"Ich sage ganz ehrlich, wenn ein Kind nicht so zeichnen kann wie beispielsweise Ernst Fuchs oder Alfred Hrdlicka, dann hat es in der bildenden Kunst nichts verloren." Arik Brauer im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. - Foto: © Robert Wimmer
"Ich sage ganz ehrlich, wenn ein Kind nicht so zeichnen kann wie beispielsweise Ernst Fuchs oder Alfred Hrdlicka, dann hat es in der bildenden Kunst nichts verloren." Arik Brauer im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Christine Dobretsberger. - Foto: © Robert Wimmer

Ich bin nicht religiös in dem Sinn, dass ich glaube, dass es eine höhere Kraft gibt, die ich mir irgendwie vorstellen kann oder darf. Bei diesem Thema kommt man dann ja immer auf einen Mann oder auf eine Frau, weil wir nicht imstande sind, uns etwas anderes vorzustellen. In diesem Sinne bin ich geradezu antireligiös, weil alle Religionen zwar großartige kulturelle Kräfte entwickeln und entfalten, unter dem Strich aber fürchterliche Dinge angerichtet haben und unser logisches Denken sehr belasten.

Dennoch ist das Alte Testament für Ihr künstlerisches Schaffen von großer Bedeutung.

Das Alte Testament, wie ich es verstehe, ist ein Menschheitskunstwerk allerersten Ranges. Vor allem natürlich im Hebräischen, aber auch in der deutschen Übersetzung ist es von großer sprachlicher Gewalt und eben von einem Phantastischen Realismus. Vieles ist historisch, vieles sind aber auch Phantasiegebilde von Jahrtausendgewalt. Das trifft natürlich auch auf die griechische Mythologie zu, aber das Alte Testament ist auf Grund meiner jüdischen Herkunft natürlich Teil meiner Zivilisation, obwohl ich überhaupt nicht jüdisch erzogen wurde. Ich habe die Religionsstunde besucht - und das war auch schon alles. Aber das Alte Testament ist zu großen Teilen die Geschichte des Judentums, und das kommt meiner Malerei sehr entgegen. Allein die Vorstellung, dass sich das Meer teilt, links und rechts Wassermauern stehen, ist ein gewaltiges Phantasiebild, das sind Jahrtausendideen!

Zu Ihrem Bild "Hiob" haben Sie den Text verfasst: "Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sie stirbt überhaupt nicht, sie überlebt den Hoffenden." Wie darf man das konkret verstehen?

Ich glaube ja nicht, dass ich mit demselben Ich auferstehe. Vielmehr glaube ich, dass wir eine bestimmte Konstellation an Atomen sind. Dies funktioniert eine Zeit lang und dann funktioniert es nicht mehr. Dafür folgen uns andere nach. Und wenn es jetzt nicht um die kleinen Hoffnungen geht, die der Mensch hat, also dass er gesund bleibt, Liebesglück und Erfolg im Beruf hat, sondern um die wirklich große Hoffnung, die in irgendeiner Weise wohl jeder Mensch in sich trägt, nämlich, dass die Welt noch lange besteht, dass die Sonne uns noch drei Milliarden Jahre weiter versorgt, diese große Hoffnung stirbt natürlich nicht mit einer Person, mit einem Hirn, das diese Hoffnung in dieser vagen, vernebelten Form mit sich herumträgt.

Mitte der 1940er Jahre begründeten Sie gemeinsam mit Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Anton Lehmden und Wolfgang Hutter die "Wiener Schule des Phantastischen Realismus". Was war damals Ihr Hauptmotiv, diese Gruppe zu gründen?

Das Hauptmotiv war, dass es im Grunde nie wirklich zu einer Gründung kam. Es gab nie ein Manifest, es ist uns einfach passiert. Wir waren junge Studenten an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Nach dem Zweiten Weltkrieg, nach dieser Kulturpause durch den Nazifaschismus, hielt die abstrakte Malerei mit großer revolutionärer Geste Einzug in die deutschsprachigen Lande. Die meisten Studenten haben das mit großem Enthusiasmus angenommen und vorangetragen. Ich für meinen Teil hatte aber mein ganzes Leben lang schon das Gefühl, dass ich eine erzählende, eine figurative Malerei machen muss. Und es hat sich herausgestellt, dass auch ein paar andere junge Studenten so dachten, und so ergab es sich, dass wir in diesem Sinne eigentlich gegen den Hauptstrom schwammen.

Sie haben also ganz bewusst eine Außenseiterposition eingenommen?

"Ich halte mich für keinen guten Musiker. Ich kann ein Gstanzl schreiben und dieses begleiten. Das hat für das, was ich wollte, genügt." Arik Brauer - Foto: © Robert Wimmer
"Ich halte mich für keinen guten Musiker. Ich kann ein Gstanzl schreiben und dieses begleiten. Das hat für das, was ich wollte, genügt." Arik Brauer - Foto: © Robert Wimmer

Das war uns von Anfang an klar, und wir haben das - wenn man es so pathetisch sagen will - unser ganzes Leben lang erlitten. Trotzdem hatten wir alle mit dieser Auffassung von Malerei Erfolg. Wir hatten immer ein Publikum, und zwar nicht, weil die Leute stur sind und sich von Althergebrachtem nicht loslösen können, sondern weil es in Wirklichkeit etwas viel tiefer Sitzendes ist. Der Phantastische Realismus wurde von uns ja nicht erfunden, es gab ihn - so wie alles andere - immer schon. Auch den Expressionismus. Und wenn man so will, haben die alten Ägypter bereits Comic-Strips gemacht. Aber dass es im Prinzip immer schon alles gab, gilt nicht nur für die Kunst, sondern auch für die Liebe. In diesen Dingen gibt es keine wirkliche Entwicklung, sie sind an die menschliche Substanz gebunden. Sobald ein Kind sprechen lernt, lernt es auch zu zeichnen. Bald folgt auf das Gekritzel der erste Kreis mit zwei Punkten und zwei Strichen. Aus diesem minimalen Kürzel ist der Mensch imstande, ein Gesicht herauszulesen. Diese Fähigkeit zur Abstraktion besitzt nur der Mensch. Die bildende Kunst ist also keineswegs eine Langzeitmode von etwa 30.000 Jahren. Vielmehr muss man sie als angeborenes Potenzial des Homo sapiens verstehen, vergleichbar mit unserer Fähigkeit, sprechen zu lernen.

Sie konnten im Alter von sieben Jahren bereits ein porträtähnliches Bild malen. Liegt diese Begabung in Ihrer Familie?

Nein, das war meine Sache und wurde sehr früh entdeckt. Irgendwann fiel das Wort "Wunderkind" - und da habe ich mir gedacht: Das muss etwas Klasses sein und das bin ich jetzt! Als Kind habe ich immer gemalt und gezeichnet. Und ich sage ganz ehrlich, wenn ein Kind nicht so zeichnen kann wie beispielsweise Ernst Fuchs oder Alfred Hrdlicka, dann hat es in der bildenden Kunst nichts verloren. Das heißt noch lange nicht, dass es nicht ein großartiger Künstler werden kann. Ein begabter Mensch kann mit allem Kunst machen, mit Steinen, mit Kochen - alles, was sich steigert und über das übliche Niveau hinaus ragt, wird zur Kunst.