Der Herr und die Dame haben ihre Köpfe kokett zurückgelegt, ihre Lippen und Wangen sind gerötet, die Körper eng umschlungen, Hand liegt in Hand. Die beiden werfen einander schmachtende Blicke zu. Ein weißer Schleier bauscht sich zwischen den zwei Liebenden auf. Im Hintergrund wogt üppiges Grün, im Vordergrund ergießt sich ein wahrer Blütenregen über die Kleider. Als ich dieses Bild aus einer meiner Fotoschachteln hervorzog, meinte ich, das Klischeebild des liebenden Paares gefunden zu haben.

Glück auf Instagram

"Frühling der Liebe": Klischeebild des liebenden Paares - © Archiv Holzer
"Frühling der Liebe": Klischeebild des liebenden Paares - © Archiv Holzer

"Frühling der Liebe" lautet der Titel dieser kitschigen Inszenierung, die, soweit war klar, zur Gänze der Fantasie entspringt. Und in der nüchternen Wirklichkeit, wie sieht dort das fotografische Bild von Paaren aus? Das wollte ich wissen und machte mich auf die Suche - in der Vergangenheit und in der digitalen Gegenwart. Gleich vorweg: Unser süßliches Kitschbild bildet einen Ausreißer im historischen Bilderstrom der Paare. Dieser ist weit vielfältiger und individueller als die klischeehafte Darstellung suggeriert. Und dennoch: Die strengen gesellschaftlichen Schablonen, die ganz die Zweisamkeit vor der Kamera prägen, sind bis heute spürbar.

Beginnen wir unsere Recherche in der Gegenwart. Vor einem Jahr berichtete eine deutsche Frauenzeitschrift über die geschönte Instagram-Ästhetik des gemeinsamen Glücks. Wie kommt es, so lautete die Frage, dass Paare sich so gern in trauter Harmonie und glückstrahlend vor aufregender Kulisse zeigen? Beim exklusiven Dinner-Date oder mit Küsschen am schönen Urlaubsstrand. "Unter Hashtags wie #couplegoals, #truelove, #loveofmylife sammeln sich Millionen von unterschiedlichen Beiträgen, die letztlich alle das gleiche zeigen: die perfekte Liebe."

In diesem medialen Wirbelsturm des inszenierten idealen Paarlebens versucht seit einiger Zeit der Account "Honestcouple" Kontrapunkte zu setzen, indem er, so der Anspruch, die ungeschönten, alltäglichen Seiten des Paarseins zeigt, nach dem Motto: Wirklichkeit statt Klischeebilder, Alltag statt Fassade. Ein Paar tritt auf dieser Seite mit folgendem Geständnis an die Öffentlichkeit: "Wir haben uns vor zwei Monaten getrennt, posten aber immer noch glückliche Pärchenfotos von uns, weil wir es unseren Familien und Freunden nicht erzählen können." Nun soll Schluss damit sein.

Woher kommt der soziale Druck, der den gewaltigen Online-Strom scheinbar glücklicher Paarbilder generiert? Belügen sich die Beteiligten permanent selber oder glauben sie dem schönen Schein, den sie posten? Um darauf Antworten zu finden, sollten wir in die Welt der analogen Fotos zurückkehren und einen kleinen Ausflug in die Geschichte der Paarfotografie machen.

Ganz am Beginn der fotografischen Ära, in den 1840er Jahren, standen fast ausschließlich Einzelpersonen vor der Kamera. Aber schon bald wurden diese Porträts zu Bildpaaren gruppiert und als "Liebende" in Schatullen vereint. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden bereits Porträtfotografien zum Zeichen der Verlobung ausgetauscht. Die Ästhetik der Paarfotografie, die im Hochzeitsfoto gipfelt, entwickelte sich freilich erst viel später. Das bis heute klassische Bild, nämlich ein Eheleute-Doppelporträt, wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts modern.

Links die Braut

Wenn wir das bis heute fortwirkende Regelwerk der Paarfotografie verstehen wollen, sollten wir ein besonderes Augenmerk auf die Geschichte der Hochzeitsfotografie werfen. Denn dieses Genre war jahrzehntelang stilprägend für die öffentliche Inszenierung von Paaren. Um es überspitzt auszudrücken: Außerhalb der Hochzeitsfotografie gab es für die Nähe von Männern und Frauen bis ins frühe 20. Jahrhundert keinen Platz - mit einer wichtigen Ausnahme: der pornografischen Fotografie. Die in freizügigen Posen Dargestellten bildeten die Kehrseite bürgerlicher Ideale.

