Ganz überraschend kommt der Rücktritt von Amazon-Gründer Jeff Bezos nicht. Anlässlich seines Abgangs nach 27 Jahren an der Spitze des Online-Handelsriesen Amazon schrieb er: Das beste Kompliment, das ein Erfinder bekommen könne, sei ein Gähnen. Wenn also seine Erfindung ein so fester Bestandteil des Alltags ist, dass sie niemanden mehr überrasche. Mit Amazon ist ihm das gelungen. "Derzeit ist Amazon so innovativ wie noch nie zuvor, weswegen das der beste Zeitpunkt für die Übergabe ist", begründete Bezos seinen Schritt.

Sein Nachfolger als CEO wird Andy Jassy, Leiter des boomenden Cloud-Geschäfts. Der 57-jährige Bezos werde sich auf den Posten des Verwaltungsratsvorsitzenden zurückziehen.

1994 gründete der Informatiker Bezos unter dem Namen "Amazon.com" eine Onlinebuchhandlung mit Sitz in Washington, USA. Im Juli 1995 wurde das erste Buch über die Onlineplattform verkauft: "Fluid Concepts and Creative Analogies: Computer Models of the Fundamental Mechanisms of Thought" von Douglas R. Hofstadter. 1996 erzielte das Unternehmen bereits einen Umsatz von 15,7 Millionen US-Dollar, der sich im Folgejahr verzehnfachte. Heute ist Amazon in 235 Staaten und Regionen aktiv und hat zuletzt 386 Milliarden US-Dollar umgesetzt.

Höhenflug dank Web-Dienste

Der Warenhandel ist längst nicht mehr die Cashcow des Konzerns. Neben dem Marktplatz bietet Amazon eine Reihe anderer digitaler Dienste an, wie Online-Bezahlservices, eine eigene Videoplattform, Cloud-Dienste, den Werbedienstleister Amazon Advertising und mehr.

Auf der Bloomberg-Liste der reichsten Menschen der Welt belegt Bezos aktuell mit einem geschätzten Vermögen von 197 Milliarden US-Dollar den zweiten Platz hinter dem Tesla-Gründer Elon Musk. Die Corona-Krise machte Bezos im Vorjahr um gut 70 Milliarden US-Dollar reicher, dank Digitalisierungsboom und einer massiven Zunahme des Onlinehandels.

Sein Nachfolger Jassy ist seit 1997 bei Amazon. Ab 2003 baute er die Cloud-Computing-Sparte des Konzerns auf. Diese entpuppte sich als wahre Goldgrube. Die von ihm verantwortete Sparte Amazon Web Services (AWS) setzte allein in den letzten drei Monaten des Vorjahres 12,7 Milliarden US-Dollar um.

Umstritten und kontrovers

Abseits der Jubelmeldungen rund um den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens sorgt Amazon immer wieder für negative Schlagzeilen und Kontroverse. Der Konzern geht nicht gerade zimperlich mit seinen Mitarbeitern um. Lange Zeit war der Vorstand gegen die Gründung eines Betriebsrates, immer wieder werden Amazon Lohndumping und Ausbeutung von Lagerarbeitern und Lieferanten vorgeworfen.

Im Mai hat sogar der damalige Vize Tim Bray aus Protest gegen die Entlassung von Lagerarbeitern gekündigt. Offiziell sollen sie gegen Corona-Maßnahmen verstoßen haben, der tatsächliche Grund sei aber laut Bray Whistleblowing über die Arbeitsbedingungen in den Lagern gewesen.

Auch wegen Steuervermeidung steht Amazon immer wieder in der Kritik. Im Zuge der Luxemburg-Leaks 2014 wurde bekannt, dass Amazon mithilfe des Unternehmensberaters PricewaterhouseCoopers in großem Stil in Luxemburg Steueroptimierung betrieben hat und damit, gemessen am Umsatz, in den meisten EU-Ländern kaum Abgaben gezahlt hat. Auf Druck der Öffentlichkeit änderte der Konzern 2015 seine Steuerpolitik. Zudem soll Amazon 2017 und 2018 dank diverser Gutschriften und Steuerrückerstattungen in den USA de facto keine Einkommenssteuern abgeführt haben, was abermals die Debatte um Steuervermeidung anfachte.(del)