Der Bilanzskandal um den einstigen Börsenstar Wirecard und dessen anschließende Milliardenpleite vor gut einem Jahr haben dem Ruf des deutschen Kapitalmarktes alles andere als gutgetan. Der jäh abgestürzte Zahlungsdienstleister war schließlich im DAX, der ersten deutschen Börsenliga, gelistet. Der Deutschen Börse AG galt es deshalb als Gebot der Stunde, ihr Regelwerk für den landesweit wichtigsten Aktienindex zu überarbeiten. Zumal Investoren mit dem Zusatz "DAX-Konzern" ein gewisses Qualitätsversprechen verbinden.

Einer der zentralen Punkte der DAX-Reform ist das Aufstocken der Mitgliederzahl des seit mehr als 33 Jahren bestehenden Leitindex der Frankfurter Wertpapierbörse - und zwar von 30 auf 40 Aktienwerte. Dieser Schritt soll am Freitag nach US-Börsenschluss vollzogen werden.

Ein Großteil der Reform ist jedoch bereits im Dezember 2020 und im März 2021 erfolgt. Da traten neuen Regeln für ein DAX-Listing in Kraft. Ein Listing ist seither an deutlich strengere Voraussetzungen geknüpft, Börsenexperten sprechen denn auch von einer "Lex Wirecard".

So setzt es nun die Rote Karte, wenn ein Unternehmen seine Bilanz nicht fristgerecht vorlegt. Ein solches Unternehmen fliegt dann automatisch aus dem DAX (oder einem anderen Index wie MDAX, TecDAX und SDAX), wenn binnen drei Monaten nach dem Ende eines Geschäftsjahres und 45 Tage nach Ablauf eines Quartals kein entsprechendes Zahlenwerk präsentiert wird.

Wirecard hatte die Veröffentlichung der Zahlen wiederholt verschoben und blieb trotzdem im DAX. Künftig wird so etwas nicht mehr möglich sein.

Nachweislich profitabel

Neben einer fristgerechten Publikation der Bilanzen schreiben die neuen Regeln auch einen eigenen Prüfungsausschuss im Aufsichtsrat der Unternehmen vor. Der soll die Rechnungslegung überwachen und Konsequenzen aus Regelverstößen ziehen.

Ein weiteres Novum: Um in die oberste Börsenliga aufgenommen zu werden, müssen Unternehmen nachweislich profitabel sein. Dazu müssen sie in den zwei Jahren vor dem DAX-Aufstieg einen operativen Gewinn erwirtschaftet haben - ein positives Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und sonstigen Finanzierungsaufwendungen (Ebitda). Dem Essenslieferdienst Delivery Hero, der Wirecard nach der Pleite ersetzte, hätte dies die DAX-Mitgliedschaft verwehrt. Dem MDAX und SDAX dürfen unprofitable Firmen hingegen weiter angehören.

Neu ist auch, dass die Deutsche Börse die Zusammensetzung des DAX nun alle sechs Monate statt einmal jährlich regulär überprüft. Entscheidend für den Auf- oder Abstieg eines Aktientitels ist dabei nur noch die Marktkapitalisierung des Streubesitzes, der Börsenumsatz spielt keine Rolle mehr.

Ein Drittel mehr DAX-Firmen

Am Freitag wird dann mit der Erweiterung des DAX von 30 auf 40 Aktientitel die größte Reform in dessen Geschichte abgeschlossen sein. Da wird fixiert, welche zehn Firmen neu in den Leitindex aufgenommen werden.

Aus Expertensicht war die Vergrößerung schon länger überfällig. "Es gibt fast keinen Weltindex, der nur 30 Mitglieder hat", erklärt Monika Rosen-Philipp, Chefanalystin der Bank Austria. So haben etwa die Leitindizes in Paris (CAC), London (FTSE) und Tokio (Nikkei) 40 bis 225 Werte und der S&P in New York gar 500. Nur der Dow Jones, das global wohl wichtigste Aktienbarometer, ist laut Rosen-Philipp ein Beispiel für einen Weltindex mit lediglich 30 Werten. "Der Dow Jones hat aber auch mehr eine PR-Funktion", sagt sie.

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Als Fixstarter für die Aufnahme in den DAX, der seit Jahresbeginn um rund 16 Prozent zulegen konnte und vor Kurzem über der 16.000-Punkte-Marke ein Allzeithoch markierte, gilt der Flugzeugbauer Airbus. Und das obwohl eine Tochtergesellschaft Trägerraketen für französische Atomwaffen wartet. Dies hat für Kritik gesorgt. Die Deutsche Börse konnte sich bei ihren Regeländerungen jedoch nicht dazu durchringen, Firmen, die an umstrittenen Waffen beteiligt sind, für den Leitindex auszuschließen. Als weitere heiße DAX-Kandidaten werden der Versandhändler Zalando und der Medizintechnikspezialist Siemens Healthineers gehandelt. Vergrößert wird der DAX auf Kosten des MDAX der mittelgroßen Werte, der jetzt von 60 auf 50 Unternehmen geschrumpft wird.

Für die Wiener Börse ist eine größere Zahl an Aktienwerten im Leitindex ATX derzeit kein Thema. "Wir stehen mit den Marktteilnehmern zum ATX-Regelwerk in laufendem Austausch", sagt Börsenchef Christoph Boschan. "Aktuell besteht der Konsens, dass eine Erweiterung des ATX auf mehr als 20 Mitglieder nicht sinnvoll ist." Bei den 20 ATX-Werten handelt es sich um die liquidesten Titel, eine größere Zahl würde wohl die Handelbarkeit verwässern.