Wer heute vor dem Gebäudekomplex des Wirtschaftsförderungsinstituts (Wifi) am Währinger Gürtel steht, sieht keine Spuren mehr davon: An dieser Stelle stand das 1873 in Betrieb genommene und 1960 abgerissene "Neue Wiener Israeliten-Spital", welches man aufgrund der Stiftung durch Anselm Freiherr Rothschild auch "Rothschildspital" nannte. Nachdem es 1948 an die alten Eigentümer, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, zurückgegeben wurde, verkaufte diese das Areal an die "Kammer der gewerblichen Wirtschaft für Wien". Seit 1963 befindet sich - mit zahlreichen Neu- und Umbauten - das erwähnte Wifi auf diesem Gelände.

Durch die Errichtung des Spitals und nachfolgend der Gebäude des Wifi weist nichts mehr auf die ursprüngliche Nutzung des Areals hin: Hier beim damaligen äußeren Wiener Befestigungsring, dem Linienwall, erstreckten sich im 18. und 19. Jahrhundert Teile einer großen Baumschule, die aus zwei "Unternehmungen" bestand. Ein Teil gehörte der Familie Kraft, der andere befand sich im Besitz von Kaiser Franz (1768-1835). Beide Unternehmungen stehen im Zusammenhang mit der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgten "staatlichen" Förderung von Obstbaumkulturen.

Nützlichkeitsgedanke

Unter der Regierung von Kaiser Joseph II. erfolgte um 1780 die Genehmigung für eine privat geführte Obstbaumschule. Betrieben wurde sie durch den 1736 geborenen Johann Kraft in Währing bzw. Weinhaus; beide Orte gehören heute zum 18. Wiener Gemeindebezirk. In einem Inserat im April 1789 in der "Wiener Zeitung" weist Kraft auf seine "ausländischen, meistens nordamerikanischen seltenen Bäume und Sträucher" hin. Auch von mehr als 10.000 Stück "wälschen Pappeln" (Säulenpappeln) und von ebenso vielen jungen weißen Maulbeerbäumen ist die Rede. Den jeweils aktuellen zweisprachig verfassten Verkaufskatalog (Französisch/Deutsch) erhielt man nicht nur in den beiden Wiener Vororten, sondern auch in der Stadt selbst: im Zuckerbäckergewölbe eines seiner Söhne in der Milchgasse beim Petersplatz.

In der Ausgabe des Verkaufskatalogs 1786 kam Johann Kraft auf den Grund zu sprechen, warum er eine eigene Baumschule eingerichtet hatte: Es war "die so große und väterliche Sorgfalt Sr. Majestät unsers allergnädigsten Kaisers für den Landmann". Denn die bestehenden Baumschulen waren laut Kraft nur für vermögende Grund- und Hausbesitzer angelegt; der einfache Bauer zog "davon nicht den geringsten Nutzen". Dieser Nützlichkeitsgedanke und die Möglichkeit, die guten Absichten des Monarchen zu befördern, spornten Johann Kraft nach eigener Aussage zu seinem Tun an.

Verzeichnis jener Obstbäume, welche Johann Kraft 1786 in seiner Baumschule anbot. - © Christian Hlavac
Verzeichnis jener Obstbäume, welche Johann Kraft 1786 in seiner Baumschule anbot. - © Christian Hlavac

Wie im langen Titel seines Verkaufskatalogs angeführt, versorgte sich Johann Kraft mit Bäumen aus dem Ausland, und hier insbesondere aus der seit 1649 bestehenden und damals sehr berühmten Baumschule der Karthäuser bei Paris. Das Verzeichnis der Obstbäume seiner Baumschule aus dem Jahr 1786 enthält an Sorten unter anderem 12 Kirschen, 19 Weichseln, 13 Aprikosen, 48 Pfirsiche, 49 Pflaumen, 124 Birnen und 68 Äpfel. Mit seiner eigenen Baumschule ermöglichte es Johann Kraft - so schreibt er selbst -, dass es "die Baumliebhaber nicht mehr nöthig haben sich die Bäume aus dem Auslande" zu besorgen. Dies ist unter dem Gesichtspunkt zu sehen, dass Ende des 18. Jahrhunderts der Transport von Bäumen über große Strecken nicht nur teuer, sondern für die Pflanzen alles andere als verträglich war - von anderen klimatischen Voraussetzungen ganz abgesehen.

