Zum dritten Mal seit Mitte 2019 hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den Notenbankchef seines Landes ausgetauscht. Grund dafür wurde zwar keiner genannt, allerdings spielte offenbar Erdogans Ärger über die steigenden Zinsen dabei die Hauptrolle.

Der nach nur fünf Monaten Amtszeit geschasste Währungshüter Naci Abgal, ein in der Finanzwelt geachteter früherer Finanzminister, hatte am Donnerstag den Leitzins unerwartet und kräftig von 17,0 auf 19,0 Prozent erhöht. Abgal wollte damit die Inflation bekämpfen. Höhere Zinsen hätten die Landeswährung Lira gestärkt, was Importe verbilligt und damit den Preisauftrieb gedämpft hätte. Die Teuerungsrate lag in der Türkei zuletzt bei fast 16 Prozent.

Erdogan hält hohe Zinsen allerdings für "Vater und Mutter aller Übel", seiner Ansicht nach begünstigen sie die Inflation.

Turbulenzen erschüttern Börse in Istanbul

In der Türkei reagierten die Finanzmärkte am Montag derart geschockt auf die Entlassung des Zentralbankchefs, dass die Lira um 17 Prozent gegenüber dem Dollar abstürzte.

Die Kurse an der Börse in Istanbul brachen so stark ein, dass, gemäß der Vorschriften bei solch starken Kursbewegungen, der Handel für eine halbe Stunde ausgesetzt werden musste. Der Istanbuler Leitindex und der Bankenindex brachen um jeweils knapp zehn Prozent ein. Der Ausverkauf am Anleihemarkt trieb die Rendite der zehnjährigen türkischen Bonds um fast sieben Prozentpunkte auf ein Zwei-Jahres-Hoch. Das ist der stärkste Anstieg ihrer Geschichte. Dollar und Euro werteten jeweils mehr als zehn Prozent auf 8,1745 beziehungsweise 9,5407 Lira auf, so stark wie zuletzt vor 20 Jahren.


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Für etwas Beruhigung sorgte zwar die Aussage des Finanzministers, die Türkei werde sich an die Regeln des freien Marktes halten. Wenig Vertrauen dürften Wirtschaftsexperten hingegen in den neuen Notenbankchef Sahap Kavcioglu setzen. Der Ex-Banker, Ex-Abgeordnete der Regierungspartei AKP und erklärte Gegner einer straffen Geldpolitik hatte die türkische Zinspolitik zuletzt in einer Zeitung so kritisiert: "Die Zinsen rund um die Welt sind nahe Null. Eine Anhebung in der Türkei zu erwägen, wird unsere wirtschaftlichen Probleme nicht lösen."

"Das legt nahe, dass die Regierung versuchen wird, die Wirtschaft erneut mit niedrigen Zinsen stimulieren zu wollen", sagte etwa Selva Demiralp, Wirtschaftsprofessorin an der Koc Universität in Istanbul. Das wiederum verstärke den Druck auf die Lira und könne die Wirtschaft noch mehr belasten. Die Türkei ist stark vom Import abhängig, der sich durch einen Kursverfall der Währung verteuert. "Das türkische Handelsdefizit wächst weiter", erklärte Politologe Cengiz Günay dazu kürzlich im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Seit Jahren sinkt die Produktion im Land, der Dienstleistungssektor wächst. Die Corona-Krise verschärft nun das Problem weiter, weil auch der wichtige Tourismussektor derzeit stillsteht.

Erdogan wünscht niedrige Inflation und Wachstum

Vor rund einer Woche hatte der türkische Präsident Erdogan erklärt, der Kampf gegen die Inflation gehöre zu seinen wichtigsten Vorhaben. Ziel sei eine einstellige Inflationsrate.

2020 hatte die Teuerungsrate in der Türkei zeitweise bei 15 Prozent gelegen, zuletzt gar darüber. Erdogan kündigte zudem Wirtschaftsreformen an. Die Steuerpolitik soll vereinfacht werden, Produktivität, Investitionen, Beschäftigung und Exporte sollen steigen. "Wir werden das Wachstumspotenzial erhöhen", meinte er.

Der Absturz der türkischen Lira sorgte zu Wochenanfang jedenfalls nicht nur in der Türkei für Verunsicherung. Die Erschütterungen waren bis an die Wiener Börse spürbar. So gaben die Papiere des Catering-Konzerns Do&Co um satte 8,52 Prozent ab. Der Konzern, dessen Aktien auch an der Börse in Istanbul gehandelt werden, dürfte einem Wechselkursrisiko ausgesetzt sein.

Auch die Börsen in Asien reagierten bereits am Wochenende auf die türkischen Turbulenzen. Am Montag zeigten sie sich nach der Talfahrt der türkischen Lira weiter durchwachsen, befürchten doch Börsianer Verluste bei japanischen Privatanlegern, die die hohen Zinsen in der Türkei gelockt hatten. Betroffen zeigten sich zudem die Kurse von Banken mit Engagement in der Türkei, wie jene der spanischen BBVA Bank. Auch Kreditgeber wie Unicredit, ING, HSBC und BNP spürten die Folgen. (mojo)