Rund 37.000 Rosa Delfine gibt es derzeit im Amazonasbecken. Die Bedrohungen nehmen zu . . .
Rund 37.000 Rosa Delfine gibt es derzeit im Amazonasbecken. Die Bedrohungen nehmen zu . . .

Das Amazonasbecken beherbergt den größten Urwald der Erde und 20 Prozent der weltweiten Süßwasservorkommen. Aber es ist kein unberührtes Paradies mehr, sondern ein wachsender Wirtschaftsraum mit mehr als 30 Millionen Einwohnern. Diese konsumieren Energie, Nahrung, brauchen Infrastruktur und Arbeit.

Sympathieträger

Wissenschafter wie der US-Biologe Thomas Lovejoy und der brasilianische Klimatologe Carlos Nobre glauben nun, dass das Limit der menschlichen Expansion bald erreicht sein und das ökologische Gleichgewicht der Region kippen könnte. Sie sehen den Tipping Point bei 20 bis 25 Prozent Abholzung erreicht. Dann würde der komplexe Wasserkreislauf der Region versagen. Es hätte unvorhersehbare Folgen für ganz Südamerika.

Trujillo sieht den Flussdelfin daher auch als Chance, mehr Bewusstsein für die Bedrohungen zu schaffen. "Er könnte zum Botschafter des Amazonas werden", sagt er. Der Delfin sei ein Sympathieträger.

Trujillo, der mit seinem wilden Bart und Kopftuch wie ein Flusspirat wirkt, packt nun mit an, das gerade gefangene Exemplar auf eine Matratze zu wuchten. Sie soll das hohe Gewicht des Delfins abmildern, das auf seine Lunge drückt. Kaum liegt er, breiten Trujillo und seine Mitarbeiter nasse Handtücher über ihm aus, die sie ständig mit Wasser tränken.

Ultraschallsignale

Um das Tier zu beruhigen, bedecken sie auch seine Augen, die nur wenig größer als Stecknadelköpfe sind und kaum mehr als Schemen wahrnehmen. Zur Orientierung dient dem Amazonas-Delfin ähnlich wie bei Fledermäusen ein komplexes auf Ultraschall basiertes System. Aus seiner hohen Stirn sendet das Tier Schallsignale aus, deren Echo es mit den Rezeptoren im Unterkiefer auffängt und in Sekundenbruchteilen zu einem Bild seiner Umgebung zusammensetzt. So lokalisieren die Delfine ihre Beute aus Fischen.

Eine Mitarbeiterin Trujillos drückt auf eine Stoppuhr und ruft: "Zehn Minuten!" Es ist die Zeit, die das Team hat, um alle Operationen auszuführen. "Theoretisch könnten die Delfine auch sehr viel länger an Land aushalten", erklärt sie, "aber wir wollen sie nicht unnötigem Stress aussetzen." Sofort beginnt eine eingespielte Prozedur. Eine Veterinärin misst mit einem Stethoskop den Herzschlag des Delfins. "Im grünen Bereich", sagt sie. Dann beobachtet sie das Atemloch, das sich gerade öffnet und wieder schließt. Atmet der Delfin nicht mindestens drei mal pro Minute, steht er unter großem Stress und die Forscher müssen ihre Aktion frühzeitig abbrechen. Bisher aber lässt er die Prozedur entspannt über sich ergehen.

Bevor der schwierigste Teil kommt - das Anbringen des GPS-Senders -, wird der Delfin ausgemessen und sein Geschlecht bestimmt. Es ist ein Weibchen, 2,14 Meter lang. "Ganz schöner Brocken", ruft Trujillo begeistert. Dann entnimmt eine Biologin Sekretproben aus Maul, Atmungsloch, After und Vagina. Sie schneidet auch ein winziges Stück aus der Schwanzflosse des Tiers. Es wird dazu dienen, die Quecksilberbelastung festzustellen.