Vor gut zwanzig Jahren setzte Michael Schnitzler zu seiner beruflich-musikalischen Wiener Karriere am Golfo Dulce in Costa Rica einen "natürlichen Kontrapunkt": Der Professor der hiesigen Musikhochschule hatte sich bedingungslos in einen Flecken für Sonnen- und Lagunenhungrige verliebt, der ihm ursprünglich nur als vorübergehendes Feriendomizil dienen sollte. Mit amtlichen Stellen in der sogenannten "Schweiz Lateinamerikas" und Verwandten und Freunden in der Heimat knüpfte er schließlich die ersten Fäden zu dem späteren Großprojekt "Regenwald der Österreicher".

Üppig, aber gefährdet; der tropische Regenwald. - © La Gamba
Üppig, aber gefährdet; der tropische Regenwald. - © La Gamba

Der durchreisende Besucher mag das Gebiet an der Lagune auf den ersten Blick als paradiesische Wildnis wahrnehmen. Doch in Wirklichkeit war der Esquinas-Wald schon längst aus der natürlichen Idylle entlassen, als die Naturschützer auf ihn aufmerksam wurden. Seit Ende der 1930er Jahre hatte nämlich die United Fruit Company in der Region gewirkt, im großen Stil gerodet, Bananenplantagen angepflanzt und im nahen Golfito sogar einen beachtlichen Hafen errichtet.

Ein Tropenwaldrelikt

Den unmittelbar am pazifischen Ozean gelegenen Corcovado National Park auf der Halbinsel Osa trennte zudem ein breiter, von Menschenhand geprägter Korridor vom Esquinas-Wald. Und dieser blieb als rundum weitgehend isoliertes Tropenwaldrelikt am Lagunenrand zurück, gewissermaßen am Rand des Interamericana-Highway und abgeschnitten von den bewaldeten Höhenrücken im Landesinneren. Kurzum: als zukunftträchtiges Zuhause für Jaguar und Puma taugte das vermeintliche Naturparadies nicht mehr. Gerade diese stattlichen "Könige des Dschungels" sind auf große Streifgebiete angewiesen.

Mitteleuropäer mögen zwar einen Urwald von 12 mal 12 Qua-dratkilometern für eine gewaltige Wildnis halten. Für artenreiche, aber individuenarme Tierpopulationen allerdings, wie sie für die Tropenwälder typisch sind, ist das eine lächerliche Dimension. Nur eine Handvoll Jaguare fände in einem solchen eingeengten Refugium ihr Auslangen. Derartig kleine "Fortpflanzungsgemeinschaften" dünnen genetisch aus und könnten auf Dauer kaum überleben, zumal im konkreten Fall der lokale Jagddruck der verbliebenen Fauna fortwährend zusetzte.

Dann zog sich in den achtziger Jahren der Bananen-Konzern aus dem Südwesten der kleinen Republik zurück. Dessen Art der Arealeroberung und rigorosen Landnutzung war bezeichnend für die Periode des allgemeinen Raubbaus an den natürlichen grünen Ressourcen des Landes. In einem halben Jahrhundert waren etwa siebzig Prozent der bewaldeten Flächen gerodet worden.

Diese zweifelhafte Vergangenheit und die daraus resultierende Wirklichkeit stehen in krassem Gegensatz zum heutigen Sex-Appeal des vielbereisten Staates. Mittlerweile genießt Costa Rica bei Naturliebhabern, vor allem unter alternativ Reisenden einen geradezu mythischen Ruf -wegen seiner politischen Stabilität, wegen seiner vielen Nationalparks, wegen der enormen Anstrengungen für die Erhaltung von Fauna und Flora. Immerhin gilt für ein gutes Viertel des Staatsgebiets strenger Biotopschutz, sei es als Nationalpark, sei es als Naturreservate. Das ist so, wie wenn hierzulande Kärnten und Tirol komplett als Totalschutzgebiet ausgewiesen wären, ohne Wasserkraftwerke, Ski-, Golf- und sonstige "Aktiv"-Erholungszonen!

Mit dem plötzlichen Rückzug des Plantagen-Multis aus Golfito sahen sich über Nacht Tausende Costaricaner ohne Arbeit und Brot. Die Alternative, die sich bald bot, bedeutete aus der Sicht des Naturschutzes freilich eine Katastrophe: Ein Ableger des in Chicago ansässigen Konzernriesen Stone Container Corporation beabsichtigte, in unmittelbarer Nachbarschaft des Corcovado-Nationalparks einen Industriekomplex zur Holzgewinnung zu errichten. Das Ziel: 24.000 Hektar Monokultur des schnellwachsenden Allerleigewächses und kommerziellen "Wunderbaums" Gmelina arborea - letztlich bestimmt für die Papierfabrikation.

Doch es kam anders. Internationaler Druck und Widerstand aus der Bevölkerung ließen die Investoren das bereits begonnene Projekt abbrechen. Erst einige Jahre vorher hatten die Behörden den gesamten Bereich zwischen Corcovado und dem Regenwald am Esquinas zum Waldreservat erklärt. Diese Maßnahme hatte zunächst einmal bescheiden den Status quo sichern sollen. Noch war der weite Landstreifen nicht restlos zersiedelt und verwüstet. Insofern entpuppte sich der Ansiedlungsversuch des Sägewerks als unverfrorener Bruch des Schutzstatus des Golfo Dulce Forest Reserve.

Mit der Vereitlung des Projekts beließ man es bei einer Mischung aus Siedlungsgebiet, sekundärer Vegetation und degenerierter Wildnis. Was noch wichtiger als die bloße Abwehr der Holzschnitzelerzeugung erscheint: Die weiterreichende Option, die seinerzeit die Unterschutzstellung des Korridors für eine ferne Zukunft eröffnet hatte, blieb bestehen: nämlich die Chance zur Renaturierung des heruntergekommenen ehemaligen Naturraums.

Koalition der Willigen


Erst vor diesem Hintergrund gewinnt der Einsatz des Wiener Geigenprofessors (übrigens der Enkel von Arthur Schnitzler) und seines costaricanischen Mitstreiters Alvaro Ugalde für den angrenzenden Esquinas-Regenwald seinen eigentlichen Wert. Denn erst mit der Aussicht auf Vernetzung konnte der Aufkauf der von Kettensägen bedrohten Esquinas-Parzellen eine über pure Ästhetik hinausgehende Perspektive haben. An diesem Punkt nun hakte eine Koalition der Willigen ein, an erster Stelle Alvaro Ugalde, der einst erfolgreich den Corcovado-Nationalpark etabliert hatte, und Schnitzler mit seinem Freundeskreis.