Angereist ist Pearson aus Hongkong, wo er seit 2013 lebt. Einmal im Monat kommt er für eine Woche nach Tokyo, auch um in seiner auf Fotografie spezialisierten Zen-Galerie nach dem Rechten zu sehen. Bis 2013 hatte er ziemlich genau die eine Hälfte seines Lebens in London und die andere Hälfte in Tokyo gelebt und sein Geld mit Beteiligungsfonds gemacht.

Ihm schien das ein guter Zeitpunkt, um noch einmal einen Sprung zu wagen. Hongkong lag da nahe, für China hat er sich früh schon interessiert, auch für die dortige Fotografie. 2009 hat er die Galerie gegründet, schon damals wollte er Brücken bauen zwischen Japan und China, wenn auch nur solche in der Kunst. Durch seine Kontakte mit japanischen und chinesischen Fotografen hat er im Kleinen auch die Entwicklung der beiden Länder vor sich.

Introspektion

"Japan ist so reif, so entwickelt und saturiert", sagt er, "fast schon postindustriell. Die seit Jahren andauernde Stagnation verstärkt diesen Eindruck fast noch. Die Leute haben ihren Ehrgeiz verloren, den man in China und auch in Hongkong überall noch spürt." Japan dagegen? "Ist den Weg der Intro-spektion und Selbstreflexion gegangen seit dem Platzen der Spekulationsblase Ende der 80er. Und auch das spiegelt die gegenwärtige Fotografie." Mark Pearson erwähnt die international erfolgreiche Rinku Kawauchi, die auch banalen Alltagsdingen eine sehr japanisch anmutende, ätherische Note abgewinnen könne. "Aber vielleicht war die Zeit in den 70er und 80er Jahren mit ihren starken amerikanischen Einflüssen auch nur der Ausnahmefall, vielleicht hat sich die Fotografie an die Wurzeln der japanischen Kultur gelegt."

Und jetzt also Hongkong. Ich frage ihn, worin sich die Arbeiten von jungen japanischen und chinesischen Fotografen unterscheiden. Pearson gibt eine ausweichende Antwort: "Ein junger Chinese hat mir kürzlich gesagt, er sei froh, in einem Land zu leben, wo es jeden Tag so viel Verrücktes zu sehen gäbe. Es ist also auch das Material, das zählt. Aber sicher ist: die chinesischen Fotografen wollen den kommerziellen Erfolg viel stärker als die Japaner. Dafür arbeiten die Japaner auch dann weiter an ihren Projekten, wenn sie gar keine Perspektive haben, damit erfolgreich zu sein. Und das finde ich schon faszinierend."


Links
Webadressen:
www.guenterzorn.com
www.guimartinez.com
www.zen-foto.jp
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Ob er Tokyo jetzt anders sieht als früher? "Hongkong ist eine vi-brierende Stadt, voller Kontraste - und Fremde gewöhnt. Sie werden schnell einbezogen, man will wissen, was sie machen, woher sie kommen. Die Leute reden miteinander, sie lächeln mehr. In Tokyo ist man eher cool, gibt sich ungerührt gegenüber Fremden, gegenüber anderen überhaupt. Und so richtig erkenne ich das erst jetzt, da ich nicht mehr in Japan lebe."