Wie war das schön, als im Juni 1989 Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Kollege Gyula Horn mit riesigen Bolzenschneidern den Eisernen Vorhang durchschnitten. In den Reden danach hieß es, dass wir nun vor einer Zukunft ohne Trennungen und ohne Zäune stünden. Mehr als drei Jahrzehnte später sieht die Welt anders aus und der Zaun feiert ein Comeback.

Es gibt aber einen großen Unterschied zwischen den Zäunen unserer Tage und denen des Kalten Krieges. Der Eiserne Vorhang sollte verhindern, dass sich die Bevölkerung der kommunistischen Staaten auf den Weg nach Westen machte. Er diente also dazu, die eigene Bevölkerung einzusperren. Die Grenzzäune unserer Tage sollen hingegen aussperren und vor allem die Zuwanderung wenn schon nicht verhindern, so zumindest bremsen.

Auch die Diskussion über Grenzzäune hat sich geändert. Während vor einigen Jahren der damalige Bundeskanzler Werner Faymann das Wort Zaun tunlichst vermeiden wollte und verschämt von einem "Türl mit Seitenteilen" sprach, forderte der jetzige Kanzler Karl Nehammer, dass das "Tabu Zäune" endlich gebrochen werden müsse.

Dabei scheint dieses Thema nur noch in Österreich ein wirkliches Tabu zu sein, denn andernorts werden Zäune schon seit Jahren gebaut. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden im Jahr 1989 weltweit nur sechs Grenzzäune verzeichnet. Als Folge der Terroranschläge von 2001 und der Migrationswelle des Jahres 2015 stieg ihre Zahl wieder stark an und letztes Jahr wurden 74 Grenzzäune gezählt.

Barrieren weltweit

So sind etwa die beiden spanischen Exklaven Ceuta und Melilla, Vorposten der Europäischen Union in Nordafrika, durch einen zehn Meter hohen High-Tech-Zaun von Marokko getrennt. Videoüberwachung, Wärmebildkameras und Stacheldraht sollen dafür sorgen, dass niemand auch nur auf den Gedanken kommt, über die Sperre klettern zu wollen.

In Bulgarien hat die Regierung die Grenze zur Türkei und damit die Außengrenze der Europäischen Union mit einem Zaun gesichert. Für den österreichischen Kanzler war das noch nicht genug, er forderte den Ausbau der Anlagen, ehe er dem Beitritt Bulgariens zur Schengenzone zustimmen wolle. Weiter im Norden sind es Finnland, die baltischen Staaten und Polen, die sich spätestens seit der Invasion in der Ukraine von Russland abgrenzen.

Bei Ceuta versuchen Migranten immer wieder, von Marokko aus in spanisches Gebiet zu gelangen. 
- © afp / Fadel Senna

Bei Ceuta versuchen Migranten immer wieder, von Marokko aus in spanisches Gebiet zu gelangen.

- © afp / Fadel Senna

Zäune, die an Grenzen zwischen zwei Staaten Migration, Schmuggel und Kriminalität verhindern sollen, sind ein weltweites Phänomen: Die Halbinsel Korea wird durch eine 240 Kilometer lange Sperranlage in zwei Staaten geteilt; Israel hat an der Grenze zu den palästinensischen Gebieten ebenso einen Zaun gebaut wie die Vereinigten Staaten in Richtung Mexiko. In Afrika haben Botswana und Südafrika Zäune gebaut, um Einwanderer aus Simbabwe aufzuhalten, in Asien schottet sich Indien durch einen Zaun vom Nachbarn Bangladesch ab - und es gäbe noch viele weitere Beispiele.

Der längste Zaun der Welt ist aber gegen Wanderungsbewegungen einer ganz anderen Art gerichtet: Der mehr als 5.600 Kilometer lange australische Dingo-Zaun soll die Schafweiden im Südosten des Landes vor räuberischen Besuchern schützen.

Zäune legen also Trennlinien fest und machen sie sichtbar, doch seit wann gibt es sie überhaupt? Auf steinzeitlichen Malereien, etwa in der berühmten Höhle von Lascaux, finden sich neben Tieren immer wieder Gitterstrukturen, die von manchen Forschern als Zäune interpretiert werden. Einige tausend Jahre nach diesen ersten Malern wurden die Menschen sesshaft und stellten Ansprüche auf das von ihnen bearbeitete Land. Die Abgrenzung wurde notwendig, um klarzustellen, wer welches Grundstück bearbeitete, aber auch, um es gegen gefräßige Besucher zu sichern.

