"Schau mal, hier steht der Stephansdom", sagt ein kleiner Bub begeistert. Und ein Mädchen: "Da drüben ist die Hofburg!" Beide stehen um Wien herum. Ihre Augen wandern lebhaft um das nicht einmal einen Quadratmeter große Modell der Innenstadt; mustern und vergleichen es mit den ihnen bekannten Gebäuden der Stadt. Alles im Kleinformat - doch die Details sind nach wie vor gut auszumachen. Häuser und Kirchen, Stadtmauern und Türme sind hier zu entdecken. "Die Stadtmauer gibt es heute aber nicht mehr", ruft ein weiteres Kind. Dieses Stadtmodell ist eines von über 1.357 Objekten der Sammlung alter Musikinstrumente des Kunsthistorischen Museums (KHM) in der Neuen Burg in Wien. Davon sind über 600 Objekte öffentlich ausgestellt.

Nicht nur von Wien gibt es Stadtansichten; auch von anderen europäischen Städten. Und auch dieses Modell ist nicht das einzige. Zwei weitere stehen im Wien Museum am Karlsplatz. Papier, Karton und Holz - aus diesen Materialien bestehen die Gebäude, Mauern und Straßenzüge, die auf den Stadtmodellen zu sehen sind. In vielen Details zeichnen sie Innenstädte aus dem Biedermeier nach und erlauben dem Betrachter, wie ein Vogel darauf zu blicken und verschiedene Positionen einzunehmen - und das lange vor Google Maps oder Google Earth.

Papier, Karton, Holz

"Die Stadt von damals kennenzulernen, zeichnet alle Stadtmodelle aus", sagt Sándor Békési vom Department für Geschichte der Sammlung Topographie und Stadtentwicklung im Wien Museum. Stadtmodelle gab es bereits in der Antike. Erhalten davon ist aber kein einziges. In der frühen Neuzeit entstand eines von Florenz, schreibt Andrew John Martin in dem Buch "Das Bild der Stadt in der Neuzeit 1400-1800" (C.H. Beck). Im 19. Jahrhundert werden Stadtmodelle jedoch "plastischer", führt der Autor aus, indem sie Städte oder andere Lebensbereiche zeigen.

Für Walter Matznetter, Professor am Institut für Geographie und Regionalforschung der Universität Wien, sind solche Modelle "eine 3D-Visualisierung in einer Zeit vor Luftbildern". "Der König von Montenegro hat sein ganzes Königreich als Modelllandschaft nachbauen lassen", erzählt der Wissenschafter, der ein Modell der Wiener Hausberge wie einen Schatz hütet. Er ist überzeugt, dass es für den Geographieunterricht der 1920er Jahre ein idealer Lehrbehelf war.

Das Stadtmodell in der Sammlung alter Musikinstrumente entstand auf Basis des sogenannten Huber-Plans aus dem Jahr 1780. Diesen fertigte Joseph Daniel Huber anhand einer Vogelperspektive an. Typisch seien die verschiedenen Sichtachsen, erklärt Alfons Huber, der langjährige Restaurator der Instrumentensammlung, der mit dem Schöpfer nur den Namen gleich hat. "Die Höhen der Gebäude stimmen auch - nur der Stephansdom ist kleiner." Aus Karton und Holz bestehen die Mauern; die Dächer aus Papier.

Das Wiener Stadtmodell im KHM in seiner Vitrine. - © Erben
Das Wiener Stadtmodell im KHM in seiner Vitrine. - © Erben

Ein Teil der Stadtmauer, die die Innenstadt umfasste, wurde zu Zeiten Napoleons demoliert und anschließend wieder neu aufgebaut. Die alte Stadtmauer war dunkel, die ausgebesserte ziegelfarben. Daran orientierte sich auch der Erbauer des Stadtmodells, der es maßstabsgetreu ausführte. Doch wer das Stadtmodell tatsächlich gebaut hat, darüber rätseln die Kunsthistoriker sowie Museumsexperten nach wie vor. "Nein, ein Amateurbastler hätte es nicht herstellen können", ergänzt der Restaurator. Allein die polygonale Vitrine, die es schützt, sei etwas Besonderes. Alfons Huber: "Der Gestalter muss einen fixen Plan gehabt haben."

