"Interessant, dass es jetzt die Kategorie Tierjournalismus gibt. Das war ja lange Zeit eher so etwas wie die Tierecke." Mit patentem Understatement reagiert Peter Iwaniewicz auf die erste Kontaktnahme seitens der "Wiener Zeitung", der er (er)klären helfen soll, was Tierjournalismus bedeutet und ausmacht. Schließlich hat der Biologe, Buchautor, Lehrbeauftragte der Universität Wien und Ministerialrat, der die Bezeichnung "Mysterialrat" bevorzugt, als Verfasser einer gleichermaßen informativen wie witzigen Kolumne mit dem schlichten Titel "Tiere" in der Wochenzeitung "Falter" maßgeblich zur Schaffung medialer Habitate für die Fauna beigetragen. Aber sein ironischer Einwand stimmt natürlich: Landläufig wird das Begriffspaar "Tiere" und "Medien" immer noch stark mit Edith Klingers Quartiersuche für herrenlose Hunde und Katzen assoziiert.

Aber auch der Internetgigant Google scheint veritable Probleme mit dem Begriff "Tierjournalismus" zu haben. Tippt man nämlich den Terminus in die Suchmaschine ein, erscheinen Ergebnisse für "Fotojournalismus". Da bringt der Algorithmus offensichtlich etwas durcheinander. Wie mittlerweile hinlänglich klar geworden ist, ist die journalistische Auseinandersetzung mit Tieren nicht unabdingbar an Bilder gebunden. Viel eher an journalistische Urtugenden wie Sachkenntnis, Neugierde, Lernfähigkeit und Einsatzwillen. Und die Bereitschaft, über den disziplinären Tellerrand hinauszusehen und größere Zusammenhänge in den Fokus zu nehmen.

Stinken Hornissen?

"Tierjournalismus, wie ich ihn verstehe, erfasst nicht nur das einzelne Tier in seiner Biologie und evolutionären Entwicklung", sagt Renate Pliem, leitende Redakteurin der wochentäglichen Radio-Sendereihe "Vom Leben der Natur" auf Ö1. "Das gesamte sensible Ökosystem, in dem das Tier lebt, muss betrachtet werden. Jedes noch so kleine Insekt, jeder Fisch, jedes Säugetier befindet sich in einem Lebensraum, in einem Gruppengefüge. Diese sind in unserer Zeit permanenten Veränderungen und Bedrohungen unterworfen, wie zum Beispiel Lebensraumzerstörung, Luftverschmutzung oder Klimawandel."

Guter Tierjournalismus sei daher, so die studierte Germanistin und Romanistin, auch Wissenschafts- und Umweltjournalismus. Pliem gestaltet Beiträge für "Vom Leben der Natur", seit die wochentäglich um 8.55 Uhr ausgestrahlte Sendereihe ins Leben gerufen worden ist. Das war 1993. Auch Peter Iwaniewicz’ Tier-Kolumne im "Falter" wurde 1993 gestartet. "Damals ist mir in der Redaktion ein eher kühler Wind entgegengeweht", erinnert er sich. "Nur (Herausgeber, Anm.) Armin Thurnher war dafür."

Aller Skepsis der von urbanen Themen eingenommenen "Falter"-Redaktion zum Trotz erklärt Iwaniewicz bis heute komplexe Zusammenhänge und Details, die man unbedingt wissen muss: ob Hornissen stinken, welche Tiere welche Löcher (im Erdreich, in Pflanzen, in Kleidern) verursachen, dass Menschen den Geruch von Bananen besser wahrnehmen als Hunde. Aber auch sinistre Aspekte wie die für Wildtiere wahrhaft tödliche Allianz der Politik mit der mächtigen Straßenbaulobby oder der illegale Handel mit dem vorgeblich unter strengem Artenschutz stehenden Schuppentier werden unmissverständlich zur Sprache gebracht. Seinen locker-ironischen, manchmal an Satire anstreifenden Erzählton hat Iwaniewicz in Naturführungen geschult, mit denen er sich ein Zubrot zum Studium verdiente und zu vermeiden hatte, Kunden zu langweilen: "Ich musste überlegen, was ich wie erzähle."

