allgemein als besonders fremdsprachenbegabt. Deshalb findet man sie auch in zahlreichen anderen Ländern, darunter die USA, Kanada und sogar Südafrika.

Finanziell abgespeist

"Die Suche nach qualifizierten Arbeitskräften ist heutzutage eine wohlorganisierte Jagd nach Talenten, und das gilt auch zunehmend für den Pflegesektor", erklärt die auf Arbeitsmigration spezialisierte Gesundheitsberaterin Mireille Kinga. Ohne massive Zuwanderung würde in den Industrieländern das Gesundheitssystem vielfach nicht mehr funktionieren.

Meist sind es die geringen Verdienstmöglichkeiten, die bulgarische Fachkräfte veranlassen, ihrer Heimat den Rücken zu kehren. Bekommt ein Facharzt in der Hauptstadt monatlich umgerechnet 900 Euro, müssen sich Ärzte auf dem Land häufig mit der Hälfte zufriedengeben. Noch eklatanter sind die Einkommensunterschiede bei Krankenpflegepersonen: Während die Arbeit einer OP-Schwester in Sofia mit bis zu 400 Euro vergütet wird, werden die Kolleginnen in entlegenen Gebieten nicht selten mit umgerechnet 130 Euro abgespeist.

Weil man damit wahrlich keine großen Sprünge machen kann, müssen viele Pflegepersonen zusätzliche Jobs übernehmen. Die Jüngeren wollen das nicht mehr länger akzeptieren und verlassen ihre Heimat. Wie die Vorsitzende des bulgarischen Verbandes der Pflegefachkräfte BAHPN, Stanka Markova, mitteilt, sind von den gut 55.000 Krankenschwestern, die vor der im Jahr 1989 erfolgten Wende tätig waren, nur knapp die Hälfte im Land geblieben. Derzeit liege das Durchschnittsalter der Krankenschwestern bei etwa 50 Jahren. Der Anteil jüngerer Fachkräfte unter 30 Jahren beträgt gerade einmal vier Prozent. "Inzwischen ist der Mangel an Krankenschwestern deutlich zu spüren, und zwar nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Hauptstadt", berichtet sie.