Die frühesten bekannten Aktdaguerreotypien stammen aus den frühen 1840er Jahren, wurden also zeitgleich mit den ersten Porträtfotos aufgenommen. Auch die Stereofotografie machte ab den 1860er Jahren aufregende, dreidimensionale Exkursionen hinter die wohlgeordneten Fassaden möglich. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts tauchten immer öfter Paare auf der Bühne der erotischen und pornografischen Fotografie auf.

Hochzeitsbild, Atelier Weitzmann, 1920er Jahre. 
- © Archiv Holzer

Hochzeitsbild, Atelier Weitzmann, 1920er Jahre.

- © Archiv Holzer

Die Urszene des gesitteten Paarbildes ist das Hochzeitsbild, das strengen Regeln gehorcht. Die Protagonisten in Schwarz und Weiß folgen den Anweisungen des Fotografen: links die Braut (warum steht sie im Hochzeitsbild praktisch immer links?), rechts der Bräutigam, der Brautstrauß in der Mitte, die Köpfe ein wenig einander zugeneigt, vielleicht ein Lächeln. Das Brautkleid ist züchtig geschlossen, der Schleier teilt sich symmetrisch vor dem Gesicht der Frau. Der Bräutigam hält mit einer Hand die Hand der Frau, den anderen lässt er fallen. Er hält weiße Handschuhe und dreht die Hand so, dass der Hochzeitsring sichtbar ist. Erst in den 1960er Jahren wird die Haltung lockerer, das Kleid kürzer, das Brautsträußchen simpler. Sogar auf den Schleier kann hie und da verzichtet werden.

Hochzeitsdramaturgie

Wenn wir die Hochzeitsbilder aus dem Archiv Revue passieren lassen, entsteht ein eigenartiger Film: Schablonen jungen Glücks. Einmal hält der Bräutigam weiße Handschuhe in der Hand, dann auch einmal schwarze, später gar keine mehr. Einmal reicht das lange, weiße Kleid der Braut bis zum Boden, dann wieder endet es knapp unter dem Knie. In den 1970er Jahren tauchen gelegentlich kurze Röcke auf, Beinfreiheit bis über das Knie bei der Hochzeit galt freilich Vielen als Provokation. Das Repertoire der Gesten vor dem Hochzeitsfotografen ist stets überschaubar. Was als Dokument eines einmaligen, persönlichen Ereignisses entstand, beginnt sich in der Überblendung zu vervielfachen, wird zum Film, der aus viel Regelwerk und kleinen Abweichungen besteht. Das Versprechen der ewigen Liebe kommt mit einem kleinen Arsenal an Versatzstücken aus.

In den 20er Jahren tauchten die ersten privaten Hochzeitsbilder auf. Knipser begannen, die Hochzeit als dramaturgischen Bogen zu inszenieren, als Geschichte eines Vorher und Nachher. Die fotografische Hochzeitsreportage, so wie wir sie heute kennen, kam aber erst lange nach 1945 auf. Der Fotograf folgt dem Paar auf dem Weg durch das Spalier in die Kirche. Er verdichtet das Blitzlichtgewitter im Augenblick, da der Bräutigam der Braut den Ring über ihren Finger streift. Nach der kirchlichen Zeremonie tritt das Brautpaar aus dem Kirchentor. Die Türschwelle der Kirche, die zwischen sakralem und weltlichem Raum trennt, markiert den Beginn einer neuen Geschichte, einer Geschichte zu zweit. Später wird der Reigen der bildwürdigen Ereignisse ausgebaut.

Wenn wir ein heutiges Hochzeitsalbum durchblättern, so treten uns zwei Schauspieler entgegen, die unter Zuarbeit von Bühnenbild und Maske, Modeberater und Lichtregisseuren ein Stück spielen, das wir "Triumph der Liebe" nennen könnten. Es ist harte Arbeit, die den beiden Protagonisten, aber auch den Trauzeugen, den Verwandten und Angehörigen vor der Kamera abverlangt wird.

