"Wir erleben, wie eine Alptraum-Situation wahr wird, denn jetzt geht es um juristische Kämpfe", sagte Analyst Naeem Aslam vom Brokerhaus Avatrade am Mittwoch nach den US-Präsidentschaftswahlen zur Nachrichtenagentur Reuters. Obwohl aus vielen wichtigen Bundesstaaten noch keine endgültigen Ergebnisse vorlagen, erklärte sich US-Präsident Donald Trump noch am Dienstagabend zum Wahlsieger, ohne dafür Belege zu liefern. Zugleich sprach Trump von Betrug an den Wählern und kündigte an, vor den Obersten Gerichtshof ziehen zu wollen. Dieses Wahl-Chaos führte zu heftigen Marktturbulenzen an den Börsen weltweit.

Zahlreiche Kreditinstitute und die weltgrößte Wertpapierbörse, die New York Stock Exchange, befinden sich in der New Yorker Wall Street. Die US-Wahl dürfte ein facettenreiches Nachspiel an den Aktienmärkten haben. - © APAweb / Reuters
Zahlreiche Kreditinstitute und die weltgrößte Wertpapierbörse, die New York Stock Exchange, befinden sich in der New Yorker Wall Street. Die US-Wahl dürfte ein facettenreiches Nachspiel an den Aktienmärkten haben. - © APAweb / Reuters

Die europäischen Leitbörsen eröffneten am Mittwochvormittag mit Kursverlusten. Der Euro-Stoxx-50 stand gegen 9.20 Uhr mit minus 0,94 Prozent bei 3.069,54 Einheiten. Der DAX in Frankfurt fiel um 1,09 Prozent auf 11.957,13 Punkte. In London zeigte sich der FT-SE-100 mit minus 0,18 Prozent auf 5.776,58 Punkte. In Tokio legte der Nikkei in einem nervösen Handelsverlauf am Mittwoch zwar rund zwei Prozent zu. Der japanische Leitindex profitierte dabei aber vor allem von positiven Vorgaben aus den USA und Europa, wo Anleger eigentlich auf einen Machtwechsel im Weißen Haus gesetzt und sich mit Aktien eingedeckt hatten. Der MSCI-Index für asiatische Aktien außerhalb Japans stieg um 0,8 Prozent.

Langer Rechtsstreit wäre Worst-Case-Szenario für Märkte

Bis ein klares Ergebnis feststehe, müssten sich die Anleger weiter auf größere Schwankungen an den Finanzmärkten einstellen, so Experten. Vor allem bei den US-Aktienfutures ging es auf und ab. "Die Märkte werden auf jede noch so kleine Nachricht überreagieren", sagte der Chefökonom der AXA-Gruppe, Gilles Moec. Dies betreffe vor allem jede Aussage über mögliche Anfechtungen des Wahlergebnisses - das von Anlegern am wenigsten geschätzte Szenario, da sich die Unsicherheit und der Konflikt in Form eines großen Ausverkaufs erheblich negativ auf die Märkte auswirken könnten, sagen Experten vom Fondsmanager DPAM. Für den Fall einer wochenlangen Hängepartie deckten sich Anleger mit als sicher geltenden Staatsanleihen ein. Die Rendite der US-Papiere mit einer Laufzeit von zehn Jahren sank im Gegenzug auf 0,766 Prozent und lag damit so niedrig wie seit gut fünf Monaten nicht mehr. Auch europäische Papiere waren gefragt.

