Der Einflüsterer: In wirtschaftlichen Belangen hört Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro (l.) voll und ganz auf seinen Superminister Paulo Guedes (r.), der zur Chicago-Schule gehört. - © afp/evaristo sa
Der Einflüsterer: In wirtschaftlichen Belangen hört Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro (l.) voll und ganz auf seinen Superminister Paulo Guedes (r.), der zur Chicago-Schule gehört. - © afp/evaristo sa

São Paulo/Wien. Der ausländische Investor muss sich schon durchbeißen, wenn er nach Brasilien will. Und doch locken über 200 Millionen potenzielle Konsumenten immer wieder auch österreichische Unternehmungen nach Brasilien. Und die nehmen allerhand in Kauf für den größten Markt Lateinamerikas.

Zur Einordnung: Wer seine Ware in Mexiko, dem zweitgrößten Markt Lateinamerikas mit rund 130 Millionen Einwohnern, verkaufen will, muss praktisch nur Wege finden, um sie dorthin zu schaffen. Handelsabkommen mit der EU machen es weitgehend zoll- und steuerfrei möglich.

Wer aber unbedingt nach Brasilien möchte, muss sich gleich überlegen, ob er oder sie nicht in Brasilien selbst produzieren möchte. Denn Brasilien ist ein notorisch protektionistisches Land. Steuern und Zölle sind hoch. Aber auch die Produktionskosten in Brasilien wiegen schwer, erzählt der österreichische Wirtschaftsdelegierte in Brasilien, Klaus Hofstadler. Dazu verlangen die brasilianischen Gesetze etwa auch die Einbindung von brasilianischen Arbeitern und Zulieferern.

Rund 200 österreichische Firmen haben Niederlassungen in Brasilien, aber nur ein Viertel davon produziert in dem Land. Dazu gehört etwa der österreichische Konzern Voestalpine mit einem Stahlwerk. Die Andritz-Gruppe ist als Ausstatter und Modernisierer von Fabriken aktiv - etwa im Bereich von Zellstoffwerken.

Der börsennotierte oberösterreichische Faserhersteller, die Lenzing AG, hat vor kurzem erklärt, ein Milliarden-Projekt in Brasilien, im Bundesstaat Minais Gerais, umsetzen zu wollen. Das Joint-Venture soll zusammen mit der brasilianischen Firma Duratex entstehen, die im Kern Land und Waldbesitz zuliefern wird. Denn ohne Wald kein Zellstoff, ohne Zellstoff keine Holzfaser, die dann etwa später zu dem Stoff Lyocell verarbeitet werden kann.

Das Land mit den riesigen Anbauflächen für die Eukalyptus-Bäume ist einer der wichtigsten Zellstoffproduzenten der Welt. Und so ist die Entscheidung von Lenzing ein strategisch wichtiger Schritt, um am weltweiten Zellstoff-Markt stärker mit zu spielen. Lenzing wird damit zum ersten Mal Waldbesitzer und ist nicht länger nur auf Zulieferer angewiesen.

Brasilien ist weiterhin ein Land der Rohstoffe. Die Zellstoff-Industrie fällt etwa in Brasilien in den riesigen Bereich des "Agrobusiness" hinein. Der mächtigste Sektor Brasiliens, sowohl wirtschaftlich als auch politisch. Die Hälfte aller Exporte ist auf die Agroindustrie zurückzuführen. Und das parlamentarische System ist zu einem Drittel mit Interessensvertretern aus der Agroindustrie bestückt. Laut dem journalistischen Netzwerk "Brasil Report" stehen 200 der 513 Abgeordneten in dem Unterhaus der Agroindustrie nahe, im Senat sollen es 32 von 81 Senatoren sein. Die neue Landwirtschaftsministerin war früher in der Agroindustrie beschäftigt.