Die Versorgung stockt. Halbleiter-Module, das Herz aller elektronischen Systeme, und Mikrochips fehlen immer häufiger. Betroffen ist vor allem die europäische Autoindustrie. Dabei rafften sich die Unternehmen gerade auf, nach langem Zögern und kostspieligen Abgastricks, die vor Gericht endeten, doch noch auf strombetriebene Fahrzeuge zu setzen. Doch genau bei dieser Antriebsart sind Halbleiter und Mikrochips unverzichtbar.

Infineon ist der größte Halbleiterhersteller Deutschlands mit einem Umsatz von 8,5 Milliarden Euro. Im Jahr 2020/21 soll der Umsatz des Konzerns um gut ein Viertel auf etwa 10,8 Milliarden Euro steigen. Das Geschäft läuft. Im vergangenen Jahr wurde der Rohbau für eine neue, vollautomatisierte Chipfabrik am Standort in Villach fertiggestellt. Infineon investierte insgesamt 1,6 Milliarden Euro in die Fabrik. Es war 2020 die größte private Investition in Österreich. Der Produktionsstart soll noch dieses Jahr erfolgen. Wie die "Wiener Zeitung" erfuhr, wird dieser mehrere Monate in den Spätsommer vorgezogen - ursprünglich war ein Start am Ende des Kalenderjahres geplant.

Der Automarkt habe sich schneller erholt als geplant, heißt es vonseiten Infineons. Zudem beschleunigte die Pandemie die Digitalisierung bei den Lieferketten, die bald darauf ausgelastet waren. Das Ergebnis war die stockende Versorgung. Denn Containerschiffe und Lkw transportierten nun vermehrt auch Güter aus den Bereichen Mobilfunk, Kommunikations- und Dateninfrastruktur, Computing und Home Entertainment.

Digitalisierung belastet Lieferketten

"Die Kapazitäten der Auftragsfertiger sind begrenzt, eine Kapazitätserweiterung benötigt Zeit. Dadurch macht sich Halbleiterknappheit in der gesamten Lieferkette bemerkbar." Diese Knappheit werde voraussichtlich noch einige Monate andauern.

Als Konsequenz aus dem Chip-Mangel will der deutsche VW-Konzern die Versorgung mit Halbleitern künftig durch direkte Absprachen mit den Herstellern absichern. "Wir denken darüber nach, direkte vertragliche Beziehungen einzugehen", sagte ein Einkaufsmanager des Autobauers. Bisher bezieht Volkswagen Teile bei Zulieferern wie Bosch und Continental, die wiederum von Halbleiterherstellern beliefert werden. Die Industrie werde aufgrund der Bedeutung von Halbleitern in den heutigen Fahrzeugen reagieren müssen, hieß es nun bei VW.

Der Konzern hatte vor Weihnachten als erster großer Autobauer von Unsicherheiten bei Chiplieferungen berichtet und kurze Zeit später angekündigt, die Produktion an einigen Standorten in China, Nordamerika und Europa im ersten Quartal zu drosseln. Auch zahlreiche andere Autobauer sind von den weltweiten Engpässen betroffen. Volkswagen und Daimler mussten für einige Werke Kurzarbeit anmelden.

Doch nicht nur die Autoindustrie ist betroffen. Zuletzt wuchs die Sorge wegen mangelnder Computerchips auch bei Siemens. "Wir müssen schauen, dass wir da nicht zu kurz kommen", sagte der scheidende Vorstandschef Joe Kaeser.

Chips sind wichtig für viele der Maschinen und Anwendungen, die der Technologiekonzern anbietet. Eine eigene Chip-Produktion hat Siemens seit der Abspaltung der ehemaligen Halbleiter-Tochter Infineon schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr.

Um Engpässen entgegenzuwirken, will die die schwedische Bergbaufirma Eurobattery Minerals (EBM) den Grad der Selbstversorgung mit Nickel, Kobalt und Kupfer für Batterien in E-Autos erhöhen. Ziel ist eine stärkere innereuropäische Gewinnung Seltener Erden. EBM-Chef Roberto Garcia Martinez glaubt, dass Europa genügend Rohstoffe hat, um die Nachfrage zu bedienen. EBM hat mit Forschern Bergbauvorhaben in Schweden, Finnland und Nordspanien aufgelegt.

Wiederverwertung von ausgedienten Batterien

Langfristig spielt zudem eine Rolle, wie gut ausgediente Batterien wiederverwertet werden können. Der VW-Konzern startete vor kurzem eine Recycling-Pilotanlage in Salzgitter, wo derzeit auch eine eigene Zellfertigung entsteht. In der ersten Stufe werden hier jährlich bis zu 1500 Tonnen verschiedener Materialien aufbereitet - neben Nickel und Kobalt geht es um Lithium, Mangan, Aluminium und Kunststoffe.

Das Ziel sei ein geschlossener Wertstoff-Kreislauf, sagte Technik- und Komponentenvorstand Thomas Schmall: "Wir müssen die teuren, teilweise schwer abbaubaren Rohstoffe wieder einbauen können." Volkswagen peilt auf mittlere Sicht eine Recycling-Quote von über 90 Prozent an.

Die Stoffe kommen bisher vor allem aus Batterien eigener Testautos. Ob später Material anderer Hersteller angenommen wird, hängt von der Marktentwicklung ab. Beim Recycling selbst arbeitet VW bereits mit Partnern wie BASF zusammen.