Unter den Blinden ist der Einäugige König. So in etwa könnte man die Entwicklung des Euro in den vergangenen Wochen beschreiben, der diese Woche in neue Höhen gestiegen ist.

Der Euro hat sich am Mittwoch in der Nähe seines höchsten Stands seit gut zwei Jahren gehalten. Die europäische Gemeinschaftswährung kostete in der Früh 1,1935 US-Dollar. Am Vortag hatte sie mit 1,1966 Dollar den höchsten Kurs seit Mai 2018 erreicht.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs am Dienstag auf 1,1906 (Montag: 1,1853) Dollar festgesetzt. In New York notierte der Euro am Dienstag gegen 21 Uhr bei 1,1936 Dollar.

Dass die heimische Währung international als so solide wahrgenommen wird, hat mehrere Gründe. Und nicht alle sind hausgemacht. Zum einen ist da die expansive Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Diese hat im Zuge der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise in den vergangenen Monaten den Geldhahn deutlich gelockert. Im April hat die Fed ein 2,3 Billionen Dollar schweres Corona-Hilfspaket geschnürt. Zudem hat sie den Leitzins wieder gesenkt.

US-Wirtschaft in der Krise

"Die Fed kann aufgrund der vorherrschenden Strukturen schneller als die Europäische Zentralbank (EZB) auf wirtschaftliche Krisen reagieren. Und die aktuelle Geldpolitik wirkt sich eben auf den US-Dollar aus", erklärt Atanas Pekanov, Ökonom am Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die EZB habe wegen der anhaltenden Niedrigzinspolitik hier weniger Spielraum. Zudem bedürfen EU-Beschlüsse der Zustimmung der EU-Staaten und dauern damit länger.

Der Aufschwung des Euro ist vor allem dem kriselnden Dollar zu verdanken. "Wenn die Fed sehr expansiv reagiert, könnte das in der Branche als Zeichen gewertet werden, dass es der Wirtschaft wirklich schlecht gehen muss", erklärt Pekanov. Die Corona-Krise, innenpolitische Unruhen und die Unsicherheiten rund um die bevorstehende Präsidentschaftswahl machen dem US-Markt zu schaffen. Zahlreiche Ökonomen rechnen mit einem Werteverlust des Dollars über den Sommer hinaus. Hedgefonds wetten erstmals seit zwei Jahren auf einen schwächeren US-Dollar.

Demgegenüber steht ein erstarkter Euro, der seinerseits von der Aussicht auf ein stärkeres fiskalisches Zusammenwachsen Europas profitiert. Im Vormonat haben sich die Mitgliedstaaten erstmals darauf verständigt, dass die EU im Kampf gegen die Corona-Krise eigene Schulden aufnimmt. Beschlossen wurden Corona-Hilfen in der Höhe von insgesamt 750 Milliarden Euro sowie der mehrjährige Finanzrahmen bis 2027. Konkret geht es dabei um die Verteilung von 1074 Milliarden Euro.

Diese Einigkeit gefällt den Finanzmärkten und stärkt das Vertrauen der Anleger. Für Pekanov wurden die Strukturen der EU und damit der Binnenmarkt gestärkt.

Mehr Vertrauen in den Euro

Eine Faustregel besagt: Wenn der Kurs steigt, werden Exporte teurer und Reisen billiger. Ersteres ist schlecht für heimische Export-Unternehmen, Zweiteres gut für Fernreisen. In der Pandemie ist das aber anders. Denn von Reisen wird weitestgehend abgeraten. Und auch Vertreter der heimischen Exportwirtschaft erwarten kaum Einbrüche aufgrund der währungsbedingten Verteuerung heimischer Waren.

"Wir erwarten uns durch die Schwankung des Wechselkurses nur geringe direkte Auswirkungen auf die heimischen Exporte. 2019 gingen knapp 80 Prozent der Exporte von Unternehmen aus Österreich nach Europa, 70 in die EU und knapp sieben in die USA", sagt Christoph Schneider, Abteilungsleiter der Wirtschafts- und Handelspolitik in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ). Außerdem würden nun Importe von Teilerzeugnissen, die in der Fertigungsindustrie benötigt werden, billiger, so Schneider.

Nicht nur die Krise am US-Markt beschert dem Euro einen unerwarteten Höhenflug. Südamerika, Indien und Russland kämpfen weiterhin mit stark steigenden Infektionszahlen und Wirtschaftsausfällen.

"Die Emerging Markets wurden von der Pandemie ungleich stärker getroffen als die EU", erklärt Wifo-Ökonom Pekanov, weil deren Gesundheitssysteme und fiskale Reserven viel fragiler sind als jene in den europäischen Staaten. Diese Länder müssen sich dann noch stärker verschulden. Und das alles führt dazu, dass das Vertrauen in den Euroraum und in seine Schutzmechanismen steigt. Und dieses Vertrauen holt wiederum Kapital in die EU.