In einer Einschaltung aus dem November 1794 in der "Wiener Zeitung" erfahren wir durch Johann Kraft erstmals von einer Aktion zur Förderung der Obstbaumkultur durch Kaiser Franz: "Durch die Gnade Sr. kaiserl. Majestät werden von Unterzeichneten im Orte Weinhaus (...) 40000 Stücke junge Birn- und Aepfel-Wildstämme, zum Aeugeln, an den Landmann (...) unentgeldlich vertheilet, diejenigen aber, welche mit Obstbäumen Handel treiben, sind ausgenommen. Die Absicht Sr. Majestät ist hierdurch das beste und schönste Obst zu verbreiten und allgemein zu machen." Deutlich wird hier, dass Zwischenhändler ausdrücklich von der Aktion ausgeschlossen waren. Zur Hebung der Obstbaumkultur wurde einige Jahre später von Kaiser Franz eine weitere Baumschule angelegt - gleich neben der bestehenden Kraft’schen.

Die 1799 unter Kaiser Franz angelegte und dem kaiserlichen Privat- und Familienfonds gehörende Baumschule hatte zwei Aufgaben: Einerseits diente sie als Holzlieferant für die Produktion von Gewehr- und Pistolenschäften für die Kavallerie. Andererseits bepflanzte man mit den Walnussbäumen das Glacis vor der Stadt und die Basteien. Mit der Leitung dieser Nussbaum-Pflanzschule wurde Johann Kraft beauftragt, der zusätzliche Flächen bei seiner eigenen privaten Baumschule nutzte. Die "Prager Neue Zeitung" berichtete im Jahre 1802 darüber: "Kraft erhielt den Auftrag, in seiner zu Währing und Weinhaus bestehenden Baumschule, so viel möglich, junge Nußbäume zu erziehen, und unter das Landvolk zu vertheilen, und eine Theil der hiesigen Bastionen wurde schon verflossenes Jahr mit Nußbäumen besetzt, womit heuer fortgefahren werden wird." Hingewiesen wird in diesem Zeitungsbericht auch auf das gewonnene Nussöl, um nicht mehr auf Importe aus dem Ausland angewiesen zu sein. Das Besondere an der kaiserlichen Nussbaum-Pflanzschule war, dass die Nussbäume gratis an alle verteilt wurden; wiederum waren Händler ausgenommen.

Anfang vom Ende

Die Gratisaktionen sind typische Beispiele für die Förderung der Obstbaumkultur durch Kaiser Franz. Ein wesentlicher "Stützpunkt" dieser Förderung war der sogenannte Reservegarten auf der Landstraße nahe bei Wien, welcher 1804 auch deshalb angelegt wurde, um genügend Platz für die reichen Obstbestände der kaiserlichen Gärten zu haben. Auch hier wurden Pfropfreiser von vielen Obstsorten an "Freunde der Obstbaumzucht" in der Stadt und auf dem Lande abgegeben. All diese Bemühungen stehen im Zusammenhang mit dem damals sogenannten "fortschrittlichen Landbau", der als wichtige Grundlage des Staates und des wirtschaftlichen Wohlstandes der Landbevölkerung galt.

Nachdem der Gründer der Währinger und Weinhauser Obstbaumschule, Johann Kraft, im Februar 1808 verstorben war, wurde der schon längere Zeit im väterlichen Betrieb arbeitende Sohn Joseph Kraft neuer Leiter der beiden Baumschulen. Die von Kaiser Franz veranlasste Gratisverteilung von Obstbäumen führte man weiter. Im November 1840 verstarb Joseph Kraft im Alter von 77 Jahren. Da zu diesem Zeitpunkt alle männlichen Nachkommen von Joseph Kraft verstorben waren, erbte die einzige noch lebende Tochter, Eleonore, die private Obstbaumschule. Sie führte den Betrieb weiter, wobei man gleichzeitig einen Käufer suchte, wie aus einem Inserat aus dem März 1841 hervorgeht: Sie wolle "die Anlage mit der Besitzung verkaufen, bis zum Verkaufe aber die Obstbaumzucht fortsetzen, wobey ich alles aufbiethen werde, das Vertrauen, welches mein seliger Vater durch eine lange Reihe von Jahren in Erziehung aller Gattungen, in jedes Erdreich tauglicher Obstbäume der edelsten Sorten, so wie deren Echtheit, sich erworben hat, seinem rühmlichen Andenken zu erhalten, und auch mir zu erwerben."