Jenseits der Norm

Sie agieren unter den Anweisungen eines Regisseurs, der symbolische Bilder sammelt: ein Kuss, der alles sagt, verschränkte Hände in Großaufnahme, ein Lächeln im Kreis der Liebsten, eine Umarmung, Tanzschritte im Saal, vielleicht ein paar müde Blicke ganz zum Schluss. Hochzeitsbilder sind Traumbilder, die wie am Set entstehen. Was vor Ort nicht eingefangen werden kann, wird im Studio nachgestellt. Eine Hochzeit unter Palmen. Das Meer wogt ans Ufer. Das Paar steht am Sandstrand. Oder unter dem Sternenhimmel. Für jede Hochzeit die passende Kulisse. Im Angebot sind Südseemotive ebenso wie Natur pur, urbane Hotspots, unberührte Berge, Traumwelten eben.

Vater, Mutter, Hund, 1950er Jahre. 
- © Archiv Holzer

Vater, Mutter, Hund, 1950er Jahre.

- © Archiv Holzer

Ich krame weiter in meiner Fotosammlung. Gewiss: Das Hochzeitsfoto hat im Genre der Paarbilder eindeutig das Sagen. Aber daneben gibt es zahlreiche andere Paare, die sich oft subtil, oft radikal abheben von der Schablone des Hochzeitsglücks. Da ist etwa ein Paar, das lächelnd und in Hundestellung hinter seinem Haustier Aufstellung genommen hat: Mann, Frau, Hund oder: Vater, Mutter, Kind. Auch das ein Paarbild. Oder die beiden Firmlinge, die steif in ihrem ersten Anzug vor der Kamera stehen. Stolz oder etwas verschreckt? Und dann die beiden jungen Frauen in modischer Badebekleidung am Strand - ein Modebild aus den 1930er Jahren.

Während Kinder und Frauen häufig paarweise vor die Kamera treten, tun Männer dies weit seltener. Warum wohl? Die Geschichte der Paarfotografie folgte über weite Strecken heterosexuellen Normen. Kinder und Frauen waren davon teilweise ausgenommen. Im Sport und in der Freizeit gibt es aber sehr wohl Männerpaare, die sich nahe sind: etwa nach erfolgreichem Aufstieg am Gipfel, nach dem Wettkampf.

Auch die politische Kritik bediente sich hie und da des Männerdoppelporträts. Zwei Pferdehintern in Großaufnahme, darauf zwei angeschnittene Polizisten. So zeigte in den 1930er Jahren ein Wiener Arbeiterfotograf den "Polizeistaat".

Ein Polizistenpaar – "Polizeistaat", fotografiert von Ernst Kleinberg, 1930. 

- © Archiv Holzer

Ein Polizistenpaar – "Polizeistaat", fotografiert von Ernst Kleinberg, 1930.

- © Archiv Holzer

Aber es gibt auch, selten zwar, ganz andere Männerpaare in der Fotografie. Die amerikanischen Fotosammler Hugh Nini und Neal Treadwell, auch sie ein Paar, trugen über Jahre Fotos von liebenden Männerpaaren zusammen. "Unsere Sammlung", so berichteten die beiden in einem Interview, "nahm ihren Anfang vor zwanzig Jahren, als wir zufällig auf ein Foto stießen, das wir für einmalig hielten. Dieser Originalabzug zeigte zwei Männer, die sich umarmen und einander in die Augen schauen - ganz offensichtlich verliebt."

Inzwischen umfasst die Sammlung 2.800 Bilder. Eine Auswahl von 350 Paaren haben die beiden Sammler für den Bildband "Loving. Männer, die sich lieben. Fotografien aus den Jahren 1850-1950" (Elisabeth-Sandmann-Verlag, 2020) ausgewählt. Meist kursierten diese Bilder ursprünglich nur im privaten, oft gar intimen Rahmen. Über Flohmärkte und Antiquariate wurden sie, wenn die Besitzer einmal verstorben waren, zurück in die Öffentlichkeit gespült. Dass sie nun zusammengestellt und kommentiert wurden, ist dem neugierigen Blick der beiden Sammler zu verdanken, die es wagten, das normierte Paarbild gegen den Strich der Konvention zu bürsten.