Drinnen & draußen

Den ersten Ackerbauern dienten Zäune vor allem als Schutz nach außen und zur Abwehr von Tieren. Erst später und mit dem Beginn der Tierzucht sollten Gatter verhindern, dass sich die eigenen Tiere davonmachen. Dass Zäune damals nicht nur an Land, sondern auch unter Wasser gebaut wurden, beweisen 11.000 Jahre alte Funde. Dieses urzeitliche Flechtwerk zwang Fische an Stellen, wo sie leicht gefangen werden konnten.

In den Alpen entwickelte sich im Lauf der Zeit eine Vielfalt an hölzernen Zäunen, die an die jeweiligen Notwendigkeiten angepasst waren. Bei allen Unterschieden hatten sie eines gemeinsam, nämlich dass sie mit sehr viel Arbeit verbunden waren. Gleich zu Beginn musste genug Holz aufbereitet werden. Dabei gab es viele bäuerliche Regeln zu beachten: So sollte das Holz für die Zäune zwischen dem Michaelstag am 29. September und dem Sebastianstag am 20. Jänner geschlagen werden, am besten bei abnehmendem Mond.

Wenn der Zaun nach viel mühseliger Arbeit einmal stand, war die Sache damit noch nicht erledigt. Das Naturprodukt Holz war der Witterung ausgesetzt und deswegen mussten die Zäune laufend instandgehalten werden. In hohen Lagen kam noch mehr Arbeit dazu. Dort legten die Landwirte ihre Zäune vor dem Wintereinbruch um, damit sie durch den Druck des Schnees nicht beschädigt würden, und im Frühling folgte das mühsame Aufstellen.

Industriell gefertigte Zäune haben diese Arbeiten viel leichter gemacht, zugleich aber zum Verschwinden der Zaunkultur geführt, und damit ist viel Wissen um diese Vielfalt verloren gegangen. Manche Heimatvereine bemühen sich, durch Seminare und Workshops die Tradition vor dem Aussterben zu bewahren.

Mit einem Zaun am Fluss Evros sperrt Griechenland seine Grenze zur Türkei. 
- © afp / Sakis Mitrolidis

Mit einem Zaun am Fluss Evros sperrt Griechenland seine Grenze zur Türkei.

- © afp / Sakis Mitrolidis

Im Dialekt wurden diese alpinen Zäune als "Hag" bezeichnet, ein Wort, das schon von den Brüdern Grimm in ihrem Wörterbuch verzeichnet wurde. Dort wird der Hag als Einfriedung definiert, die "um einen ort zum schutze und zur vertheidigung desselben aufgeführt ist" und "aus holz- oder heckenwerk" besteht. Das Wort hat viele sprachliche Spuren hinterlassen: Die niederländische Stadt Den Haag war einst das von einem Hag umgebene private Jagdgebiet des Grafen von Holland, und Sträucher wie die Hagebutte und der Hagedorn (öfter als Weißdorn bekannt) tragen ihren Namen, weil sie undurchdringliche lebendige Zäune bilden.

Wenn wir schon bei der Sprachgeschichte sind: Während das Wort Zaun im Deutschen eine Begrenzung oder Absperrung bedeutet, bezeichnen die Verwandten dieses Wortes weiter im Nordwesten das Gelände, das von einem Zaun eingefasst wird, etwa town im Englischen oder das niederländische tuin, das Garten bedeutet. Auch das Wort Garten hat mit der Abgrenzung nach außen zu tun, denn oft wurden dünne Stöcke aus Haselnuss oder Weide genutzt, um bebautes Land abzuschirmen. Aus diesem mit Gerten umschlossenen Gebiet wurde das Wort Garten.

Die Ursünde

Für den Philosophen Jean-Jacques Rousseau war der Zaun schon seit seinem Anbeginn das Symbol allen Übels. Rousseaus Meinung nach waren die Menschen in ihrem ursprünglichen Zustand gleich, glücklich und zufrieden. Im Gegensatz dazu steht die bürgerliche Gesellschaft, die von Ungleichheit und Misstrauen geprägt wird. Im Zaun sah Rousseau die Ursache für Konflikte zwischen den Menschen:

"Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen: ‚Das gehört mir‘, und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken hätte jener der Menschheit erspart, der die Pfähle ausgerissen oder den Graben überwunden und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ‚Nehmt euch in Acht, diesem Betrüger zu glauben; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen, dass aber die Erde niemandem gehört.‘"

Für Rousseau war der Zaun also die Ursache der Ungleichheit zwischen den Menschen und er würde sich heute wahrscheinlich bestätigt sehen, wenn er sogenannte "geschlossene Wohnanlagen" sehen würde. Europa ist von dieser Entwicklung noch weitgehend verschont geblieben, aber in vielen Ländern der Erde gilt der Zaun um eine Siedlung als Distinktionsmerkmal. Wer es sich leisten kann, lebt eingezäunt und unter seinesgleichen in einer dieser gated communities. Die ersten Komplexe dieser Art entstanden in den Vereinigten Staaten und verbreiteten sich von dort aus in andere Teile der Welt.