Ein Jahr später meldete Eleonore Kraft, dass sie mehrere tausend ein- und zweijährige Pfirsichbäume, Bäume aller Sorten von Birnen, Pflaumen und Aprikosen sowie auch "Rosenbäumchen, exotische Bäume und Strauchgewächse" anbiete. Der Verkauf der privaten Obstbaumschule - mit der dann folgenden Auflassung - ging langsam voran; ganz im Gegensatz zur kaiserlichen Nussbaum-Pflanzschule. Hier wurde die Verwaltung des Eigentümers bereits im Jänner 1841 tätig, wie sich aus einem schriftlichen Vortrag vom Direktor des Fideikommiss-Familienfonds an Kaiser Ferdinand (Sohn von Kaiser Franz) ablesen lässt.

Förderungsobjekt von Kaiser Franz: der Nussbaum (Echte Walnuss). 
- © Christian Hlavac

Förderungsobjekt von Kaiser Franz: der Nussbaum (Echte Walnuss).

- © Christian Hlavac

Dieses Schriftstück erhellt auch Teile der Geschichte der Nussbaum-Pflanzschule und der Bepflanzung der Basteien und des Glacis. Demnach übertrug man nach dem Ableben von Joseph Kraft die Nussbaum-Pflanzschule provisorisch der Tochter. Die damals mit rund 5000 Nussbäumen versehene Pflanzschule wurde einst - so das Schreiben - "zur Vorbereitung des Nußbaumes auf dem Lande wegen des Erfordernißes dieses Holzes für die Feuergewehr-Fabrick auf Gewehr- und Pistolen-Schaften für die Cavallerie, dann zur Bedeckung der Fortification, wegen Bepflanzung des Glacis und Bastey mit Nußbäumen" angelegt. Da das Glacis und die Basteien "nicht mehr mit Nußbäumen bepflanzt, selbe durch mehr als 40 Jahre im Lande vorbereitet worden sind, daher der Absatz gering und bey dem Fortbestand die Regie-Auslagen bedeutend seyn dürften, glaubt der treugehorsamst Unterzeichnete sich verpflichtet, die Aufhebung derselben in allerunterthänigsten Antrag zu bringen".

Anregung für das Heute

Der Direktor des Fideikommiss-Familienfonds regte am Schluss des Berichts an, die noch vorhandenen Nussbäume unter fachlicher Einbeziehung der Hofgarten-Direktion zu verkaufen. Kaiser Ferdinand bewilligte im Februar 1841 die Auflassung der Nussbaum-Pflanzschule. Die Flächen der beiden Baumschulen wurden in den darauffolgenden Jahrzehnten verkauft und verbaut. Heute befinden sich darauf - von Osten nach Westen gesehen - die Häuserzeile, die Fahrbahnen und Gehsteige des Inneren Währinger Gürtels, die Hochbahntrasse der U6, die Fahrbahnen und Gehsteige des Äußeren Währinger Gürtels und das Wifi.

Mit der Auflassung der kaiserlichen Nussbaumschule 1841 und dem Verkauf der privaten Baumschule frühestens im Jahre 1842 endete die Tätigkeit der Familie Kraft in Währing und Weinhaus. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten zwei Generationen als Pioniere der praktischen Obstbaumkunde im Wiener Raum gearbeitet. Kaiser Franz und der Familie Kraft ging es vor allem bei der Nussbaumschule um einen mehrfachen Nutzen: Die Baumart sollte zur Verschönerung der Residenzstadt dienen und gleichzeitig einen militärischen Nutzen aufweisen. Gleichzeitig verringerten lokale Baumschulen die Abhängigkeit von teuren Importen aus dem Ausland und ermöglichten die Anzucht klimatisch besser angepasster Pflanzen. Dieser letztgenannte Aspekt kann uns heute noch eine gute Anregung sein.