Tschernobyl, Fukushima und radioaktiver Müll - Atomenergie ist nicht unbedingt für ihren guten Ruf bekannt. In Polen aber sollen Atomkraftwerke nun die Zukunft retten. Der Plan: Sechs Reaktoren in Kombination mit Offshore-Windenergie sollen das Land aus der Abhängigkeit von Kohle befreien. Damit möchte Polen seine hohen CO2-Emissionen senken und der globalen Erderwärmung entgegenwirken. Die Atomkraftwerke sollen bis 2043 fertiggestellt sein.

Doch Polens Vorhaben ist kontrovers. Eine nukleare Katastrophe mitten in Europa - wegen dieses Risikos sei Polens Plan unverantwortlich, findet die deutsche Politikerin Sylvia Kotting-Uhl (Bündnis 90/Die Grünen). Wissenschafter in Krakau meinen aber, dass Atomkraftwerke notwendig seien. Erneuerbare Energien allein seien keine Lösung.

Schwerer Abschied vom "schwarzen Gold"

"Es ist ein ambitioniertes Projekt, wir müssen viel Kompetenz aufbauen", sagt Pawel Gajda, der an der Krakauer Universität für Wissenschaft und Technologie (AGH) Nuklearforschung betreibt. Denn Polens Erfahrung mit Atomkraftwerken ist gering, aktuell besitzt es kein aktives Atomkraftwerk. Der Bau eines Reaktors in Zarnowiec wurde nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl 1986 abgebrochen, weil der Widerstand zu groß wurde.

Stattdessen verließ sich Polen auf sein reiches Kohlevorkommen - mit Folgen: Das Land gilt als einer der größten Klimasünder der EU. Das Braunkohlekraftwerk in Belchatow - das größte der Welt - ist laut dem Ranking der Organisation Transport & Environment (T&E) für die höchsten CO2-Emissionen in der EU verantwortlich: 2019 habe das Kraftwerk rund 33 Megatonnen CO2 ausgestoßen - die irische Fluglinie Ryanair sei im Vergleich für "nur" rund 11 Megatonnen verantwortlich. Das ist nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern auch für die Menschen: Das Atmen der Luft in Krakau hat laut Aktivisten den Effekt von 3.000 Zigaretten im Jahr.

Zwar sinkt der Kohleverbrauch allmählich - Krakau führte 2019 etwa ein Verbot für Kohle ein -, doch wurde auch vergangenes Jahr 70 Prozent des Stroms durch Kohle gewonnen. Der Abschied vom "schwarzen Gold" ist auch aus wirtschaftlicher Sicht nicht einfach: Rund 80.000 Arbeitsplätze hängen an der Industrie.

Der nun geplante Umstieg auf Atomenergie kommt jedoch nicht rein aus der Liebe zur Umwelt. Es winkt auch Geld: Erst wenn sich Polen auf das EU-Klimaneutralitätsziel 2050 verpflichtet, hat es vollen Anspruch auf die Förderung aus dem "Just Transition Fund". Mit der Energiewende erhofft sich Polen mehrere Milliarden Euro.

Atomunfall könnte Deutschland treffen

"Wir sollten das Risiko durch CO2-Emissionen nicht mit einem anderen Risiko austauschen - einem Atomunfall mitten in Europa", sagt die grüne Politikerin Kotting-Uhl, die auch Vorsitzende des Ausschusses für nukleare Sicherheit in Deutschland ist. Ihre Partei hat eine Studie in Auftrag gegeben, die zeigt, dass im Fall eines Atomunfalls in Polen bis zu 1,8 Millionen Deutsche evakuiert werden müssten.

Über einen GAU herrscht an der Universität in Krakau (AGH) weniger Sorge. "Nukleare Energie ist eine der sichersten Energiequellen, die wir zurzeit haben", sagt Pawel Gajda. Auch sein Kollege aus der Abteilung für nachhaltige Energieentwicklung, Professor Wojciech Suwala, ist von den modernen Modellen überzeugt: "Früher wurde die Sicherheit von Menschen gehandhabt. Jetzt ist die Sicherheit in der Konstruktion integriert, sogenannte passive Sicherheit." Dadurch sei die Kühlung des Reaktorkerns selbst dann gewährleistet, wenn der Notfallstrom ausfällt.

Was aber auch aus Suwalas Sicht weiterhin ein Problem bleibt, ist der Umgang mit radioaktivem Abfall. Es werde jedoch oft vergessen, dass das nicht nur bei Atomkraft ein Thema sei: "Wenn man Tonnen von Kohle verbrennt, summieren sich die radioaktiven Substanzen", so Suwala, "insgesamt können wir also sagen, dass die Strahlung im Fall von Kohle insgesamt höher ist als von Atomkraftwerken."

Erneuerbare Energie billiger als Atomkraft - hat aber Grenzen

Neben Atomenergie ist auch Offshore-Wind Teil des neuen Energieplans. Aus Sicht von Kotting-Uhl ist das nicht genug, sie glaubt an einen Weg mit 100 Prozent erneuerbarer Energie. "Polen hat dafür keine schlechteren Voraussetzungen als Deutschland - und es hat mehr Platz", meint Kotting-Uhl. Außerdem sei Solar- und Windenergie im Gegensatz zum Bau von Atomkraftwerken "spottbillig". Für weniger als 4 Cent pro Kilowattstunde sei Solarenergie heute verfügbar, das könne Atomenergie niemals schlagen.

Warum Polen sich aber nicht gänzlich auf Solar- oder Windenergie verlassen könne, erklärt Pawel Gajda mit dem Problem der Netzstabilität: "Wir brauchen Quellen, die wir kontrollieren können - denn das Wetter können wir nicht kontrollieren." Der Professor schätzt, dass man dafür in etwa 30 Jahren eine Lösung hat und die überschüssige Energie aus dem Sommer speichern kann.

Erstes Atomkraftwerk soll im Jahr 2033 starten

Das erste Atomkraftwerk soll plangemäß bereits 2033 laufen, die restlichen fünf sollen bis 2043 folgen. Bis dahin gibt es noch einige "To-dos": der Ausbau der Infrastruktur an den Standorten, das Ausbilden der erforderlichen Arbeitskräfte sowie ein Partner für den Reaktorbau. Im Rennen dafür seien derzeit Frankreich und die USA.

Auch die öffentliche Gesinnung gegenüber Atomkraftwerken ist ein essenzieller Faktor, und die ist laut dem polnischen Meinungsforschungsinstitut CBOS so hoch wie zuletzt vor dem Fukushima-Atomunfall 2011. Um das weiter zu fördern, plant Polen eine Informationskampagne "basierend auf der Wissenschaft", wie es in dem Strategiepapier heißt.

Im Februar hat die Regierung die Energiepläne verabschiedet. "Deutschland hat die Möglichkeit verpasst, das Projekt zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen", sagt Kotting-Uhl.