Die Abgrenzung von anderen (soll heißen ärmeren) sozialen Schichten, die Angst vor tatsächlicher oder empfundener Kriminalität und die Bestätigung, sich diesen Wohnstil leisten zu können, tragen dazu bei, dass solche Anlagen in vielen Ländern an Beliebtheit gewinnen.

Kritiker sehen in dieser Lebensweise aber die Gefahr, dass sich die wohlhabenden Schichten von der restlichen Bevölkerung abgrenzen, in ihrer Blase bleiben und so den sozialen Zusammenhalt schwächen.

Nach außen abgeriegelt war auch die DDR, deren kommunistisches Modell so erfolgreich war, dass die Regierung in Ost-Berlin einen großen Zaun um das Land bauen musste, um die Bevölkerung des Staates am "Rübermachen" in den Westen zu hindern.

US-amerikanische Grenzbefestigung bei El Paso, Texas. 
- © afp / Paul Ratje

US-amerikanische Grenzbefestigung bei El Paso, Texas.

- © afp / Paul Ratje

In dieser vom Kollektivismus geprägten Gesellschaft entstand eine besondere Zaunkultur, denn gerade der Zaun ermöglichte eine klare Abgrenzung des überschaubaren privaten Bereichs. Im Garten lag das, was man ohne großen staatlichen Einfluss selbst gestalten und als kleine Privatsphäre im erdrückenden System erhalten konnte. Die individuelle Gestaltung des Zauns wurde so zu einer der wenigen Möglichkeiten, durch die man ein wenig Individualität zeigen konnte.

Dass Zäune aber nicht nur einen weltlichen Besitzanspruch darstellen, sondern auch in Religionen eine besondere Rolle spielen können, beweist der sogenannte Eruv im Judentum. Am Sabbat, also zwischen Freitagabend und Samstagabend, ist den Gläubigen untersagt, im öffentlichen Raum Gegenstände zu bewegen oder zu tragen, die Einschränkung gilt allerdings nicht für private Räume. Diese Regelung schafft manches Problem, etwa wenn man mit einem Kinderwagen unterwegs sein möchte. Die Halacha, also das rechtliche System des Judentums, hat die Möglichkeit geschaffen, durch einen Eruv die vielen, kleinen privaten Räume der Gemeinde zu einem großen zu verbinden, in dem die Beschränkungen aufgehoben sind.

Früher wurden in vielen Städten die Stadtmauern als Eruv definiert, mangels Befestigungen gestaltet sich die Abgrenzung heute komplizierter. In Wien ist der Eruv etwa 25 Kilometer lang und verläuft zum größten Teil entlang des Handelskais und des Gürtels. Lücken werden durch einen Draht überwunden, der auf symbolische Weise einen durchgehenden Zaun schafft. Um sicherzustellen, dass der Eruv am Sabbat den religiösen Vorschriften entspricht und durchgehend geschlossen ist, wird er regelmäßig kontrolliert und ausgebessert.

BH oder Walknochen

Der Zaun spielt aber auch in der christlichen Kunst des Mittelalters eine Rolle, in der Gotik entwickelte sich das Genre des hortus conclusus, also des umschlossenen oder eingezäunten Gartens. Es geht zurück auf das biblische Hohelied, in dem die Braut mit einem "verschlossenen Garten" verglichen wird. Auf diesen Kunstwerken ist die Jungfrau Maria in einem Garten zu sehen, der durch einen Zaun oder eine Rosenhecke von der sündhaften Außenwelt abgeschirmt wird. Im Garten selbst wachsen Blumen wie Lilien oder Rosen, die für die Reinheit Mariens stehen.

Der "Cardrona Bra Fence" in Neuseeland ist ein Blickfang - gut tausend BHs sollen hier inzwischen hängen. - © Pablo Heimplatz
Der "Cardrona Bra Fence" in Neuseeland ist ein Blickfang - gut tausend BHs sollen hier inzwischen hängen. - © Pablo Heimplatz

Von den heiligen zurück zu weitaus profaneren Zäunen. In der Wunderkammer Internet kann man skurrile Ausformungen entdecken, etwa den BH-Zaun im neuseeländischen Städtchen Cardrona. Dort hingen irgendwann zwischen Weihnachten und Silvester 1998 mehrere BHs an einem Zaun. Woher sie kamen, ist bis heute ungeklärt (offen blieb auch, ob die Besitzerinnen davor in der nahe gelegenen lokalen Schnapsbrennerei zu Besuch waren). Seitdem wurden sie von Jahr zu Jahr mehr und mittlerweile hängen an die tausend Stück Unterwäsche auf diesem Zaun, der zur Touristenattraktion wurde. Den Behörden war dieses Monument der besonderen Art ein Dorn im Auge und aus Gründen der Schicklichkeit und der Verkehrssicherheit wurde der Zaun schließlich an eine weniger befahrene Strecke versetzt.