Ein Paar, das keines mehr ist, nach 1900. - © Archiv Holzer
Ein Paar, das keines mehr ist, nach 1900. - © Archiv Holzer

Ein Foto, aufgenommen zu Beginn des Jahrhunderts. Der Mann im hellen Anzug hält in der einen Hand seinen Hut, die andere ruht auf dem Rücken der Frau, die neben ihm sitzt. Sie hält ein Baby im Arm und blickt in die Kamera. Der Mann ist kein Mann mehr, sein Kopf fehlt - ratz, weggeschnitten mit einer Schere. Das Paar, das einst gemeinsam vor die Kamera trat, ist keines mehr. Auch das zeigt, bei genauem Hinsehen, die Fotografie: Sie kittet Beziehungen, sie schönt das gemeinsame Leben. Aber sie kann auch Brüche sichtbar machen, das Zerbrechen von Liebesgeschichten, Trennungen, gar Todesfälle festhalten. Wer den Herrn geköpft hat, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Das Archiv des Flohmarkts, auf dem ich das Foto entdeckt hatte, ist schweigsam. Es nimmt die Überreste von Lebensgeschichten auf, ohne sie zu kommentieren.

Aus zwei wird eins

Der Psychoanalytiker Robert Castel hat im bekannten Buch von Pierre Bourdieu, "Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Photographie", das erstmals 1965 erschien, auf einen wenig beachteten Aspekt des Umgangs mit Fotografien hingewiesen.

Die "intime Magie" fotografischer Bilder, so Castel, sei stets ambivalent: Indem sie das Schöne zeigt, tritt sie in den Dienst einer positiven biografischen Mythologie. Aber sie kann, umgekehrt, auch zum Kristallisationspunkt für starke Gefühle werden: Ängste, Tod, Abschied, Trennung. Dass Fotos physisch malträtiert werden, weil eine Person untragbar geworden oder aus dem Leben verschwunden ist, kommt, so Castel, nicht selten vor. Werden ganze Fotos aus dem Album entfernt, dann bleiben oft nur die Klebereste, die von einer vergangenen Anwesenheit künden. Das zerschnittene Foto ist ein starkes Zeichen: Der einst geliebte Mensch ist noch da, aber amputiert. Er ist sichtbar durchgestrichen, das geliebte Zusammensein mit ihm ist aufgehoben.

Aus zwei wird eins: retuschiertes Foto, 1920er Jahre. 

- © Archiv Holzer

Aus zwei wird eins: retuschiertes Foto, 1920er Jahre.

- © Archiv Holzer

Ein letztes Paarbild: Mann und Frau, in mittleren Jahren, aufgenommen zu Beginn des letzten Jahrhunderts im Atelier Adria in Wien. Eine doppelte Erinnerung an ein gemeinsames Leben. Irgendwann aber wurde ein schönes Brustbild des Herrn benötigt, wofür ist unklar. Möglicherweise sogar für dessen Todesanzeige oder den Grabstein. Kurzerhand kam wieder der Fotograf zum Zug, diesmal als Retuscheur: "70 mm breit" ist auf der Rückseite notiert. Er übertünchte die Dame mit einem weißen Retusche-Schleier und markierte mit dickem Stift die Zeichen für die neue Umrandung. Die Erinnerung an die Frau wurde buchstäblich überdeckt, sie wurde zum Verschwinden gebracht. Nur einige wenige Handgriffe waren nötig, um die Paarszene, die zuvor sorgsam im Atelier hergestellt wurde, wieder aufzulösen.

Fotografien der trauten Zweisamkeit versprechen zwar immer Ewigkeit, aber oft währt diese nicht allzu lange. In der digitalen Ära ist der tilgende Eingriff in das Bild zum Kinderspiel geworden. Der brutale Schnitt der Schere ist gar nicht mehr nötig. Delete: Der Löschen-Button genügt. So rasch wie im Kosmos der Fotografie Paare entstehen, so rasch können sie auch wieder verschwinden.

Was zurückbleibt, sind - zumindest in der analogen Ära - Spuren, die wir Nachgeborenen lesen können, als Ausdruck der Konvention. Oder vielleicht auch als Zeichen einer großen Liebe.