"Wiener Zeitung": Frau Waber, wie kamen Sie zur Kunst?

Linde Waber: Das waren große Umwege. Ich habe zwar als Kind sehr gerne gezeichnet, wollte aber eigentlich nie Malerin werden. Schuld daran, dass ich zur Kunst gekommen bin, war meine Mutter. Sie hatte die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie gemacht, dann aber geheiratet. Ich glaube, sie hat ein Leben lang bereut, nicht studiert zu haben. Sie war es, die mit meinen Zeichnungen auf die Akademie gegangen ist und sie Professor Pauser und Professor Dobrowsky gezeigt hat. Die haben gemeint, dass sie froh wären, wenn ihre Studenten in den höheren Semestern so gut zeichnen würden, wie ich es schon könne. Da stand für meine Mutter fest, dass ich Malerin werden muss.

Oft reagieren Eltern wenig begeistert, wenn ihre Kinder einen künstlerischen Beruf ergreifen wollen - bei Ihnen aber war das gerade umgekehrt!

Das kann man wohl sagen. Ich habe die Aufnahmeprüfung an der Akademie sofort geschafft, war aber dort alles andere als glücklich. Für mich gilt sicherlich, dass mich das Leben mit all seinen Möglichkeiten fasziniert: Ob das jetzt Tanzen, Eislaufen, Skifahren, Ausgehen, Lesen oder das Reisen ist - mir hat immer alles Freude gemacht. Das Zeichnen war schön, aber durchaus nicht das Wichtigste für mich. Ich habe halt mein Studium gemacht. Der Professor Martin war sehr unglücklich mit mir und wollte mich auch hinauswerfen. Ich bin nämlich meist erst mittags gekommen, habe mich hingesetzt und etwa Krawatten für Verehrer gestrickt, bin abends ausgegangen und war überhaupt keine fleißige Akademie-Studentin. Ich habe das Stu-dium aber beendet - und als ich den Lehramtsabschluss hatte, wünschte sich mein Vater - ich stamme aus einer Akademikerfamilie -, dass ich einen "gescheiten" akademischen Abschluss mache. So habe ich Professor Melcher gefragt, ob ich bei ihm das Diplom machen könne - und nachdem er meinte, bei ihm hätten das "schon Deppertere" als ich geschafft, habe ich das Diplom in Malerei und Graphik erlangt.

Während Ihres Studiums haben Sie auch Oskar Kokoschkas "Schule des Sehens" in Salzburg besucht. Welche Erinnerungen haben Sie an diese legendäre Einrichtung?

Dort teilzunehmen war sehr teuer. Meine Großmutter hat mir das bezahlt. Ich bin sehr gerne hingegangen. Ich war damals das erste Mal in Salzburg und empfand dort eine tolle Atmosphäre. Es liefen gerade die Festspiele und ich ging jeden Abend in eine Generalprobe oder Vorstellung. Mir hat auch das Aquarellieren mit dem Kokoschka sehr viel Spaß gemacht. Bei Kokoschka haben sich die Modelle bewegt, man musste schnell arbeiten. Das hat mir besonders gut gelegen. Kokoschka hat mich sehr gelobt. Sein Lob war es wohl auch, das bei mir erstmals so etwas wie den Funken für die Kunst entzündet hat. "Madl, du hast was gesehen", hat er immer zu mir gesagt und mir seine berühmten Heller-Bonbons als Belohnung gegeben. Ich habe dann für meine Arbeiten auch einen Preis bekommen. Kokoschka war schon imponierend, etwa wenn er mit seinem Mitarbeiterstab und den Pressevertretern durch die Räume ging. Er hatte eine große Aura. Es war sehr interessant, diesen Menschen kennen zu lernen. Wenn man es genau nimmt, sind es immer die Menschen, die ich suche. Meine Neugier auf das Leben besteht darin, zu erkunden, was das menschliche Dasein eigentlich ausmacht.

Linde Waber mit dem Interviewer in ihrem Atelier. - © Bentz
Linde Waber mit dem Interviewer in ihrem Atelier. - © Bentz

Dafür eignet sich die Kunst ja nicht schlecht. Was hat Sie dann endgültig für sie gewonnen?

Die Kunst und die Malerei sind erst 1970 für mich wichtig geworden, als ich ein Stipendium in Japan bekam. Ich muss sagen, dass ich schon sehr viel Glück gehabt habe. Ohne diese ununterbrochenen Glücksfälle wäre das alles nicht so gekommen - etwa dass mir Verehrer Ausstellungen angetragen haben, oder dass ich meinen Mann, der Arzt war, kennen gelernt habe. Ihm waren Pädagogen äußerst unangenehm, er wollte deshalb nicht, dass ich unterrichte, und hat mich in meiner freischaffenden Arbeit großartig unterstützt.

Ich habe mich dann - der Idee von Professor Melcher folgend - auf Farbholzschnitte spezialisiert. Das ist mir sehr entgegengekommen, hat mir von der Technik her sehr gut gefallen, weil man da sehr abstrakt denken und kons-truieren muss und es auch eine harte manuelle Arbeit ist. Melcher war es auch, der gesagt hat, wenn ich Farbholzschnitte mache, müsse ich nach Japan gehen. Ich wollte das gar nicht. Ich war frisch verheiratet. Aber dann hatte ich das Stipendium - und bin gegangen. Und das war der eigentliche Sprung in die Kunst.

Was zeichnet künstlerisches Arbeiten für Sie speziell aus?

Es gehört für mich zum Leben wie Essen, Trinken, Lieben oder Schlafen. Da ich Mutter von zwei Kindern bin und ein Kind Schulschwierigkeiten hatte, habe ich eigentlich gar keine Zeit für die Kunst gehabt. Aber durch dieses unbedingte Arbeiten-Wollen oder -Müssen habe ich oft erst um Mitternacht zu zeichnen begonnen. Eine Freundin, die Schriftstellerin Liesl Ujvary, hat diese Zeichnungen gesehen und sie hochinteressant gefunden. Das war der Beginn des Zyklus meiner Atelierzeichnungen.