Es ist bei diesen Temperaturen schwer zu glauben. Während Europa im Winterschlaf liegt, beginnt andernorts die Erntezeit. Von Jänner bis April hat die Bananen-Ernte im südamerikanischen Ecuador Hochsaison. Das vergleichsweise kleine Land am Äquator ist der Bananenexporteur schlechthin - in Europa kommt gut ein Drittel der hierzulande konsumierten Bananen aus Ecuador. Das ist eine gewaltige Menge, wenn man sich vor Augen führt, dass Europa weltweit Hauptimporteur von Bananen ist. Im Jahr 2018 wurden laut der FAO über sechs Millionen Tonnen dieser Exotikfrucht in die EU importiert - und der Bedarf ist stetig am Steigen.

Die meisten global gehandelten Bananen kommen aus Lateinamerika. Hier ist Ecuador mit exportierten 6,6 Milliarden Tonnen vor Guatemala mit 2,3 Milliarden Tonnen unangefochtener Marktführer. Im asiatischen Raum kommen nur die Philippinen (mit 2,6 Milliarden Tonnen) auf ein ähnlich hohes Niveau. Die exportieren aber vor allem in die asiatische Welt.

Die gallischen Dörfer in Lateinamerika

Die Welt der Bananen wird geprägt von internationalen Großkonzernen wie Dole, Del Monte, Chiquita und Fyffes. Auch die Supermärkte als Endabnehmer spielen eine immer größere Rolle. Die britische NGO Bananalink führt etwa an, dass die Plantagenarbeiter für Bananen nur zwischen vier und neun Prozent des Endpreises erhalten, während die Händler (die Supermärkte) um die 40 Prozent des Preises behalten können. Die Preise für die Produzenten können dementsprechend von den Abnehmern diktiert werden. Wohin soll ein Bauer seine Ernte schließlich verkaufen, wenn ein großer Abnehmer auf einmal neue Preise vorschlägt - oder auf dem Weltmarkt gerade Bananen wegen eines Überangebots zu Spottpreisen gehandelt werden?

Geht es denn im ganzen Bananenmarkt so zu? Nein, das sprichwörtliche gallische Dorf existiert auch hier. Kleinbauernorganisationen, die sich unter dem Gütesiegel der NGO Fairtrade zusammengeschlossen haben, treten nicht nur als Marktkraft zusammen auf, sondern sie haben auch garantiert stabile Preise über das Jahr verteilt. In Ecuador existieren derzeit rund zehn solcher Kleinbauernorganisationen mit Fairtrade-Siegel.

Kooperativen mit sozialem Anspruch

Edwin Patricio Melo Proaño, der vor kurzem auf Wienbesuch war, steht nicht nur der nationalen Kooperation vor, sondern ist auch Präsident seiner Heimatorganisation Asoguabo. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt er von seiner Heimat-Kooperative. "Wir sind zusammen 130 Produzenten, 50 davon sind weiblich." Die Kooperative gibt es schon lange, seit 23 Jahren. Sie hat damit ein bisschen etwas von einer Vorreiterrolle in Ecuador. Das erklärt auch das Alter der Mitglieder: "65 Prozent unserer Kleinbauern sind schon über 65 Jahre alt", sagt Proaño. Die Kooperative kümmert sich um ihre Mitglieder: Arztbesuche und dergleichen zu organisieren, kann schon einmal Chefsache werden. Proaño erzählt aber auch stolz von der medizinischen Versorgung, die seine Gruppe inzwischen vor Ort anbietet.

Auch ein Altersheim wurde in der Region errichtet. Außerdem haben die Mitglieder der Kooperative eine Gesundheitsversicherung. Finanziert wird das alles durch das Extra-Geld, dass sich aus dem Verkauf von Fairtrade und Biobananen ergibt. Und der Sicherheit, am nächsten Tag mindestens genauso viel zu verdienen wie am Tag zuvor. Der fixierte Fairtrade-Preis macht es möglich und bewahrt das Kollektiv vor Preisschwankungen.

Die Kooperative produziert 35.000 Kisten mit Bananen. Eine Kiste wiegt 18,14 Kilo - das sind rund 635 Tonnen. 80 Prozent der Bananen sind aus Bio-Anbau, 20 Prozent stammen noch aus konventioneller Produktion.

