Dasselbe Spiel von links


Folgt man dem Populismustheoretiker Ernesto Laclau, müsste sich das ganze Spiel auch von links betreiben lassen. Stellen wir uns also die spiegelverkehrte Konstellation vor: die "Feinde" wären dann die Börsenspekulanten, die Immobilienhaie oder die politischen Machtcliquen, gegen die Podemos-Chef Pablo Iglesias in Spa-nien als "die Kaste" wettert. Im Kontrast dazu nimmt ein "authentischer Kern" des Volkes Gestalt an, der solidarisch und umverteilungswillig ist. Das klingt doch, als wären das die "richtigen" Feindbilder, als würde diese Spaltung progressive Politik ermöglichen. Tatsächlich schweißt die Zuspitzung das Protestlager zusammen, gibt ihm ein Gefühl gemeinsamer Identität und macht es handlungsfähig.

Nur wofür eigentlich? Spätestens wenn es eine linkspopulistische Partei in die Regierung schafft, zeigen sich die Widersprüche im homogenen Kollektiv. Was war jetzt eigentlich noch mal genau links? Die Steigerung der Sozialausgaben oder das bedingungslose Grundeinkommen? Der sozial-ökologische Umbau oder die Neuauflage keynesianischer Wirtschaftspolitik?

Interne Differenzen sind in einem populistischen Projekt allerdings nicht vorgesehen. Denn wenn Populisten untereinander zu debattieren beginnen, wenn sie ihre interne Pluralität nach außen kehren, dann verspielen sie alles, was sie mit ihrer populistischen Rhetorik vorher gewonnen haben. "Mit ganzer Kraft gegen die anderen" funktioniert nur, solange das "Wir" einheitlich bleibt.

Das ganze Gerede vom Volk - auch wenn es im deutschsprachigen linken Kontext vielleicht anders genannt würde - hat nur einen Sinn, wenn dieses als massiver Einheitsblock inszeniert wird, der nur einen unhintergehbaren Volkswillen hat. Den kann dann auch nur eine geschlossene Formation vertreten. "Das Volk" lässt sich nicht auseinanderdividieren. Deshalb setzt Podemos-Vorsitzender Iglesias nach internen Querelen Organisationssekretär Sergio Pascual kurzerhand wegen "parteischädigender" Amtsführung ab und schreibt in einem Brief an die Anhängerschaft, die oligarchischen Sektoren versuchten, "die Einheit und die Schönheit unseres politischen Projekts" mit der Behauptung zu schwächen, es gäbe innerhalb der Partei unterschiedliche Richtungen. Man dürfe daher den Gegnern nicht in die Hände spielen, schließlich sei die "Schönheit", die Podemos von den anderen Parteien unterscheide, die gegenseitige Liebe.

Wenn das politische Panorama in zwei homogen vorgestellte Gruppen gespalten wird, wird es schwierig, Zugehörigkeit zum "popularen Lager" zu postulieren und zugleich Kritik an diesem zu üben. Identität und Pluralität sind letztlich unvereinbar.

Ernesto Laclau selbst erklärt die Anziehungskraft des Populismus psychoanalytisch: Im frühkindlichen Erleben wird die Mutter nicht als eigenständiges Individuum wahrgenommen, die Beziehung zu ihr ist eine symbiotische, widerspruchsfreie. Auf den im Subjekt angelegten Wunsch nach Rückkehr in diesen vollkommenen Zustand antwortet populistische Politik. Sie bietet die Illu- sion eines ungeteilten Gemeinschaftssubjekts, das als Ersatz für die verlorene "Vollständigkeit" libidinös besetzt werden kann.

Erklärt man linke Politik zur Projektionsfläche, die das Begehren nach vollkommener Identität zu bedienen habe, reduziert man sie aber auf eine psychologische Funktion. Dann büßt sie ihren emanzipatorischen Anspruch ein. Schließlich meint Emanzipation nicht nur Befreiung von äußeren Unterdrückungsverhältnissen, sondern in einem aufklärerischen Sinn auch Ermächtigung gegenüber den eigenen regressiven Impulsen.

Restaurative Züge


Wird hingegen kein einheitliches Wir geschaffen, bleibt die Identität der linken Bewegung unsicher, ihre Politik muss ständig ausdiskutiert werden. Zu diskutieren gäbe es aber ohnehin genug, was durch die populistische Personalisierung von Herrschaftsverhältnissen in den Hintergrund gerät. Selbst wenn ein "Oligarch" wie Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz sein Geld an alle verschenken und verschwinden würde, käme schließlich bald der nächste nach. Soziale Ungleichheit mit der Bedrohung des guten Volkes durch mächtige Personengruppen zu erklären, lenkt von strukturellen Dynamiken ab.

Hier rächt sich die implizite Rückwärtsgewandtheit der populistischen Rhetorik. Wenn Populisten wie der griechische Premier Alexis Tsipras ständig die "Würde" des Volkes als Ziel ihres politischen Handelns nennen, ist das eine Zukunftsvision, der die Vorstellung von etwas Verlorengegangenem anhaftet: das griechische Volk, als es noch ein "stolzes" Volk war. Die politische Zielsetzung wird an eine Art "Goldenes Zeitalter" gekoppelt. Der mythische Rückbezug liefert politische Legitimität.

Gleichzeitig wird Populismus damit auch irgendwie ein restauratives Projekt mit der Aufgabe, die gute alte Zeit wiederherzustellen. Damit verbaut sich die Linke den Sprung in eine wirklich neue Logik. Gerade die braucht es aber in gesellschaftlichen Umbruchzeiten, in denen ein emanzipatorischer Zukunftsentwurf gefragt ist.