Die Erinnerungskultur bedient sich ganz unterschiedlicher Mittel, um das Andenken an Personen, Prozesse und Ereignisse wachzuhalten. Da ist zum einen die Gedenktagspublizistik, die an bestimmten periodisch wiederkehrenden Zeitpunkten an historische Ereignisse erinnert und diese aktuell interpretiert.

Da sind zum anderen ortsgebundene Erinnerungssignale, vorzugsweise in Form von Museen, Denkmälern und Gedenktafeln. Beide Formen unterliegen einer ständigen Überprüfung: Neue Entwicklungen und Enthüllungen führen zu einer Revision alter Einschätzungen, die bis zum Sturz von Denkmälern und zur Abschaffung erstarrter Gedenkrituale reichen können. Die "Black Lives Matter"-Bewegung, die aus den USA längst in andere Länder und Erdteile übergeschwappt ist, lieferte zuletzt fast täglich neue Beispiele. Wer mit offenen Augen durch die Straßen einer Stadt streift, wird auch außer den bekannten Sehenswürdigkeiten viele Hinweise auf die Geschichte finden. Neben den meist wuchtigen Denkmälern aus Erz oder Stein verweisen häufig winzige Erinnerungstafeln auf lokale Begebenheiten aus vergangenen Zeiten.

Als ich vor einem Vierteljahrhundert fünf Semester lang in Bamberg an der dortigen Universität lehrte, führte mich der Weg vom Domberg zur Hochschule jeden Morgen am Haus zum Krebs am Pfahlplätzchen vorbei. Eine steinerne Inschrift verweist dort - in Versalien -auf die besondere Bedeutung dieses ansehnlichen Barockbaus:

"IN DIESEM HAUSE WOHNTE 1807-1808 DER PHILOSOPH GEORG FRIEDRICH WILHELM HEGEL ALS REDAKTEUR DER BAMBERGER ZEITUNG UND VOLLENDETE HIER SEIN ERSTES HAUPTWERK DIE PHAENOMENOLOGIE DES GEISTES"

Absprung aus Jena

Hegel, der Meisterdenker des deutschen Idealismus, hat auch als Journalist gearbeitet? Eine solche Information regt dazu an, sich anlässlich des 250. Geburtstags dieses Mannes nunmehr näher mit Teilen seiner Biografie zu beschäftigen, die nicht so bekannt sind.

Etwa mit dem Umzug nach Jena 1801, mit dem Hegels Phase der akademischen Etablierung begann. Die dortige Universität glänzte durch herausragende Gelehrte wie Fichte und Schelling, Schiller und die Gebrüder Schlegel. Hegel habilitierte sich mit einer naturphilosophischen Studie und wurde bald darauf zum außerordentlichen Professor ernannt. Nur wenig studentische Hörer und schlechte Besoldung - alles andere als ein guter Start als Hochschullehrer. Erste wissenschaftliche Publikationen, zum Teil in der zusammen mit Schelling gegründeten Zeitschrift "Kritisches Journal der Philosophie" (1802/03). In den Jahren darauf entsteht neben einigen kleineren Schriften eines seiner Hauptwerke, "Die Phänomenologie des Geistes".

In Bamberg wurde Hegels "Phänomenologie . . ." erstmals als Buch gedruckt. - © Archiv
In Bamberg wurde Hegels "Phänomenologie . . ." erstmals als Buch gedruckt. - © Archiv

Wie manche seiner prominenten Kollegen vor ihm sucht Hegel angesichts krisenhafter Entwicklungen der Universität (sowie privater Probleme) den Absprung aus Jena. Einige andere Universitätsstädte kamen als Wirkungsort in Frage. Doch der Bamberger Verleger und Buchhändler Goebhardt hatte zugesagt, die "Phänomenologie" zu drucken. Der Autor, wie so häufig in Geldnot, wollte Satz und Druck des Werkes, von dem nur eine handschriftliche Fassung existierte, vor Ort überwachen. Da kam das Angebot, die Redaktion der "Bamberger Zeitung" zu übernehmen, gerade recht.

2000 Abonnenten

Bamberg, das auf eine lange Tradition im Buchdruck zurückblicken kann, hatte damals etwas mehr als 17.000 Einwohner. Wie in vielen mittelgroßen Städten im deutschen Sprachraum gab es dort seit dem 18. Jahrhundert eine eigene Zeitung. Am 1. Januar 1796 hatte die "Bamberger Zeitung" eine Lizenz erhalten. Das Blatt erschien zunächst wöchentlich, ab 1799 dann täglich, auch am Sonntag. Dieser dichte Erscheinungsrhythmus war damals eher die Ausnahme als die Regel - die meisten Zeitungen kamen seltener heraus. Der Stamm von 2000 Abonnenten, die sechs Gulden pro Jahr zahlten, bot eine sichere Kalkulationsgrundlage.

