Die Börsen haben am Dienstag zunächst einen großen Teil ihrer massiven Vortagesverluste aufgeholt, sind dann aber wieder abgerutscht - zum Teil auch ins Minus. Das zeigt: Die Krise rund um das Coronavirus ist längst nicht ausgestanden. Nach Einschätzung von Experten wird sie weiterhin Rezessionsängste schüren und damit die Märkte in Atem halten. "Erst mit einer Beruhigung an der medizinischen Front wird ein Ende der Verunsicherung an den Börsen einhergehen", meint Bank-Austria-Chefanalystin Monika Rosen. "Nach den starken Kursanstiegen im Vorjahr (etwa in Frankfurt und New York, Anm.) ist die aktuelle Situation jetzt Anlass für Gewinnmitnahmen."

Unterdessen sehen sich Politik und Zentralbanken vor dem Hintergrund drohender Verwerfungen in der Wirtschaft gezwungen, gegenzusteuern. Die Regierung in Italien, das vom Coronavirus europaweit am schlimmsten betroffen ist, will am Mittwoch ein rund 10 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket zur Eingrenzung der ökonomischen Folgeschäden der Epidemie verabschieden. Rom verlangt deshalb von der EU-Kommission mehr Flexibilität beim Defizit. Bisher hatte sich Italien mit Brüssel auf Mehrausgaben von 7,5 Milliarden Euro geeinigt. Mit den geplanten Hilfen wird die Drei-Prozent-Defizitschwelle gesprengt werden.

Geht es nach dem Chef des Wiener Instituts für Höhere Studien, Martin Kocher, wird Italien heuer "eine ganz schwere Wachstumsschwäche erleben und wahrscheinlich in die Rezession fallen", wie er im ORF-Radio sagte. Allerdings habe Italien nicht erst seit dem Coronavirus ein Problem, sondern wegen seiner mangelnden Produktivität schon länger.

SPÖ für Konjunkturpaket auch in Österreich

Die wirtschaftlichen Probleme, die sich in Italien nun zuspitzen, haben am Dienstag die SPÖ auf den Plan gerufen. "Schlittert Italien in eine Rezession, trifft das Österreich unmittelbar", gab deren Wirtschaftssprecher, Christoph Matznetter, zu bedenken. Italien ist Österreichs drittgrößter Handelspartner. Angesichts der massiven Auswirkungen der Epidemie auf Wirtschaftswachstum und Börsen fordert die SPÖ ein Konjunkturpaket - was Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP) zuletzt jedoch nicht für nötig gehalten hat. Indes rechnet die Industriellenvereinigung nach den neuesten Entwicklungen mit einem um 0,5 Prozentpunkte geringeren Wachstum in Österreich als bisher erwartet, sollte nichts getan werden. Sie gab am Dienstag bekannt, dass eine Reihe von Unternehmen davor stehe, Kurzarbeit einzuführen.

Für staatliche Konjunkturhilfen in Österreich mag auch sprechen, dass die für die Alpenrepublik noch wichtigere deutsche Wirtschaft nach Ansicht von Ökonomen wegen der Coronavirus-Epidemie eine kräftige Talfahrt kaum noch vermeiden kann. "Für Deutschland erwarten wir im ersten Halbjahr eine Rezession - leider", sagte der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr, im ZDF. Die Wahrscheinlichkeit sei "schon sehr hoch". Ähnlich äußerte sich auch der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Clemens Fuest: "Es spricht einiges dafür, dass eine Rezession bevorsteht." Um für alle Fälle zumindest teilweise gerüstet zu sein, soll es in Deutschland schon bald neue Kurzarbeitsregeln geben, wie nun bekannt wurde.

In den USA hatte Präsident Donald Trump bereits am Montag "dramatische" Maßnahmen gegen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Epidemie angekündigt. Näheres sollte am Dienstag (nach WZ-Redaktionsschluss) kommuniziert werden.

Indes ist auch für die Europäische Zentralbank (EZB) der Druck, geldpolitische Maßnahmen zu setzen, zuletzt enorm gestiegen. Am Geldmarkt wird bereits auf zwei Zinssenkungen bis Anfang Juni spekuliert. Der Einlagenzins, zu dem Banken überschüssige Gelder über Nacht parken, könnte demnach um insgesamt 0,20 Prozentpunkte auf minus 0,70 Prozent gesenkt werden. Schon morgen hat die EZB ihr nächstes Zinsmeeting.

Viel genutzt haben Zinssenkungen bisher freilich nicht. Die US-Notenbank Fed etwa hat die Leitzinsen vergangene Woche überraschend um 0,5 Prozentpunkte gesenkt. Damit gelang es ihr jedoch nicht, die Finanzmärkte zu stabilisieren. Trotzdem könnten kommende Woche weitere Zinsschritte folgen, sagen Analysten.

Roubini: "Diese Krise wird zum Desaster werden"

Besonders schwarz sieht derzeit der US-Ökonom Nouriel Roubini, der die globale Finanzkrise von 2008 vorhergesagt hatte. "Diese Krise wird sich ausweiten und zum Desaster werden." Im "Spiegel"-Interview betonte er: "Wenn wir in eine globale Rezession rutschen, werden wir auch eine Finanzkrise haben. Die Schulden sind gestiegen, der US-Immobilienmarkt ist genauso eine Blase wie 2007. Bisher waren das nur deshalb keine Zeitbomben, weil es Wachstum gab. Doch das ist jetzt vorbei."(kle)