Der Runde Tisch (im Präsidentenpalast in Warschau). - © Adrian Grycuk
Der Runde Tisch (im Präsidentenpalast in Warschau). - © Adrian Grycuk

Die Rechnung ging nicht auf, die mitteleuropäische Revolution von 1989 strahlte aus auf das gesamte Imperium. Innerhalb der UdSSR setzten die Kommunisten daraufhin zum Teil auf Gewalt, um den Wandel zu stoppen. Gorbatschow schickte Truppen in die baltischen Republiken. Kommunistische Betonköpfe wollten im Sommer 1991 Gorbatschow stürzen und beschleunigten damit nur den Zusammenbruch des Sowjetreiches. Auf den Trümmern des roten Imperiums entstand die Russische Föderation.

Die baltischen Staaten wurden souverän, die Ukrainer konnten nach zahlreichen erfolglosen Versuchen im 20. Jahrhundert endgültig ihren eigenen Staat errichten - und verzichteten auf ihr Atomwaffenpotential. Im Gegenzug garantierte Russland im Budapester Memorandum 1994 die Unantastbarkeit der ukrainischen Grenzen. Territoriale Integrität der Ukraine und im Gegenzug das militärische Atommonopol Russlands in Osteuropa, das war der Deal. Ein wichtiges Element der politischen Ordnung Europas nach 1989, einer Ordnung, die Russlands Präsident Putin mit dem Krieg in der Ostukraine infrage gestellt hat.

Europäische Union

Der Zusammenbruch des kommunistischen Herrschaftsbereiches gab der Idee der politischen Integration Europas Anfang der 1990er Jahre neuen Auftrieb. Die Staaten des Westens bauten 1993 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft in eine Europäische Union um, betonten die politischen Grundlagen der Integration und intensivierten gleichzeitig die ökonomischen Verbindungen. Im Vertrag von Maastricht von 1992 wurde die finanzielle Integration vertieft, die Einführung einer gemeinsamen Währung als konkretes Ziel formuliert. Neutrale Staaten in der Zeit des Kalten Krieges wie Österreich, Schweden und Finnland traten 1995 der Europäischen Union bei und stärkten deren ökonomische wie politische Attraktivität.

Die Revolutionen von 1989 veränderten Europa grundlegend, doch die Geschehnisse sind in den Erinnerungen der heutigen Europäer tief verschüttet, ihre Bedeutung verblasst. Europas Nationen haben sich stark in ihren Identitäten, Traditionen und Kulturen vergraben, in ihren eigenen Problemen verschlossen. Darüber hinaus scheint gegenwärtig deutlich zu werden, dass wir es nicht verstehen, das Jubiläum 1989/2019 für positive Bindungen zwischen den europäischen Gesellschaften zu nutzen, um ein gemeinsames politisches Traditionsbewusstsein zu pflegen.

Dies wurde in den ersten Monaten dieses Jahres ganz deutlich. Der 30. Jahrestag des polnischen Runden Tisches, der ersten halbfreien Parlamentswahlen vom 4. Juni oder der ungarische Runde Tisch, all diese Ereignisse fanden in den europäischen Medien und auf der europäischen politischen Bühne kaum Erwähnung, kaum Anerkennung. Dabei ist der 4. Juni 1989 ein Datum von welthistorischer Bedeutung. An jenem Tag gewann die Solidarność die halbfreien Wahlen, die Bürger entzogen den Kommunisten ihre politische Legitimität, und in China rollten die Panzer, schlugen eine gewaltfreie Demokratiebewegung blutig nieder. Polen öffnete den Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft, Chinas KP-Führung entschied sich zur Einparteien-Diktatur mit Kapitalismus und ohne offene Gesellschaft. Beide Ereignisse verbanden Solidarność und Perestrojka.