"Der menschliche Bedarf nach Mobilität wird anhalten", erklärte der Mann im blau-grau karierten Sakko in gut antrainiertem Englisch. Journalisten aus aller Welt hörten ihm zu, in seinem Rücken rollte eine weiß-schwarze, geschwungene und doch kantige Karosse heran. Dann erläuterte Kenichiro Yoshida, wie dieser Bedarf für ihn und seine möglichen Kunden aussehen werde: "Sich sicher zu bewegen und gut unterhalten zu werden." Und schon dürften ein paar etablierte Autobauer aufgehorcht haben.

Der Mann, der da zu Beginn der Technologiemesse CES in Las Vegas einen Vortrag hielt, ist zwar kein Manager einer bekannten Automarke. Er könnte es aber bald werden. Yoshida ist CEO der Sony-Gruppe, verantwortet also einen Weltkonzern, der über die vergangenen Jahrzehnte immer wieder Innovationen in ständig neuen Geschäftsfeldern rund um Elektronik entwickelt hat. Und so will man es auch beibehalten. "Wir gründen ein neues Unternehmen: Sony Mobility Inc.", erklärte Yoshida am Mittwoch. Schnellstmöglich will er ein Elektroauto auf den Markt bringen, das mit der bereits etablierten Konkurrenz mithalten kann.

Vom Walkman zum Elektrohund

Inmitten des Klimawandels und der Suche nach Alternativen zu den traditionellen, stärker umweltschädlichen Verbrennungsmotoren wächst der Markt für E-Autos schließlich seit Jahren mit hohem Tempo. Sony will nun seine Kenntnisse aus seinen bisherigen Geschäftsbereichen kombinieren und Synergien schaffen. Der Tokioter Konzern ist nicht nur führend im Unterhaltungsgeschäft rund um die Spielekonsole Playstation sowie den Vertrieb von Filmen. Ende der 1970er Jahre begeisterte Sony die Welt mit dem Walkman, einem tragbaren Kassettenrekorder, wodurch man spazierengehend über Kopfhörer Musik hören konnte.

Es folgten leistungsfähige Foto- und Videokameras, Fernseher, Handys und Laptops. Jahrzehntelang ist Sony auch im Bereich der Robotik aktiv. Das Prestigeprodukt ist der Elektrohund Aibo, dessen Name eine Abkürzung für Artificial Intelligence Robot ist - also ein Roboter mit Künstlicher Intelligenz. Um die Jahrtausendwende erschien die erste Version, die durch Kameras und Geräuschsensoren ihre Umgebung erkennen und daraufhin die Rolle eines Haustieres einnehmen sollte.

Nach längerer Entwicklungspause kam 2017 ein neuer Typ auf den Markt, der als autonom beworben wurde, laut Hersteller also durch Erfahrungen lernt und eine eigene Persönlichkeit entwickelt. All dies soll auch bei der Entwicklung von Autos helfen. Sonys Prototyp Vision-S wurde erstmals vor zwei Jahren in Las Vegas präsentiert. Diese Woche stellte Yoshida die neue Version vor, begleitet eben von der Notiz, dass man es ab jetzt ernst meine. Der Vision-S ist mit visuellen Sensoren ausgestattet, die die Sicherheit erhöhen sollen.

Zudem soll ein umfassendes Entertainmentsystem in das Auto integriert werden. Es werde schließlich nicht nur mit Elektroantrieb fahren und damit möglichst die Umwelt schonen, sondern sich auch autonom über die Straßen bewegen können. Idealerweise kommen dann alle Passagiere in den Genuss von Unterhaltung an Bord.

Sony-Aktien stiegen um 5 Prozent

Als bloßer PR-Gag wird das Vorhaben offenbar nicht angesehen. Auf die Verkündung in Las Vegas hin schoss der Wert der Sony-Aktien um 5 Prozent in die Höhe. Tatsächlich könnte Sony zu einem ernsten Konkurrenten für etablierte Autobauer werden, zumal sich die Herausforderungen in der Branche über die vergangenen Jahre stark verändert haben. Diverse Hersteller, deren Erlösmodelle auf traditionellen Antrieben basieren, tun sich mit einem tiefgreifenden Umdenken schwer. Beim Weltklimagipfel in Glasgow vergangenen November verpflichteten sich sechs weltweit führende Autobauer und 31 Staaten dazu, ab 2040 keine benzinbetriebenen Autos mehr zu verkaufen und zuzulassen. Dazu gehörten Ford, Mercedes-Benz, General Motors und Volvo. Allerdings fehlten große Namen wie Toyota, VW oder die Nissan-Renault-Allianz.

Viele Konzerne wollen so lange wie möglich mehrgleisig fahren und weiterhin auch Verbrenner verkaufen. So könnten Neuankömmlinge im Geschäft, die über ausreichend Kapital für Investitionen verfügen und diese ausschließlich für zukunftsfähige Technologien einsetzen, durchaus Vorteile haben.

Die Konkurrenz schläft nicht

Sony ist auch nicht der einzige branchenfremde Konzern, der ins Autogeschäft drängt. Seit Jahren laboriert der Internetriese Google an einem autonomen Auto. Seit vorigem Jahr sind in Kalifornien Robotertaxis im Einsatz. Vor kurzem wurde auch bekannt, dass der Smartphone- und Laptophersteller Apple ein vollautomatisiertes Auto entwickelt, das ab 2025 auf den Markt kommen soll. Weitere Konzerne, die mit ihren Kenntnissen aus anderen Bereichen das Geschäft aufmischen wollen, könnten folgen.

Sofern Sony wirklich ein autonomes Elektroauto auf den Markt bringt, hätte es wohl zumindest in einem Bereich einen Alleinstellungswert: Mit einem weltweit führenden Entertainmentsystem, vielleicht mit Spielkonsole oder einer neuen Art des Autokinos, wäre zu rechnen.