Irgendwann hatte er so viele Erzählungen beisammen, dass er meinte, eine Kolumne damit bestreiten zu können. Nachdem u.a. "profil" und "Der Standard" abgelehnt hatten, sagte der "Falter" - nach langer Wartezeit - zu. In fast drei Jahrzehnten journalistischer Praxis und einer noch längeren Geschichte biologischer Tätigkeit hat Iwaniewicz, Jahrgang 1958, viele Entwicklungen miterlebt. "Früher war ein Käfer im 5. Stock nichts Besonderes. Für die naturferne, urbanisierte Gesellschaft von jetzt ist er eine Entdeckung. Die Entfremdung von der Natur hat das Interesse an ihr angefacht. Da ist fast eine neue Romantik eingedrungen", meint Iwaniewicz mit Verweis auf den Zeitgeist des frühen 19. Jahrhunderts, der die Natur, die im Zeitalter der Vernunft noch als bedrohlich erlebt worden war, nun als befreiend empfand.

In der Nachkriegszeit und den Jahrzehnten des ökonomischen Aufschwungs sei die Natur rein unter dem Aspekt (land-)wirtschaftlicher Verwertbarkeit perzipiert worden, erläutert Iwaniewicz und verweist auf Aussagen damals aktiver Politiker: "Das ist doch nur Gestrüpp", sagte etwa ÖGB-Präsident Anton Benya über die Vegetation in der Hainburger Au, zu deren Schutz gegen den geplanten Bau eines Kraftwerks Umweltaktivisten im Dezember 1984 das Gelände besetzt hatten. Und Bundespräsident Rudolf Kirchschläger forderte 1986 im Zuge des emotional und teilweise gehässig geführten Wahlkampfs um seine Nachfolge, "saure Wiesen trockenzulegen". "Saure Wiesen sind feuchte Wiesen und feuchte Wiesen sind der Lebensraum vieler Insektenarten", erklärt Iwaniewicz. Insekten aber habe man, mit der allfälligen Ausnahme der Honigbiene, die längste Zeit nicht als nützliche Tiere gesehen.

Bewusstseinswandel

"Erst 1985 hat ein belgischer Insektenforscher Erdhummeln vermehrt und in einem Treibhaus ausgesetzt, wo sie Tomaten bestäubten, was viel billiger war, als wenn man sie manuell hätte bestäuben müssen. Erst dadurch sind die Glashäuser in Spanien entstanden und die Tomaten billiger geworden." Über die Jahre hat Iwaniewicz bei seinen Lesern und dem Publikum seiner Vorträge einen Bewusstseinswandel feststellen können. Alte Stereotype in der Wahrnehmung von Tieren existierten aber nach wie vor: "Kaum geht’s um Nacktschecken, blitzt Hass auf. Der Maulwurf ,macht den Rasen kaputt‘. Wir finden den Schmetterling schön, in der Form der Raupe aber einen hässlichen Schädling."

Immerhin hat sich Iwaniewicz, der seit den Zehnerjahren eine gesteigerte Akzeptanz für seine Kolumne konstatiert, ein breiteres Publikum erschlossen: "Früher haben mir akademische Besserwisser geschrieben: ,Diese Art ist doch längst entdeckt!‘ Heute schreiben mir Leser Mails, weil sie wissen wollen: Was ist das? Woher kommt das? Wie leben Silberfischerln auf einem Klo auf Kacheln und ein paar Urinspritzern?"

Auch Renate Pliem hat über die Jahrzehnte hinweg wachsenden Zuspruch für ihr Programm verbuchen können. "Die Hörerzahlen sind stetig gestiegen, wir bekommen auch oft positive Rückmeldungen von Hörerinnen und Hörern. ,Vom Leben der Natur‘ hat auch einen ausgezeichneten Ruf in der Wissenschaftscommunity", freut sie sich. Wie Iwaniewicz beobachtet auch sie ein gesteigertes Interesse an der Natur. "Viele Menschen haben Haustiere, Schriftsteller wie Künstler beschäftigen sich in ihren Arbeiten wieder mit Flora und Fauna, auch der öffentliche Diskurs darüber nimmt zu - und zwar nicht nur bei Braunbären, Wölfen oder Gelsen."

