Nur gut ein Jahr nach der fatalen Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, deren spektakulärer Zusammenbruch eine globale Finanzkrise auslöste, trieb das volkswirtschaftlich kaum ins Gewicht fallende Griechenland Ende 2009 plötzlich Regierungschefs, Zentralbankern und Top-Managern im Rest des Euroraums Sorgenfalten auf die Stirn. Schaute man zuvor mit Bangen nach New York, rückte auf einmal Athen in den Fokus.

Was folgte, ist bekannt: Im Gegenzug für die Bereitstellung von Krediten von kumuliert 277,6 Milliarden Euro ab Mitte 2010 bis August 2018 hatten auf Geheiß der neuen, öffentlichen Griechenland-Gläubiger EU, EZB und Internationaler Währungsfonds (IWF) die griechische Regierung rigorose Sparauflagen durch Athens Parlament durchzupeitschen und umzusetzen.

Die Griechinnen und Griechen hatten buchstäblich jeden Kredit verspielt: Faktisch unterlag Athen fortan der europäischen Zwangsverwaltung. Wütende Proteste der einheimischen Bevölkerung hin, die Abwahl von mehreren Athener Regierungen und ein Referendum mit einem schnell verpufften Sieg der Spargegner: Die Hellenen spurten.

So viel wie die Griechen sparte keiner in Europa. Hatte das griechische Staatsdefizit im Gruseljahr 2009 eine Rekordmarke von 15,1 Prozent erreicht, drehte es ab 2016 ins Plus. Darin ist auch der Schuldendienst inkludiert. Eine Herkules-Leistung.

Rechnet man den Schuldendienst heraus, erwirtschaftete Hellas ab 2016 kontinuierlich einen primären Haushaltsüberschuss von sogar über 3,5 Prozent (2016: plus 3,8 Prozent, 2017: plus 3,7 Prozent, 2018: plus 4,3 Prozent, 2019: plus 4,1 Prozent). Die Griechen waren plötzlich Musterschüler im Sparen.

Auf Sparkurs folgte Wirtschaftseinbruch

Die Schattenseite dieses Sparkurses war der kolossale Wirtschaftseinbruch. Hellas’ Wirtschaftsleistung sank bis 2013 um ein Viertel. Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut entwickelten sich rasch. Wer konnte, der machte sich aus dem Staub, um der Großen Depression auf Griechisch zu entkommen.

Zwar schlüpfte Griechenland am 20. August 2018 wieder aus dem Euro-Rettungsschirm. Doch dann kam Corona. Und die hellenischen Staatsfinanzen gerieten wieder in Schieflage. Den Haushaltsüberschüssen in vier Jahren in Folge folgten erneut Defizite - und zwar sehr hohe. Im ersten Corona-Jahr 2020 belief sich das primäre Haushaltsdefizit auf 7,1 Prozent. Für das Jahr 2021 dürfte es fast genauso hoch ausgefallen sein.

Die Folge: Die griechische Staatsschuld ist per Ende 2021 auf ein astronomisches Allzeithoch in Höhe von genau 388,33 Milliarden Euro geklettert. Das gab das Athener Finanzministerium am Freitag bekannt. Das sind gut 14 Milliarden Euro mehr als noch Ende 2020. Jeder der heute 10,4 Millionen Griechinnen und Griechen hat demnach eine Staatsschuld in Höhe von 37.340 Euro zu schultern. Davon gehen zwei Drittel an den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM), einem der öffentlichen Griechenland-Gläubiger. Konkret steht Hellas per Ende 2021 mit exakt 242,61 Milliarden Euro beim ESM in der Kreide.

Der ESM mit Sitz in Luxemburg wurde im September 2012 von den 19 Mitgliedstaaten der Eurozone gegründet. ESM-Chef ist der Deutsche Klaus Regling. Aufgabe des ESM ist es, überschuldete Mitgliedstaaten der Eurozone durch an Reformbedingungen geknüpfte Kredite und Bürgschaften zu unterstützen, um deren Zahlungsfähigkeit zu sichern. Er ist damit Teil des Euro-Rettungsschirms und löste am 1. Juli 2013 die Europäische Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) weitgehend ab. Der mit Abstand größte ESM-Schuldner: Griechenland.

30 Prozent mehr Schulden, 30 Prozent weniger BIP

Ein rigoroser Sparkurs in Athen in den 2010er Jahren ging mit einem Verlust von 107 Milliarden Euro, der größte Schuldenschnitt für private Gläubiger in der globalen Finanzgeschichte, einher: Die griechische Staatsschuld ist um 30 Prozent höher als Ende 2009, als sich Griechenland an den Abgrund manövriert hatte. Griechenlands Staatsschuld betrug per Ende 2009 exakt 298,52 Milliarden Euro. Jeder der damals noch 11,1 Millionen Einwohner Griechenlands schuldete somit 26.900 Euro, um 10.440 Euro weniger als heute.

Unterdessen ist die Staatsschuldenquote auf mehr als 200 Prozent gestiegen. Der Grund dafür liegt nicht nur an der nominal gestiegenen Staatsschuld. Zugleich ist die hellenische Wirtschaftsleistung eingebrochen. Konkret ist das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 30 Prozent niedriger als im ultimativen Boomjahr 2008, als die hellenische Wirtschaftsleistung 237 Milliarden Euro in laufenden Preisen erreichte.

Zinsen auf Anleihen steigen wieder

Zu allem Überfluss steigen nun auch noch die Zinsen auf die griechischen Staatsanleihen. Das verteuert plötzlich wieder den griechischen Schuldendienst. Am Freitag waren für den Hellas-Bond mit einer Laufzeit von zehn Jahren bereits 2,6 Prozent fällig. Noch im August waren es lediglich 0,5 Prozent.

Das bereitet dem Athener Finanzminister Christos Staikouras Sorgen. Denn alleine im laufenden Jahr hat die Athener Schuldenagentur PDMA noch neun Milliarden Euro auf den internationalen Finanzmärkten aufzunehmen, damit der griechische Staat seinen Verpflichtungen nachkommen kann. So drohen wieder neue, harte Sparrunden in Athen. Dies würgt aber die im Dauer-Krisenmodus steckende griechische Wirtschaft ab - ein Teufelskreis. Die griechische Tragödie geht weiter. Griechenland, Schuldenland.