Die meisten Bananen (90 Prozent) aus Proaños Kooperative gehen nach Europa - allen voran Österreich, aber auch Belgien, Deutschland und Italien. Viel weniger; aber doch ein paar Fairtrade-Kisten finden auch ihren Weg nach Neuseeland, in die USA und Kanada.

Wie die Größenverhältnisse in Ecuador sind - Bananen werden nur in Küstennähe angepflanzt - beschreibt Proaño folgendermaßen: "Unsere Kleinbauern bewirtschaften maximal 30 Hektar pro Person. Ich selbst habe nur zwei Hektar. Aber die transnationalen Konzerne wie etwa Chiquita, die sind immens groß und bewirtschaften tausende und abertausende Hektar."

Kein Wunder, dass sich die Bananen-Bauern praktisch Rücken an Rücken an der Küste nebeneinander anpflanzen. Vor allem in Proaños Heimat, die nicht von ungefähr "Provincia del Oro" heißt, übersetzt: "Provinz des Goldes". Das Gold dort ist allerdings krumm und voll mit Vitaminen: Denn hier dreht sich alles um die Banane. Die Provinzhauptstadt Machala heißt auch in der Branche "Welthauptstadt der Banane".

Falls jemand neu ins Bananengeschäft einsteigen will, hat er Pech gehabt: Für Bananen gibt es schon längst keine verfügbaren unbepflanzten Flächen mehr. Es ist in Ecuador sogar verboten, noch mehr Bananen konventionell anzupflanzen. Weil manchmal ist das Angebot größer als die Nachfrage, und es gibt offiziell keine Quote, kein Kontingent. Das heißt, man muss schauen, dass sich die Anbieter mit Dumping-Preisen nicht kannibalisieren. Und das, obwohl die Nachfrage nach Bananen weltweit weiter steigt. Nur wenn man seine Bananen biologisch anbaut, dann hat man noch eine kleine Chance auf die Erschließung neuer Felder.

Schnelles Geld oder stabiler Preis

"Die Banane ist unsere Lebensader. Wenn es keine Banane gibt, haben wir keine Einnahmen", erklärt Proaño. Für den Anbau anderer Früchte sei das Klima im Landesinneren viel geeigneter. Das ist dann aber Sache der anderen. Für Proaño und seine Kleinbauern zählt nur die Banane. Mit dem Fairtrade-Siegel könnten nun alle besser schlafen: "Früher war ich ein traditioneller Produzent, und ich kämpfte mit vielen Problemen, weil die Preise nach oben rasten und nach unten fielen. Rauf und runter. Ich konnte kaum eine Investition tätigen, weil es nicht abschätzbar war, was in der Zukunft passieren wird. Mit dem System von Fairtrade haben wir das ganze Jahr einen Mindestpreis. Das bedeutet, dass ich im Dezember weiß, was ich tun kann", erzählt Proaño. Und der Importeur Agrofer garantiere ihnen die Quoten für den Export: Damit niemand den Preis unterbiete und sie vom Markt verdrängt.

Es sind aber noch längst nicht alle Kleinbauern in Ecuador Mitglied einer Fairtrade-Organisation. Das liegt einerseits am langwierigen Zertifikationsprozess. Andererseits aber auch am schnellen Geld, das im Bananengeschäft ebenfalls möglich ist, meint Proaño. Jetzt in der Hochsaison steigt der Preis für die Bananen: Im Vorjahr konnte man so 20 Dollar pro Kiste am Markt bekommen. "Deswegen gibt es noch immer Produzenten, die auf das Kurzfristige mehr achten, als auf das Langfristige", meint Proaño. "Wir dagegen bleiben auf unserem preislichen Niveau. Dafür können wir in der Nebensaison von Juni bis September weiterhin leben und planen. Dann, wenn der Marktpreis auf einen Dollar oder 80 Cent pro Kiste abgestürzt ist."

Und wie viel verdient ein ecuadorianischer Fairtrade-Bananenbauer? "Wir zahlen für Bio-Bananen 8,90 bis 9 Dollar pro Kiste. Weil wir direkt exportieren, sind wir an keine Zwischenhändler gebunden. Das bedeutet , dass wir nicht vom Markt und seinen Preisen abhängig sind."