Vor kurzem sind Höhepunkte aus ihrer Sendereihe in der Edition Ö1 auf einer Doppel-CD editiert worden. Sie trägt den Titel "Liebstöckel, Nacktmull & Co"; der Untertitel "Vom Leben der Natur Vol. 1" deutet auf geplante Nachfolger hin. Im Booklet gewährt Pliem aufschlussreiche Einblicke in wahrhaft tierische Radioarbeit: "Da kann es schon sein, dass man für das Gespräch über Honigbienen mit Imkerhut und Handschuhen ausgerüstet wird. Und wenn eine summende ,Interviewpartnerin‘ über das Mikrophon krabbelt, klingt es im Kopfhörer so, als hätte sich die Biene schon im Gehörgang eingenistet."

Es kann aber auch das genaue Gegenteil passieren: Man steht nach stundenlangem Aufstieg und Abseilen mit einem Höhlenforscher in einer Höhle und hat kein Geräusch, das das Ambiente belegt: keinen Wassertropfen, kein Schlagen eines Fledermausflügels. Was tun? Bearbeiten - im guten (Ge-)Wissen, dass man schließlich vor Ort war? "Nein. Der Interviewpartner weist ja in der Sendung darauf hin, dass wir uns in einer Höhle befinden - und eine Erwartungshaltung nicht zu erfüllen, macht auch Radio aus", sagt Pliem, die an ihrem Medium die Möglichkeit schätzt, in die Tiefe zu gehen und die Freiheit, "ohne Bildern oder Filmsequenzen nachjagen zu müssen, über Tiere zu berichten, die schwer auffindbar oder sehr selten sind: in Höhlen, auf Gletschern, in Felsspalten, im Grundwasser oder in den Baumkronen von Regenwald-Riesen."

Ein Satz einer Interviewpartnerin hat Pliem kürzlich besonders zu denken gegeben: "Nur das, was man kennt, schützt man auch." In diesem Sinn sieht es die Steirerin, die schon als Kind Schnecken, Schmetterlinge, Eidechsen, Fische und Vögel beobachtet hat, als ihre Aufgabe an, "jene Tiere bekannt zu machen, von denen man nicht einmal wusste, dass es sie gibt".

"Florfliege" statt "Viech"

In ihrem Bemühen, auch Tierarten vor den Vorhang zu holen, die im Menschen nicht Zuneigung, Rührung oder Bewunderung hervorrufen, sondern womöglich reflexhafte Abscheu oder irrationale Ängste, haben Pliem und Iwaniewicz einen prominenten Verbündeten: Ernst Molden stellt in seinem 2019 bei Deuticke erschienenen Buch "Das Nischenviech", das seine Kolumnen für das "Universum Magazin" kompiliert, Tiere vor, die man nicht kennt (Knoblauchkröte, Zaunkönig, Blaue Holzbiene, Sterlet) oder nicht wahrnimmt, weil sie entweder selten sind (Eichen-Prozessionsspinner, Würfelnatter, Dohle) oder aber zu alltäglich für unsere Aufmerksamkeit (Feuerwanze, Ohrenschliefer, Weberknecht, Eichhörnchen).

Seine Kompetenz in der Charakteristik und Beschreibung der stets auch mit ihrem lateinischen Namen benannten Tiere kann nur Molden-Laien überraschen. Denn seine Faszination für die Natur und ihre Fauna ist ein Wesensmerkmal aller seiner Romane, die in artenreichen Territorien wie dem Wienerwald oder der Lobau spielen, und ist selbst auf seinen erfolgreichen Platten deutlich spürbar.

Außerdem weiß man, dass Molden ursprünglich Zoologe werden wollte. Daraus ist zwar nichts geworden, aber in didaktischer Hinsicht hat sein animalisches Wissen - vielleicht - noch Chancen auf Erfolg: "Wenn bei uns was kreucht oder auch fleucht, schreien meine Kinder, aber auch meine Liebste: Wäh, ein Viech! Viech, eigentlich das Tier an sich, ist bei uns im häuslichen Affekt also ein Insekt oder Spinnentier. Ich sage dann mit ganz ruhiger Stimme: Das ist ein Mehlkäfer. Oder: Das ist ein Silberfischerl. Oder, ganz selten: Wow, das ist ein Oleanderschwärmer." Besonders die prächtige, in allen Farben schillernde Florfliege stimuliert seinen erzieherischen Ehrgeiz: "Ich finde: Wenn Kinder zu Florfliegen nicht mehr Viech sagen, dann hat man es als Vater irgendwie geschafft."