Eigentlich ist es bewundernswert: Zwei Halbwahrheiten, eine aalglatte Lüge, drei maßlose Übertreibungen - fertig ist die angriffige Positionierung, mit der ein Lobbyist seine Hausiererrunde dreht. Manchmal ist es auch Mitleid erregend: Der ehemalige Unternehmensboss twittert eine Dummheit nach der anderen, kann mit Kritik, die ihm dann entgegenschlägt, nicht umgehen, sieht die Schwachpunkte seiner Position nicht - und zieht sich zurück. Manchmal ist es auch einfach nur einleuchtend: Die Politikerin bleibt klar bei ihrer Botschaft, wiederholt ihre Aussagen konsequent, ist konsistent, glaubwürdig und eindeutig im Gespräch. Sie lässt sich weder beirren noch verunsichern - man glaubt ihr.

Ein Element, das diese drei Szenarien unterschiedlich erfreulicher Begegnungen verbindet, ist Ignoranz. Ignoranz? Trotz all des Bemühens, des Drangs, etwas voranzubringen und die Welt zu verändern? Früher war Ignoranz ein Makel der Mächtigen, deren Bäuche in dunklen Anzügen steckten, während sie kettenrauchend in breiten Klubfauteuils saßen und sagten, wo es langgeht. Ihre Meinung zählte, alles andere war nichtig.

Heute sind eine Menge diverser Themen im Zentrum der Aufmerksamkeit angelangt, mit bescheidenen Mitteln lässt sich viel Beachtung erreichen. Die Aktivistin hat auf Social Media mehr Reichweite als der Chefredakteur, der Lobbyist ist häufiger in den Medien als die eigentliche Entscheidungsträgerin. Viele Themen können mit vielen Stimmen gleichzeitig erzählt werden.

Ein Weg zum Erfolg

Von dieser Entwicklung haben sich Kommunikationsexperten vor noch nicht allzu langer Zeit Öffnung, Demokratisierung und Vielstimmigkeit versprochen. Die Allgegenwart von Information, die leichte Auffindbarkeit von Fakten müssten zu viel schnelleren und pragmatischeren Entscheidungen führen, Kompromisse ergäben sich praktisch von selbst. Das Gegenteil scheint allerdings der Fall zu sein. Je mehr verschiedene Stimmen sich Gehör verschaffen können, desto wichtiger ist es, sich in der eigenen Erzählung nicht stören zu lassen.

Von einem Charakterfehler jener, die am Wort sind, ist Ignoranz heute zu einem wichtigen Kommunikationsskill jener geworden, die etwas durchsetzen wollen. Ignoranz stärkt das Bild des entschlossenen, gezielt und kompetent voranschreitenden Akteurs, der im Gegensatz zum verkopften, verworrenen, verlorenen Verwirrten klar und verständlich kommuniziert und das Geschäft beherrscht.

Das ist ein ziemlicher Wandel. Ignoranz und Unbeirrbarkeit sind das Markenzeichen der Erfolgreichen. Wer bei seiner Story bleibt, dem glaubt man sie auch irgendwann einmal. Wer gelernt hat, dass Ignorieren, Faktenverdrehen und Wiederholen die besten Mittel sind, um mit Einwänden umzugehen, erzählt genau die Story, die er will. Im Regime der Ignoranz ist ein offenes Ohr für Argumente ein Zeichen von Charakterschwäche. Donald Trump und Boris Johnson sind die Tanker dieser Taktik. Aber sie sind nicht allein.