In einer "Tageszeichnung" übermalte Linde Waber ein Foto, auf dem sie mit Bodo Hell, Friederike Mayröcker und Ernst Jandl zu sehen ist. - © Bentz
In einer "Tageszeichnung" übermalte Linde Waber ein Foto, auf dem sie mit Bodo Hell, Friederike Mayröcker und Ernst Jandl zu sehen ist. - © Bentz

Diese Atelierzeichnungen, die schon in aller Welt ausgestellt wurden, sind ein großer Bestandteil Ihres künstlerischen Werkes. Wie hat sich das Zeichnen in den Ateliers von Kulturschaffenden ausgebreitet?

Angefangen hat es, wie erwähnt, mit Liesl Ujvary. Sie hat mir mit ihren Ideen und ihren Werken sehr geholfen. In ihrer Wohnung fühlte ich mich zu Hause und es fiel mir gar nicht schwer, dort zu zeichnen. Anfangs ging ich meist zu Menschen, die ich gut kannte. Es kostete mich zunächst große Überwindung, in fremden Räumen die Zeichensachen auszupacken und anzufangen, obwohl jemand anwesend ist. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich wahnsinnig aufgeregt war, als ich das erste Mal bei Friederike Mayröcker zeichnete. Ich bin hingekommen und es klebte ein roter Zettel an ihrer Tür, auf dem stand: "Bitte laut klopfen". Sie machte mir dann auf und ging weg. Ich stand in diesen für mich geheiligten Räumen in der Zentagasse (in Wien Margareten, Anm.). Da stapelten sich Papiertürme. Sie hatte Papierkonvolute mit Wäscheklammern zusammengefügt und übereinander gestapelt. Ich zeichnete das und war dabei unvorstellbar aufgeregt. Wenn ich heute zu ihr zeichnen gehen darf, erfasst mich noch immer der Zauber, der von dieser Frau ausgeht.

Was erfährt man über einen Künstler, wenn man in seinem Atelier zeichnet?

Es ist eine ganz eigenartige Lernerfahrung. Meistens kenne ich die Kollegen, zu denen ich gehe, kenne auch ihre Werke. Das dritte Glied, das Atelier, bringt immer ein Erstaunen mit sich: "Aha, so schaut es hier aus." Auch nach so vielen Jahren - ich habe 1982 damit begonnen - ist das noch eine ganz große Faszination, dort zu sein, wo künstlerische Werke entstehen. Da gibt es oft unerwartete Erfahrungen, Verwunderung und große Überraschungen. Ich war beispielsweise bei Paul Flora. Er hatte aus seinem Atelier in Innsbruck eine sehr schöne Aussicht - die hatte er aber mit Rollos verhängt. Dieser schwere Mann zeichnete mit extrem spitzen Federn und Bleistiften.

Wenn man in den Räumen mit den Werken der Kollegen länger sitzt und zeichnet - der gastgebende Künstler ist ja oft nicht dabei -, erfasst man oft auch das Wesen der Kunst des Anderen. Nach dem Atelierzeichnen verstehe ich die Kunst der Kollegen meist viel besser als vorher. Es ist mir schon passiert, dass ich bei einem Kollegen gezeichnet habe, zu dem ich halt hingegangen bin, weil er ein lieber Kollege war - und nach dem Zeichnen der Räume, in denen seine Kunst entsteht, war ich von seinem Werk total begeistert. Es gab natürlich auch den umgekehrten Fall, dass ich einen Künstler sehr bewundert habe - und nach dem Zeichnen war diese Bewunderung weg. Das ist immer ein spannender Prozess.

Gibt es etwas, das Sie besonders interessiert, wenn Sie den Ate-lierraum eines Kollegen betreten?

Ich gehe hinein und schaue he-rum. Das ist eine vollkommen intuitive Sache. Wobei für mein Arbeiten generell gilt, dass ich ein sehr aus dem Bauch heraus arbeitender Mensch bin; bei mir geht alles nach Gefühl und Intuition. Ich komme in einen Raum hinein - und mir fällt etwas auf. Ob das jetzt eine Postkarte ist, die da liegt, oder ein Kleiderbügel an der Wand, irgendetwas. Es gibt natürlich auch komische Dinge.

Bei Rudolf Hradil stand eine Waschmaschine im Atelier. Das fand ich skurril. Jedes Atelier hat eine andere Stimmung. Florian Pumhösl hatte etwa nur Schachteln, die übereinandergelagert waren. Da hätte man auch mit dem Lineal zeichnen können. Ähnlich bei Hermann Painitz: Da lagen die Lithosteine fugengleich übereinander. Dann gibt es Ateliers, in denen sozusagen alles zugewachsen ist. Etwa bei Balduin Sulzer. Viele Menschen würden sagen, das ist Unordnung. Ich glaube, dass Ordnung und Chaos in irgendeiner Form auf das Gleiche hinauskommen. Es gibt Menschen, die ungeheuer chaotisch wirken, aber in ihrem jeweiligen System sehr geordnet sind.

Der legendäre Sammler und Museumsgründer Rudolf Leopold war über Jahrzehnte der wohl wichtigste Sammler Ihrer Werke. Wie haben Sie ihn erlebt?

Das war eine ganz große Freude für mich, dass Rudolf Leopold meine Sachen geschätzt und gesammelt hat. Ich war sehr aufgeregt, als ich in den 1980er Jahren hörte, dass er in einer Ausstellung von mir in der Galerie Würthle gewesen sei und Bilder gekauft habe.

In meiner Ausstellung in der Albertina 1985 habe ich ihn dann richtig kennen gelernt. Da hat er auch wieder einige Bilder gekauft. Von da an ist er öfter ins Atelier gekommen. Das war immer eine aufregende Sache. Ich hatte ja kein richtiges Atelier, sondern arbeitete in der Wohnung, in der wir mit den zwei Kindern lebten. Mein Sohn, damals ein kleines Bürscherl, hat vor Leopolds erstem Besuch gemerkt, dass ich nervös war. Ich habe ihm erklärt, dass jetzt ein wichtiger Besucher kommt, der Bilder kaufen will. Da ist mein Sohn, als es klingelte, mit allem, was er je gemalt hatte in der Hand, zur Tür gerannt, damit der wichtige Sammler ihm etwas abkauft. Das hat den Leopold köstlich amüsiert.

Ich habe sehr viel von ihm gelernt. Er hat einen ungeheuer treffsicheren Geschmack für meine Arbeiten gehabt und mir Hinweise gegeben, für die ich ihm sehr dankbar war. Meine ersten Ölbilder fand er grässlich. Die habe ich dann alle übermalt. Ich war überglücklich, als er das erste Ölbild von mir kaufte. Sein jahrelanges Sammeln meiner Bilder hat dann dazu geführt, dass ich 2010 eine große Retrospektive im Leopold Museum bekam.