Einen wichtigen Grund dafür ortet er in der Dominanz des Ökonomischen, das die kapitalistische Maschine in Gang gesetzt hat. Diese Maschine funktioniert "wertneutral"; zentral ist die Profitmaximierung. Verloren geht dabei das Element einer Sinnsphäre, einer Sinnstiftung, also das, was nicht der Verwertungslogik der kapitalistischen Gesellschaft entspricht. Eben diese Produktion von Sinn sei die unabdingbare Voraussetzung, so Nancy, für eine neue Form der Demokratie, in der die Gemeinschaft einen wesentlichen Stellenwert einnimmt.

Gemeinschaftskonzept


Nancy ist sich der Ambivalenz der Gemeinschaft durchaus bewusst: Einerseits ist dies ein möglicher Entstehungsort für eine neue politisch-soziale Bewegung, andererseits schwingt im Wort "gemein" schon die Niederträchtigkeit totalitärer Ideologien mit, worauf Nancy in seiner jüngsten Publikation "Demokratie und Gemeinschaft" verweist. Um eine neuartige Form der Gemeinschaft zu konzipieren, ist eine Dekonstruktion der üblichen Gemeinschaftskonzepte, wie sie in der faschistischen, realsozialistischen und bürgerlich-liberalen Version vorliegen, erforderlich. Trotz der unterschiedlichen Ausprägungen weisen diese Gesellschaftsformationen eine Gemeinsamkeit auf, nämlich den Willen, eine einheitliche, umfassende Ideologie auszubilden, die eine Identität stiftet, zu der sich die Mitglieder der jeweiligen Gemeinschaften rückhaltlos bekennen. Diese Identifikation erfolgt aus dem Bedürfnis der Menschen, ihr existenzielles Vakuum durch das Surrogat eines universell gültigen Wertekanons aufzufüllen. Nancy spricht von "immanenten, identitären" Gemeinschaften, die in der Geschichte des 20. Jahrhunderts viel Unheil angerichtet haben, weil sie mit den Strategien der Ausschließung, des Hasses und der Gewalttätigkeit gearbeitet haben. Die monströse Fratze der Gemeinschaft wurde dann in den Zwangsgemeinschaften des Nationalsozialismus und des Stalinismus sichtbar, in deren Namen Millionen Menschen in den Konzentrationslagern und Gulags ermordet wurden.

Nancy plädiert nun für eine Gemeinschaft, für ein Zusammenleben der Menschen, das nicht von ideologischen oder religiösen Programmen geregelt wird. Er spricht von einem "Mit-Sein", von einer Gemeinschaft, die ohne "große Erzählungen" auskommt, wie sie Religionen, Parteien oder die Nationalstaaten anbieten. Das "Mit-Sein" übernimmt Nancy von Martin Heidegger, der diesen Begriff in seinem Hauptwerk "Sein und Zeit" als Existenzial des Daseins bezeichnet hatte. "Sein ist immer schon Miteinandersein", sagt Nancy im Gespräch und plädiert für "eine Ontologie des Zusammenseins". Das erfordert einen Perspektivenwechsel; im Mittelpunkt steht nicht mehr der Einzelne auf der Suche nach einem "guten, geglückten Leben", sondern die Gemeinschaft, "in der die Individuen nicht nebeneinander leben, sondern ein Gefüge einer gemeinsamen Sinnstiftung entwerfen". Als Beispiel einer solchen Sinnstiftung nennt er die Protestbewegung von Mai 1968, bei der es sich "nicht um Spiele oder Fantasien von Intellektuellen handelt", wie er in "Wahrheit der Demokratie" betont, sondern um einen Angriff gegen die "verwaltende Demokratie", in der in Anlehnung an Friedrich Nietzsche eine "Umwertung aller Werte" erfolgen sollte.

Der Schriftsteller Maurice Blanchot, der in engem Gedankenaustausch mit Nancy über die Thematik der Gemeinschaft stand, brachte diese Umwertung auf den Punkt: "Der Mai 68 hat gezeigt, dass sich ohne Projekt, ohne Verschwörung, mit der Plötzlichkeit eines glücklichen Zusammentreffens eine explosive Kommunikation affirmieren konnte, wie ein Fest, das die erlaubten oder erwarteten sozialen Formen umstieß". Die Bewegung von Mai 68 ist - soweit sie nicht ideologisch verhärtete - ein Beispiel für eine Gemeinschaft, die nichts Geschlossenes, sondern etwas wesentlich Offenes ist. Das Ziel dieser Situations-Gemeinschaft bestand nicht darin, aus einem ideologischen Konzept eine rigide, gesellschaftspolitische Formation zu schaffen, wie es im Nationalsozialismus oder Realsozialismus erfolgte, sondern die Vorstellung von einer Gemeinschaft zu evozieren, die sich weigert, "sich ins Werk zu setzen, und die sich des Willens enthält, eine Vision, ihre Ausrichtung und ihre Ziele vorzulegen und zu diktieren".

Außer-Sich-Sein


Das Fazit von Nancys Ausführungen zum Thema Gemeinschaft lautet: "Die Gemeinschaft ist weder ein herzustellendes Werk, noch eine verlorene Kommunion, sondern der Raum selbst, das Eröffnen eines Raums der Erfahrung des Draußen, des Außer-Sich-Seins". Nancys philosophische Dekonstruktionen sind als Annäherungen, als "Tappen im Dunklen" zu verstehen - in der Nachfolge von Jacques Derrida - der ein "unerhörtes Denken" propagierte. Eine große Faszination übt dabei das "Undenkbare" aus; jene Sphäre, die sich stets entzieht. Im Gespräch äußert sich Nancy darüber kryptisch: "Die Grundlage des Denkens ist immer dasjenige, was über alles Denkbare hinausgeht; es ist jener Wink von außen, von einem absoluten Jenseits, das nicht als Göttliches bezeichnet werden kann. Es ist keine Überwelt; Blaise Pascal hatte eine Ahnung davon, wenn er schrieb: Der Mensch geht unendlich über den Menschen hinaus".

Nikolaus Halmer, geb. 1958, Studium der Philosophie, Romanistik, Theaterwissenschaft, ist Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; Schwerpunkte: Philosophie, Kulturwissenschaften.

Literaturhinweise:

Jean-Luc Nancy: Werke wie "Demokratie und Gemeinschaft" (2015), "Wahrheit der Demokratie" (2009), "Das Vergessen der Philosophie" (22001) sind im Passagen Verlag erschienen. Im diaphanes Verlag wurden die Bücher "Die herausgeforderte Gemeinschaft" (2007), "singulär plural sein" (22004) und "Corpus" (22003) publiziert. "Der Eindringling / Das fremde Herz" (2000) erschien im Merve Verlag.