Wer zum "Vorlass" des wichtigsten Impulsgebers der Frankfurter Schule im Gefolge von Adorno und Horkheimer will, muss den Kopf einziehen. Das Habermas-Archiv in der Universitätsbibliothek Frankfurt ist so, wie sein Archivar Matthias Jehn "den berühmtesten Philosophen der Gegenwart" ("Die Zeit") beschreibt: "bescheiden". Schaut Jürgen Habermas bei seinen gesammelten Werken vorbei, dann "kommt er durch die Hintertür", sagt Jehn. Wer es ihm nachmachen will, muss mit dem Leiter des Archivzentrums in den Keller des in die Jahre gekommenen 1960er-Baus an der Bockenheimer Warte hinunter steigen.

2010 überließ Habermas 16 Regalmeter Manuskripte, Notizen und Briefe der Bibliothek in Frankfurt, wo er mit Unterbrechungen von 1964 bis 1994 an der Goethe-Universität lehrte. Auch Hamburg und München mit ihren Hochschulen wären erpicht da- rauf gewesen, das Werk des Philosophen für die Nachwelt zu verwahren, sagt Jehn. Dass sich Habermas für Frankfurt entschied, "wird hier natürlich hoch wertgeschätzt".

"Kopf einziehen"

Drei Schlüssel braucht Jehn, um Habermas aufzusperren, Alarmanlagen sichern die Bestände. Wenn schon nicht nobel, dann ist der "Vorlass" des Philosophen zumindest sicher verwahrt. Muss man Habermas bewachen? Ja, der Chef-Archivar erinnert daran, dass der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik in seinem der Bluttat vorausgegangenen Pamphlet die Soziologie allgemein und die Frankfurter Schule und ihre Kritische Theorie im Speziellen "als Feinde" titulierte.

Wurde am 18. Juni 90 Jahre alt: Jürgen Habermas. - © afp
Wurde am 18. Juni 90 Jahre alt: Jürgen Habermas. - © afp

Aufpassen müssen auch die Habermas-Besucher im Bibliothekskeller: "Kopf einziehen", mahnt Jehn, nicht wegen dem durchaus angebrachten Respekt vor dem Lebenswerk des Philosophen, sondern wegen den von der Decke hängenden Heizungsrohren. Darf man den Kopf wieder heben, steht man vor 16 Metern Habermas: graue Schachteln und gelbe Ordner, prall gefüllt mit dem Denken eines der weltweit meistrezipierten Philosophen und Soziologen der Gegenwart, voller wissenschaftlicher Arbeiten und journalistischer Artikel sowie der Korrespondenz des politischen Intellektuellen.

Matthias Jehn zieht eine Schachtel aus dem Regal, bis oben hin gefüllt mit Schnellheftern voller Korrespondenz. Zuoberst ein mit Schreibmaschine getippter Brief von Habermas an einen Philosophen-Kollegen an der University of Kansas, datiert mit 17. Dezember 1990, Aktenzahl 2866 JH/hn. "Bei Habermas gibt es eine enorme Tiefe der Erschließung und der Ordnung", erklärt Jehn und lobt die Systematik, Genauigkeit und Vollständigkeit der dahinter liegenden Büroarbeit.