In den ersten zwei Jahrzehnten nach seiner Entdeckung erschienen zu LSD über 1000 Fachartikel. Die Ergebnisse wirkten ermutigend: Der psychische Gesamtzustand von unheilbar Kranken habe sich durch die neuartige Substanz nachhaltig verbessert, und bei Autisten fungierte LSD gewissermaßen als Brücke zur Umwelt. Künstler wiederum schwärmten vom kreativen Potenzial, das sie ihrer Einschätzung nach ohne LSD nicht erreicht hätten.

Doch da zeigten sich die Schattenseiten: Geheimdienste versuchten, die Droge für ihre Zwecke einzusetzen und nahmen bei den Experimenten an zumeist nicht informierten Personen auch Todesfälle in Kauf. Und sobald die Sub-stanz unters Volk gelangt war, wurden Einsatz und Wirkung vollends unkontrollierbar. Auf dem Gipfel des LSD-Hypes der 1960er Jahre gründete Ken Kesey, Autor von "Einer flog über das Kuckucksnest", die Hippie-Gruppe "Merry Pranksters", die in ihrem bunt bemalten Bus (siehe Bild oben) durch die USA fuhr und LSD-Happenings veranstaltete, indem sie die damals noch legale Droge an das Publikum verteilte.

Der Schriftsteller Tom Wolfe, zeitweilig Mitreisender in jenem Bus, hatte die Erlebnisse in "The Electric Kool-Aid Acid Test" (dt. Titel: "Unter Strom") literarisch festgehalten. Eine wahre Rauschgiftwelle erfasste die USA. Manche der als anturnend gedachten Höhenflüge gerieten zum Horrortrip und sorgten für Sensationsmeldungen. Menschen, die im LSD-Wahn glaubten, fliegen zu können, stürzten von Hochhäusern und Brücken in den Tod. Die Morde des Sektenführers Charles Manson schrieb man dem Missbrauch von LSD zu. 1966 wurde die Droge in den USA verboten, andere Länder folgten bald nach.

Hofmann legte seine Befürchtungen schon 1961 seinem Freund Ernst Jünger dar: Indem die Droge "ein zusätzliches Fenster für unsere Sinne und Empfindungen" öffne, sei der Schritt zur "Veränderung des Wesenskerns" des Konsumenten nur ein kleiner. Jünger, der mit LSD und Mescalin experimentierte und seine Erfahrungen in "Annäherungen - Drogen und Rausch" sowie im Roman "Besuch auf Godenholm" beschrieb, war sich mit Hofmann darin einig, dass der Gebrauch der Droge nur einer kleinen Elite vorbehalten bleiben dürfe. Scharf kritisierte Hofmann die Propagierung des Massenkonsums durch den Drogenapostel Timothy Leary. "Die amerikanische Jugendbewegung", sagte er, "hat das LSD zu oberflächlich genommen, sie hat sich nicht vorbereitet." Für Hofmann gehörte LSD zu den sakralen Drogen, die nur im kontrollierten Setting, etwa unter Aufsicht eines Psychiaters, konsumiert werden dürfe.

Kult von Eleusis

Als Vorbild nannte er den hellenischen Kult von Eleusis, bei dem man den zur Erleuchtung verhelfenden Rauschtrank Kykeon einnahm. Auch die Indianer nähmen ihre "heiligen Pilze" nach strengem Ritual zu sich und reinigten sich durch Fasten und Beten innerlich: "Dann bringt einen der Pilz dem Göttlichen näher. Aber wenn ich das nicht mache, tötet er mich oder macht mich wahnsinnig." Das Wundermittel war zum "Sorgenkind" geworden, wie Hofmann notierte. Als er 1971 als Leiter der Naturstoffabteilung von Sandoz in den Ruhestand trat, war es nahezu weltweit verboten.

In der Technoszene der 1980er Jahren als Partydroge neu aufgetaucht, hält sich LSD laut Drogenberichten seither auf niedrigem Niveau. In jüngster Zeit versuchen Wissenschafter zumindest für Studienzwecke wieder ein Bewusstsein für den unvoreingenommenen Umgang mit LSD zu schaffen, dessen Abhängigkeitspotenzial und Toxizität als gering eingestuft werden. Als Hofmann 2007 erfuhr, dass Steve Jobs seine Erfahrung mit LSD als "eines der drei wichtigsten Dinge in meinem Leben" bezeichnete, bat der 101-Jährige den Apple-Mitbegründer um Mitteilung, auf welche Weise die Substanz für ihn nützlich war: "Ich hoffe, Sie helfen mir dabei, mein Sorgenkind in ein Wunderkind zu verwandeln." Hofmann wollte Jobs als Unterstützer für Peter Gasser gewinnen. Der Psychiater hatte von der Schweizer Regierung die Genehmigung erhalten, eine LSD-Therapie für Todkranke zu erproben. Es ist nicht bekannt, ob Jobs geantwortet hat.

Anders als sein krebskranker Freund Aldous Huxley, der sich von seiner Frau 100 Mikrogramm LSD injizieren ließ, hat Hofmann die Droge in seiner Todesstunde am 29. April 2008 nicht benutzt. Mit großer Neugierde, so heißt es, habe er dem Tod entgegengesehen.

Thomas Karny, geb. 1964, lebt als Sozialpädagoge, Autor und Journalist in Graz. Mehrere Buchveröffentlichungen zur Zeitgeschichte.