Big Tech setzt auf Trump

Viele Anleger setzten im Vorfeld der US-Wahlen auf einen Sieg Bidens, seit Dienstagabend wetten Börsianer nun zunehmend auf eine zweite Amtszeit von Trump. Gewinnt dieser und der Kongress hat eine republikanische Mehrheit, wäre das für die Märkte dank der Deregulierung zunächst zwar sehr positiv, jedoch nicht langfristig. Von Trump dürften vor allem Techwerte profitieren. In den USA legten Technologieaktien stark zu. Unter einem Präsidenten Biden dürften sie sich deutlich schlechter entwickeln, auch weil die Demokraten die Branche in Anhörungen kritisiert hatten und höhere Unternehmenssteuern die Firmen zu belasten drohten. Techkonzerne aus dem Silicon Valley dürften insgeheim auf dieses Szenario hoffen, denn Trump braucht Google, Amazon, Facebook und Co für seinen Handelsstreit mit China - Big Tech hat von den Repulikanern in Sachen Monopolklage und Besteuerung dafür wenig zu befürchten.

Auch für die Ölmärkte ist Trump der Favorit. Er hatte sich für die Branche eingesetzt und zudem das Atomabkommen mit dem Iran gekündigt, womit er die Rückkehr der Islamischen Republik auf den Weltmarkt behinderte.

Erneuerbare hoffen auf Biden

Unter Trumps Präsidentschaft gab es einen generellen Vorstoß gegen nachhaltige Investitionen, da er den Klimawandel stets verleugnet hat. Das US-Arbeitsministerium hat etwa versucht, die Einbeziehung von ESG in Pensionsfonds einzuschränken. Er betont die finanziellen Interessen als erste Priorität und will den Einfluss von Fremdfaktoren, die der Rentabilität schaden könnten, reduzieren. Ein fragwürdiges Argument, da ESG-Fonds im Allgemeinen nachweislich besser abschneiden als ihre Konkurrenten - insbesondere während der Corona-Krise, analysieren Experten des Fondsberaters DPAM.

So gingen am Mittwoch etwa die Aktien europäischer Windkraftfirmen in die Knie. Die Anteilsscheine von Vestas, Nordex und Siemens Gamesa gaben zwischen 9,6 und 12,7 Prozent nach. Für den Fall eines Wahlsiegs Bidens hatten viele Anleger auf einen Ausbau der erneuerbaren Energien gewettet. Biden hatte zwei Billionen Dollar an Investitionen für den Abschied von fossilen Brennstoffen in der Energieerzeugung bis 2035 in Aussicht gestellt. Sollte er die Wahl für sich entscheiden und eine demokratische Mehrheit im Kongress haben, könnte sein Plan zu einem nachhaltigen Übergang der US-Wirtschaft den erneuerbaren Sektoren Auftrieb geben und neue Märkte und Arbeitsplätze schaffen. Kurzfristig könnten die Märkte aufgrund möglicher Körperschaftssteuererhöhungen einen Sturzflug machen.

Präsidenten-Joker: Per Dekret regieren

Gewinnt der ein oder andere Kandidat und hat keine Mehrheit seines Lagers im Kongress, wäre die Durchsetzungsfähigkeit beider eingeschränkt. Während der US-Präsident vor allem im Außenhandel, also etwa der Zollpolitik, großen eigenen Spielraum hat, müssen Gesetze allerdings vom Kongress verabschiedet werden. In den USA kann der Präsident aber auch per Dekret gerne mal einen Alleingang wagen. Trump hat dies häufiger genutzt als jeder andere US-Präsident seit 30 Jahren. Vorbei am Wähler, am Kongress und manchmal sogar vorbei an der eigenen Partei hat er dies etwa zuletzt im Falle TikTok getan. Er wollte erzwingen, dass zumindest das US-Geschäft von TikTok unter Kontrolle US-amerikanischer Besitzer kommt.

Einige Finanzmarktexperten halten sehen das Ganze gelassener. Die Frage, welche Sektoren und Aktien bei einem Sieg Trumps oder Bidens profitieren würden, sei eigentlich irrelevant. Denn das Marktwachstum sei aktuell stärker als beide Kandidaten. "Es ist ein neuer Bullenmarkt, der sich wie eine Verlängerung des vorangegangenen, sehr lang anhaltenden Bullenmarkts verhält", sagt etwa Ken Fisher in einem Focus-Interview.