Der Beginn des 19. Jahrhunderts stand im Zeichen des schriftstellerischen Journalismus. Die Kombination von journalistischer und literarischer Tätigkeit war damals weit verbreitet. Und nicht wenige Zeitgenossen pendelten zwischen Wissenschaft und Journalismus. So muss Hegel keinen großen Begründungsaufwand betreiben, um die Offerte aus Bamberg anzunehmen: "Das Geschäft selbst wird mich interessieren, da ich, wie Sie selbst wissen, die Weltbegebenheiten mit Neugier verfolge", schreibt er an seinen Freund Niethammer, mit dem sich seit den gemeinsamen Studientagen am Tübinger Stift die Wege immer wieder kreuzten. Die Anteilnahme an den politischen Entwicklungen und der Einsatz für bürgerliche Freiheiten im Gefolge der Französischen Revolution von 1789 gehören zu den Konstanten in seinem Leben.

Die Aufmachung der "Bamberger Zeitung" änderte sich mit dem Amtsantritt des neuen Redakteurs am 1. März 1807 nicht. Das Blatt erschien im Oktavformat mit vier Seiten, wobei der Umfang in besonderen Fällen erweitert werden konnte. Unter dem optisch hervorgehobenen Zeitungskopf (Untertitel: "Mit Königlich-allergnädigster Freiheit") folgen die Berichte - ohne Überschriften und Zwischentitel, gegliedert nur durch Orts- und Datumsangaben.

Keine Kommentare

Der Hegel-Forscher Wilhelm Raimund Beyer beschreibt die inhaltliche Gliederung so: "Korrespondenzen aus den Großstädten, vor allem aus den Regierungs-Hauptstädten, Ortsnachrichten, vermischte Nachrichten, dann Ankündigungen (Vorformen der Anzeige!) und einige amtliche Verlautbarungen, letztere in etwas kleinerer Schrift."

Seit den frühen Nachrichtenblättern hat sich am äußeren Erscheinungsbild dieses Zeitungstyps wenig geändert. Die Nachrichten stammen aus sehr unterschiedlichen Quellen: Sie speisen sich sowohl aus allgemeinen Verlautbarungen als auch aus den Mitteilungen eigener Korrespondenten. Auch andere Zeitungen werden ausgewertet. Die Autoren der Beiträge sind nicht genannt - Anonymität war damals üblich.

Hegel versteht seine Tätigkeit als "öffentliche Aufgabe". Den gängigen Nachrichtenwerten steht er mit einer gewissen Distanz gegenüber. Ironisch schreibt er in einem Brief vom 21. November 1807, dass er auch Nachrichten bringen müsse wie "daß der Prinz N. N. heute hier durchpassiert sei" oder "daß seine Majestät auf der Schweinsjagd gewesen ist".

Warum enthielt die "Bamberger Zeitung" eigentlich keine Leitartikel und Kommentare? Die Erklärung dafür ist einfach: Das geltende bayerische Pressegesetz von 1799 verbot "raisonierende" Artikel. Die Zensurbehörden, denen aktuelle Veröffentlichungen vor dem Druck vorgelegt werden mussten, wachte genau darüber, dass dieses Verbot eingehalten wurde.

Aber gelegentlich konnte der Redakteur doch eigene Akzente setzen. Hegel engagierte sich für einen modernen Staat und eine freiheitliche Verfassung. Viele Berichte befassen sich mit der Neuordnung nach den Napoleonischen Kriegen, die damals gerade Europa beschäftigte. Die französische Aufklärung wurde als Wegbereiter der Revolution von 1789 gewürdigt. Und manche Beiträge plädierten für eine Verbesserung der öffentlichen Bildung.

Unterm "Zeitungsjoch"

Die Auseinandersetzungen mit der Zensur machen dem Redakteur zunehmend zu schaffen. Er beklagt die Quälerei in der "Zeitungsgaleere" und sucht nach Möglichkeiten, das "Zeitungsjoch" abzuschütteln. Das alte Ziel - eine akademische Laufbahn an der Universität - tritt wieder in den Vordergrund.

Aber bis es erreicht ist, muss Hegel erst noch eine längere Durststrecke überwinden: ImNovember 1808 wird er vom bayerischen König zum Rektor des Gymnasiums in Nürnberg und zum "Professor der philosophischen Vorbereitungswissenschaften bei demselben" ernannt. Die Schule war das erste humanistische Gymnasium in Deutschland. In Nürnberg verbringt Hegel eine beruflich und privat sehr erfüllte Zeit. Es dauert jedoch noch einmal acht Jahre, bis das Ziel einer ordentlichen Hochschulprofessur erreicht ist.

Im Jahr 1816 folgt Hegel einem Ruf auf den philosophischen Lehrstuhl der Universität Heidelberg, und zwei Jahre später wird er als Nachfolger Fichtes an die Universität Berlin berufen. Dort bleiben ihm 25 Semester, um eine eigene Schule aufzubauen und sein beeindruckendes Lebenswerk abzuschließen. Alle seine voluminösen Bücher rufen den Leser zum Nach- und Mit-Denken auf. Da hätte es der Hegel-Denkmäler in Stein und Bronze, die in Stuttgart, Jena und Berlin errichtet wurden, gar nicht bedurft . . .