10 km/h beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit in den Straßen von Jakarta . . . - © Spreitzhofer
10 km/h beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit in den Straßen von Jakarta . . . - © Spreitzhofer

Abgedeckt wird derzeit nur ein Miniteil der Nord-Südachse, der zudem an der Provinzgrenze zu Bogor endet, da überregionale Raumplanung der bürokratischen Realpolitik zum Opfer fällt. Der Boom der neuen, hippen Self-Contained Cities (inkl. Schulen, Universitäten, Firmenniederlassungen für Personalberater und IT-Konzerne, Krankenhäuser und Vergnügungsparks) von "Sinar Mas Land" und anderen Landentwicklern, die das aktuelle Wirtschaftswachstum Indonesiens - rund 5 Prozent jährlich laut WTO - widerspiegeln, scheint derzeit grenzenlos.

Starker Mittelstand

Designierter Wohlstand für immer mehr Menschen? Fast zwei Drittel der 270-Millionen-Bevölkerung Indonesiens leben auf der Insel Java, das nur etwa sechs Prozent der Landesfläche einnimmt. Die Bevölkerungsdichte liegt bei 1100 Menschen/km2 (in Österreich zum Vergleich: 106). Über zwanzig Millionen Menschen gelten in Java als zunehmend einkommensstarke Mittelschicht, die immer mehr Kapital und immer weniger Platz hat. Immobilien und pendelfreie Arbeitsplätze in sicherer Lage zu besitzen, ist zunehmend attraktiv.

Der Aufstand marginalisierter Bevölkerungsgruppen gegen protzige Neureiche ist dabei gar nicht die größte Befürchtung. Denn ob arm oder reich: Jakarta liegt an tektonischen Schnittstellen und ist latent tsunami- und erdbebengefährdet. Und Jakarta versinkt, für alle gleich, stetig und unaufhaltsam, ganz ohne endogenen Knalleffekt. Dieser Bedrohung sehen sich viele große Megacities ausgesetzt, die meist an Küsten liegen und bauliche Maßnahmen gegen den prognostizierten Anstieg des Meeresspiegels erwägen. Doch für Jakartas Untergang spielt die globale Erwärmung nur eine Nebenrolle.

Zurück nach Sunda Kelapa in Nordjakarta: Der knappe Kilometer nordwärts zum Hafen ist deutlich weniger schick als die Unesco-finanzierten Programme am Taman Fatahillah: urbanes Brachland, Abbruchzonen, dazwischen die Betonstelzen der neuen Hafenautobahn, einige üble Rinnsale hinter stinkenden Müllhaufen. Ein paar verlassene Garküchen auf Rädern und vereinzelte Grabs und Go-Jeks, Motorradtaxis auf Uber-Prinzip, die für ihre Kunden am Sozius grüne Helme bereitstellen: "Ohne Mopeds wäre in den Staus hier oftmals überhaupt kein Weiterkommen möglich. Und bei Überschwemmungen fahren wir meistens auch", sagt Bondok, einer der Fahrer. Er trägt Badeschlapfen, zerrissene Designer-Jeans und eine Kapuzenjacke mit Grab-Logo. Sein Smartphone vibriert ständig, neue Kundschaft wartet.

Heute fährt er wieder im Trockenen, nach den Neujahrshochwassern 2020, die nicht nur den Norden Jakartas wieder einmal unter Wasser gesetzt haben. Plastikmüll hat sich in Büschen verfangen. Ansonsten ist es gespenstisch menschenleer hier, angesichts des bunten Treibens von vorhin und fast überall sonst: Der metropolitane Ballungsraum Jabodetabek - Jakarta und seine Nachbarstädte Bogor, Depok, Tangerang und Bekasi - mit über 30 Millionen Menschen erstreckt sich von hier aus je 40 km süd-, ost- und westwärts, eine der größten Agglomerationen weltweit.

Unter Wasser

Die Slums am Ciliwung-Fluss, der hier mündet, wurden jüngst behördlich entfernt. Kommunale Müllfischer in roten Warnwesten sammeln Treibgut an den Schleusen. In einem Kartonverhau unter der Brücke schläft nur mehr ein einzelner junger Mann. Nicht weit davon entfernt steht eine mächtige, feuchte Mauer zum alten Hafen Sunda Kelapa hin, wo rostige Kutter mit Zement beladen werden. Sie besteht aus verschiedenen Schichten in verschiedenen Grautönen.

"Sie ist auf der alten See-Mauer errichtet, hier unten sieht man die Höhe von 2007. Diese Höhe war von 2012, dann kam eine neue Schicht 2014 und jetzt die große Erhöhung von 2017. Es ist eine ganze Schichtung von See-Mauern. Wie Archäologie, aber normalerweise sieht man tausende von Jahren in solchen Schichten, hier ist es nur ein Jahrzehnt. Und die Wand leckt, denn die Grundmauer ist nicht besonders gut gebaut. Die steigenden Wasserhöhen bringen mehr Druck auf die Mauer, und darum gibt es überall diese undichten Stellen."

Victor Coenen muss es wissen: Er ist Hochwasserschutz-Experte und Projektleiter der niederländischen Bautechnik- und Beraterfirma Witteveen en Bos, die in Jakarta für den "Nationalen Hauptstadt- und integrierten Küsten-Entwicklungs-Masterplan" zuständig ist. Und der ist - ganz unabhängig von Klimawandel und Jahrhundertniederschlägen - zur Überlebensfrage der Stadt geworden, die zu niederländischen Kolonialzeiten deutlich über dem Meeresspiegel lag.