Paul Hindemith (1895-1963). - © De Agostini/A. Dagli Orti/Corbis
Paul Hindemith (1895-1963). - © De Agostini/A. Dagli Orti/Corbis
"Wir müssen die Musik aus dem amorphen Klang herausheben, müssen über die rein sinnliche Wahrnehmung hinaus an ihrer klanglichen Gestaltwerdung teilhaben, wir müssen unsere musikalischen Eindrücke in Formen von Leben und Bedeutung verwandeln."

Dieses Zitat aus Paul Hindemiths musikphilosophischem Buch "A Composer’s world" (1952) mag jenen schalen Beigeschmack austauschbarer Allerwelts-Weisheiten suggerieren, die meist in einem ebenso austauschbaren Umfeld auftreten. Bei Hindemith verhält sich die Sache anders: Er kann als Maxime eines Musikers angesehen werden, der sein gesamtes Leben hindurch seine Tätigkeiten als Komponist, Interpret und Pädagoge in einen vermittelnden und vermittelten Sinnzusammenhang zu stellen versuchte.

Musikalischer Drill


Bereits als Kind wird er mit den verschiedenen Auswirkungen musikalischer Praxis konfrontiert: Der Vater Robert Rudolf Hindemith lässt seine drei Söhne mit musikalischem Drill erziehen, das aus ihnen bestehende "Frankfurter Kindertrio" wird bei allen möglichen Gelegenheiten vorgeführt. Es handelt sich dabei um die erste kammermusikalische Formation, in der der 1895 geborene Paul Erfahrungen sammeln konnte. Im Alter von 12 Jahren nimmt er Unterricht beim Konzertmeister der Frankfurter Oper, Adolf Rebner, in dessen Quartett er von 1914-21 spielt. Ab 1912 beginnt er ein Kompositionsstudium bei Arnold Mendelssohn, später bei Bernhard Sekles, für dessen Kompositionen er sich auch in den Folgejahren immer wieder einsetzen sollte. Ab 1915 übernimmt er die Konzertmeister-Stelle an der Frankfurter Oper.

Hindemith, der erst 1918 einrückt, macht in diesem letzten Abschnitt des Ersten Weltkrieges einschneidende Erfahrungen. In seinem Kompaniekommandanten Graf von Kielmannsegg findet er einen Förderer anspruchsvollen Kammermusikspiels, wo die Moderne einen besonderen Stellenwert einnimmt. So wird Debussys Quartett gerade gespielt, als die Nachricht von dessen Tod eintrifft, wie einer im Nachlass Hindemiths aufgefunden Notiz zu entnehmen ist: "Musik griff hier über politischen Grenzen, über nationalen Haß und über die Greuel des Krieges hinweg."

In dieser Zeit entstehen die ersten Kompositionen, von denen Hindemith einige noch in späteren Jahren als vollwertig anerkennen wird, so etwa das 2. Streichquartett op. 10. Dessen zweiter Satz weist einen langsamen Marsch auf, "wie eine Musik aus weiter Ferne", bei dem das Cello leise Trommelschläge andeutet - ein Abgesang auf den Krieg. Jenseits dieses Charakters lässt die Melodieführung die Strahlkraft späterer Märsche erahnen, etwa jene am Schluss des Philharmonischen Konzerts (1932) oder der Flötensonate (1936).

Mit einigen der an der Front entstandenen Kompositionen bestreitet Hindemith am 2. Juni 1919 seinen ersten Kompositionsabend, in dessen Rahmen der Schott Verlag auf ihn aufmerksam wird. Die Verlagsleitung bietet dem Komponisten einen Vertrag an, der bis zum Lebensende Hindemiths gelten wird.

In den 20er Jahren eröffnen sich für Hindemith neue Perspektiven: So kann er von seinen Kompositionen leben und die Konzertmeister-Stelle aufgeben. Die Aufbruchstimmung nach dem Krieg mündet unter dem Schlagwort der "Gebrauchsmusik" in eine Freude am Experiment; Hindemith beschreitet als Komponist wie auch als Bratschist neue Wege. Ab 1922 Mitglied des Amar-Quartetts, realisiert er mit dieser Formation einen großen Teil des klassischen wie auch des zeitgenössischen Repertoires. Das Ensemble wird unter anderem sein Streichquartett op. 16 im schwäbischen Donaueschingen zur Uraufführung bringen.

Etablierte Moderne


An diesen Ort werden mit tatkräftiger Unterstützung von Max Egon zu Fürstenberg, einem Freund des abgedankten Kaisers Wilhelm II., die Musikgrößen der Zeit geladen. So begegnen einander bei den Donaueschinger Kammermusik-Aufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst etwa Richard Strauss, der seine avantgardistische Phase längst hinter sich hat, und Ernst Krenek, dessen Serenade op. 4 beim allerersten Konzert uraufgeführt wird. Hindemith wiederum wird in den kommenden Jahren die Programme des Festivals entscheidend mitbestimmen.

In diesen ersten Jahren ist von den späteren, nahezu ideologischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Richtungen noch nichts zu merken. In einem Brief an das Kuratoriumsmitglied Heinrich Burkhardt schreibt Hindemith 1923: "Wir müssen unbedingt etwas . . . von Webern haben. Besonders den Schönberg mußt du auf jeden Fall bekommen." Und so spielt sich ein Jahr später, zu Schönbergs 50. Geburtstag, eine besondere Begebenheit ab: Vor einem Konzert des Amar-Quartetts, in welchem dessen Streichquartett op. 7 erklingen sollte, stürzt der Komponist Philipp Jarnach "ins Künstlerzimmer und sagt dem Quartett: Kinder, Ihr müßt schön spielen, Schönberg ist im Saal - Um Gottes willen rief Paul Hindemith, wir haben das Stück nicht genug geprobt. Sie spielten in der Aufführung nur umso schöner; Schönberg war glücklich".

Für Hindemith stellt der Jänner 1933 nach den - trotz aller wirtschaftlicher Krisen in künstlerischer Hinsicht experimentierfreudigen - 20er Jahren einen zwiespältigen Einschnitt dar: Zum einen zählt er nach wie vor zu den meistaufgeführten Komponisten der Gegenwart, zum anderen wird er als "Entarteter" von der offiziellen Kulturpolitik geächtet. Anfänglich blockiert die Befehlskette noch in den oberen Rängen: So wies der erste Präsident der Reichsmusikkammer, Richard Strauss, seinen Mitarbeiter, den Komponisten Hugo Rasch, an, Hindemith nicht aus der Reichsmusikkammer auszuschließen. Was Strauss noch verhindern konnte, erledigte sein Nachfolger im Amt, Peter Raabe, in führertreuer Pflichterfüllung.