"Das Modell ist eine wichtige Quelle für Besucher, die die Geschichte des Instrumentenbaus in der Musikstadt Wien nacherleben", findet Beatrix Darmstädter, Kuratorin in der Musikinstrumentensammlung. Der Seitenblick auf die Wiener Innenstadt in dieser Zeit sei für viele eine zusätzliche Bereicherung. Im Saal 16 geht es um das Wiener Klavier, das von Wien aus seinen Siegeszug um die Welt antrat. Das Stadtmodell macht die damalige Zeit für den Betrachter plastisch. Sie wirkt dadurch nicht mehr so abstrakt. "Besucher bleiben davor stehen und sehen es sich an", beobachtet die Kuratorin immer wieder. Für die Sammlung sei es daher wie ein "Eyecatcher". Besonders auf die Kinder übt es eine besondere Anziehungskraft aus, weil es sich in ihrer Augenhöhe befindet.

Doch kein anderer ist - oder besser gesagt: war - stärker mit dem Modell verbunden als er: Geboren am 26. September 1946 in Wien, studierte Helmut Czakler nach der Matura zunächst einige Semester Kunstgeschichte an der Universität Wien. Auf Druck seiner Eltern musste er aber das Studium bald aufgeben und einen "anständigen Beruf" ergreifen, wie er einmal erzählte. Er wechselte in die Erste Österreichische Sparkasse Bank, wo er bis zur Pensionierung in leitenden Funktionen arbeitete. Doch die Leidenschaft für das Kunsthandwerk ließ ihn nie los: In seiner Freizeit setzte er sich mit der Geschichte von alten Ins-trumenten auseinander; baute sie mit seinem Vater in einer kleinen Amateurwerkstadt in Schleinbach bei Wolkersdorf nach: Drehleiern, Orgeln, Clavichorde und sogar der Nachbau eines Claviorganums von 1591 entstanden hier und fanden Platz in verschiedenen Museen und Einrichtungen.

Nichts Vergleichbares

Zusätzlich eignete er sich umfangreiches Fachwissen über den Instrumentenbau an. Damit dürfte er bei den unterschiedlichsten Experten auf viel Interesse gestoßen sein und Staunen ausgelöst haben, vermutet Alfons Huber. "Auch ich lernte ihn damals kennen und auch vieles von ihm." So entstand auch die spätere Freundschaft zu ihm. "Ja, Helmut war es, der das Stadtmodell der Sammlung zunächst lieh und ihr später verkaufte."

Nicht nur im KHM steht ein Stadtmodell von Wien - auch im Wien Museum am Karlsplatz gibt es welche. Das eine ist von Eduard Fischer aus den Jahren 1850 bis 1852. Das zweite entstand zum 50-jährigen Regierungsjubiläum von Kaiser Franz Joseph im Jahr 1898. Beide sollen nach der Wiedereröffnung des Museums 2021 erneut ausgestellt werden. Das Kaisermodell wurde vom Veduten- und Architekturmaler Erwin Pendl erstellt. Die Grundplatte besteht aus sechs Segmenten, über deren Stoßkanten stellenweise Häuser stehen. Im Zuge der Generalsanierung des Wien Museums wurden beide Modelle Stück für Stück zerlegt und restauriert. "Unsere beiden Modelle wurden über 60 Jahre lang ohne Schutzverglasung gezeigt", sagt Andreas Fischer, akademischer Restaurator mit den Schwerpunkten Fotografie und Grafik im Wien Museum. "Das sieht man ihnen aufgrund der starken Verschmutzung und mechanischen Beschädigungen leider auch an."

"Helmut hatte ein gutes Näschen für wertvolle Kunstgegenstände", ist Alfons Huber überzeugt und ergänzt über das KHM-Modell: "Er wollte das Stadtmodell keinesfalls bei sich zu Hause stehen haben, sondern der Öffentlichkeit zeigen." Er war zeitlebens stolz darauf, weil er wusste, dass es nichts Vergleichbares gibt. Als die Erste Bank am Graben nach der Renovierung 1993 eröffnet wurde und Helmut Czakler hier Regionaldirektor wurde, stand das Modell über viele Jahre im Foyer. Doch nicht nur dieses zog das Interesse der Kunden auf sich - auch mit kleinen Ausstellungen, etwa über Krippen oder Zinnfiguren, wollte er die Kunden zum Staunen bringen.