Ein anderer Zaun hat es in die Hitparade geschafft: Im Jahr 1999 feierte der Brachialkomiker Stefan Raab mit dem Lied "Maschendrahtzaun" einen großen Erfolg und landete sowohl in Österreich als auch in Deutschland auf Platz eins. Raab griff in diesem Lied einen Fall auf, der kurz zuvor in einer Gerichtsserie im Privatfernsehen verhandelt worden war. Es ging dabei - wenig überraschend - um einen Maschendrahtzaun, der für Streitereien zwischen Nachbarn sorgte und der Raab zu geradezu zeitlosen Reimen wie "If I’d ever be a king and I get a crown then it would surely be made of Maschendrahtzaun" inspirierte.

Und noch ein letzter Schlenker zu einem merkwürdigen Zaun, der diesmal auf die friesischen Inseln führt. Dort war Holz lange Zeit so selten und wertvoll, dass es nicht für den Bau von Zäunen verschwendet wurde. Viele Männer dieser Inseln verdienten ihr Geld als Walfänger und brachten von ihren Fahrten Walknochen mit, für die sich bald eine neue Verwendung fand. So kam es, dass auf diesen Inseln Zäune aus den Rippen und Kieferknochen von Walen gebaut wurde. Die Jagd auf Wale ist mittlerweile vorbei, und nur wenige dieser speziellen Zäune blieben bis heute erhalten.

Zurück zur aktuellen politischen Diskussion über die Zäune. Die große Frage in diesem Zusammenhang ist, was ein Zaun bringt, konkret: ob er Migration und Kriminalität wirklich stoppen oder zumindest bremsen kann. Die demokratische amerikanische Politikerin Janet Napolitano hat als Gouverneurin des an der Grenze zu Mexiko liegenden Staates Arizona und als Ministerin für Innere Sicherheit in der Regierung von Barack Obama viel politische Erfahrung mit Zäunen gemacht. Ihr Resümee lautet: "Zeig mir eine 50 Fuß hohe Mauer und ich zeige dir eine 51 Fuß hohe Leiter." Donald Trump sah das bekanntlich anders: Er versprach im Wahlkampf eine Mauer an der Grenze zu Mexiko und war davon überzeugt, dass Zäune "fast zu 100 Prozent erfolgreich" wirken würden.

Nutzen umstritten

Auch in Europa stehen sich Befürworter und Gegner von Zäunen oft geradezu erbittert gegenüber. Studien über den Nutzen von Zäunen führen nicht weiter, die Ergebnisse sind in manchen Fällen sehr eindeutig (und führen je nach Sichtweise der Autoren unzweifelhaft in eine Richtung), in anderen ergeben sie ein schwer vergleichbares oder unklares Bild.

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Alois Mock und Gyula Horn durchtrennen am 27. Juni 1989 symbolisch den Grenzzaun zwischen Österreich und Ungarn. 
- © apa / Robert Jaeger

Ein Bild für die Geschichtsbücher: Alois Mock und Gyula Horn durchtrennen am 27. Juni 1989 symbolisch den Grenzzaun zwischen Österreich und Ungarn.

- © apa / Robert Jaeger

Klar ist hingegen, dass jeder Zaun kreative Ideen mit sich bringt, wie er umgangen werden kann. Drohnen, Tunnel, Leitern oder gefälschte Dokumente sollen helfen, dieses Hindernis zu überwinden, und wenn man es trotz aller Versuche nicht auf die andere Seite schafft, so werden neue Migrations- oder Schmuggelwege gesucht.

An vielen Grenzen der Welt stehen wir heute wieder dort, wo wir schon vor dreißig Jahren waren, nämlich vor Zäunen. Im Jahr 1989, also in jener Zeit, in der die Zäune ab- und nicht aufgebaut wurden, sagte Alois Mock an der österreichisch-ungarischen Grenze, die Zeit des Eisernen Vorhang werde "eine Periode des Irrtums dokumentieren, in der Völker durch Zäune getrennt waren". Mehr als drei Jahrzehnte später diskutieren wir, was nun eigentlich der Irrtum ist: einen Zaun zu bauen oder das freie Überqueren der Grenzen möglich zu machen.