"Viele Sammlungen wollten das Stadtmodell haben, aber Helmut Czakler rückte es nicht heraus", erinnert sich Alfons Huber. Im ehemaligen Direktor der Instrumentensammlung, Gerhard Stradner, fand er einen Sammler und Gleichgesinnten, der viel für Antiquitäten und besondere Stücke übrig hatte. "Mit ihm tauschte er sich gerne und häufig aus", weiß Alfons Huber. In Publikationen des Hauses scheint Helmut Czakler jedoch nicht auf, weil ihm die Archivarbeit nicht lag.

Czakler kämpfte zeitlebens um Anerkennung durch seinen Vater. Dieser war Werklehrer und ließ den Sohn spüren, dass er der bessere Amateurhandwerker war. Daher wurde er auch zum begeisterten Sammler, der Außergewöhnliches suchte und fand - darunter fällt nicht nur das Stadtmodell selbst. Gemeinsam mit seinem Vater restaurierte er aber das Modell, bevor er es der Sammlung übergab; sie leimten Gebäude, klebten Rauchfänge an den Häusern auf. Auch ergänzten sie fehlende Teile. Viele der Objekte, mit denen sich Helmut Czakler auseinandersetzte, haben "eine wissenschaftliche sowie mechanische Komponente", so Huber. Mit Standards gab er sich nicht zufrieden.

Ein Musikinstrument, das in der Sammlung bisher nicht ausgestellt werden konnte, weil es nur mehr fragmentarisch erhalten ist, ist eine Tastenglasharmonika. Helmut Czakler widmete das für die Musikwissenschaft einzigartige Stück anlässlich seines 50. Geburtstags im Jahr 1996. Wie viel dieses Unikat wert ist, lässt sich heute schwer sagen. Im Jahr 1791 wurde es von Konrad Bartl (in Olmütz im heutigen Tschechien) gefertigt, der auch ein Traktat über die Tastenglasharmonika verfasste. Das Instrument wurde später nach Wien gebracht, hier gespielt und im Physikalischen Kabinett ausgestellt.

"Lebendes Bild"

Das "Lebende Bild" der Sammlung für alte Musikinstrumente im KHM. - © Erben
Das "Lebende Bild" der Sammlung für alte Musikinstrumente im KHM. - © Erben

Ob der Mäzen geahnt hat, welche Bedeutung es für die Sammlung je haben wird, ist anzunehmen - wie bei so vielen Objekten, die er der Sammlung für alte Musikinstrumente vermachte. Dazu gehört auch das "Lebende Bild", das in einem Saal an der Wand hängt. Zu sehen ist darauf eine Deutschmeister-Musikkapelle aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die zu spielen beginnt, wenn man kurz an einem Faden an der Seite zieht.

Dadurch wird wiederum ein Uhrwerk mit einem Stahlzinkenwerk in Gang gesetzt, das in weiterer Folge auch die zehn Musiker und den Dirigenten bewegt. Zu einer Spieluhr "intonieren" sie den Donauwalzer von Johann Strauss. Allein die Funktionsweise der Mechanik faszinierte den Autodidakten Helmut Czakler, so Beatrix Darmstädter. "Für mich war er daher immer ein Forscher, der herausfinden wollte, was hinter jedem Objekt steckt und wie es funktioniert."

Seit 1988 besuchte Helmut Czakler regelmäßig die Musikinstrumentensammlung in der Neuen Burg. Er war aber nicht nur am Handwerk und an alten Traktaten interessiert, sondern auch an der Aufführung von "klingender Musik", erklärt Beatrix Darmstädter. Bei der Präsentation der Festschrift zum 60. Geburtstag von Alfons Huber und Sammlungsdirektor Rudolf Hopfner im Herbst 2014 ging es ihm gesundheitlich schon sehr schlecht. Trotzdem ließ er es sich nicht nehmen, zur Feier zu kommen und die Herausgabe der Publikation großzügig zu fördern. Nur wenige Monate später verstarb er.

Einige Besucher bleiben immer wieder vor dem Stadtmodell stehen, mustern es Haus für Haus. Auch Kinder sind wieder darunter. "Ich weiß, dass Helmut dafür schwärmte", sagt Restaurator Alfons Huber. "Ja, für Helmut Czakler war es wichtig, dass das Modell hier in guten Händen ist - auch über seinen Tod hinaus."