Wohin steuert die Welt? Was geht eigentlich in der Finanzindustrie vor? Bange Fragen, deren Antworten ein Zentralbanker, der namentlich nicht genannt werden wollte, so zusammenfasst: "Was ist schon normal in diesen Zeiten? Was auf den Finanzmärkten passiert, verstehen auch wir derzeit nicht." Offiziell müssen Notenbanker immer so auftreten, als ob Marktreaktionen genau das sind, was sie in ihren Analysen erwartet haben. Nun, sie sind es nicht.

In das Währungsgefüge von Dollar und Euro mischen sich neue Töne. Nicht nur Rohstoffe wie Gold und der spekulativ schwer überschätzte Schweizer Franken werden als "sichere Häfen" benutzt, auch der chinesische Yuan und der Singapur-Dollar gelten als "Ausweich-Veranlagung". Dabei sind letztere nicht einmal "konvertible" Währungen, wie es im Fachjargon heißt. Der Wechselkurs des Yuan errechnet sich nämlich nicht aus dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage, sondern wird von der chinesischen Zentralbank, der Peoples’ Bank of China, willkürlich festgesetzt. Die Kapitalverkehrskontrollen in China sind strikt, Portfolioinvestitionen von Privatpersonen beispielsweise gänzlich verboten.

Die USA kritisieren seit Jahren, dass China seine Währung künstlich niedrig hält, um den Export zu stützen. Geholfen hat das nicht viel bisher. Umgekehrt erlaubt es der - in Devisen vorliegende - enorme Handelsüberschuss Chinas, dass das riesige Land zum größten Gläubiger der USA (und in Kürze auch Europas) geworden ist. China kauft damit Staatsanleihen, die von Amerika und Europa begeben werden, um die öffentliche Schuld zu refinanzieren. 21.000 Milliarden Euro macht der transatlantische Schuldenberg mittlerweile aus.

Euro-Marktanteil steigt auf 26,3 Prozent

Grob verkürzt könnte man sagen, dass die kommunistische Partei Chinas den westlichen Kapitalismus aufrecht erhält. Und dem Euro zu steigender Bedeutung verhilft.

Wobei bei allem Krisengerede um den Euro eines verblüffend ist: Der globale "Marktanteil" des Euro als Devisenreserve ist von 26 auf 26,3 Prozent leicht gestiegen. Der Umsatz-Anteil am weltweiten Devisenhandel ist um einen Prozentpunkt auf 19,5 Prozent gestiegen, wie offizielle Daten der Europäischen Zentralbank in deren "Bericht über die internationale Rolle des Euro" ausweisen. Bei den Importen in den Euro-Raum stieg das Volumen der Euro-Rechnungen gar um fünf Prozentpunkte. Dies ist deshalb interessant, weil Euro-Rechnungen keine Inflation mehr importieren.

Noch deutlicher sind die Zahlen im Zehn-Jahres-Vergleich: Die weltweit gehaltenen Devisenreserven im Dollar sind seit 2000 von 68 auf 61 Prozent gefallen, der Euro legte von 20 auf mehr als 26 Prozent zu.

Vor allem Länder wie China und Russland sind es, die den Euro verwenden, um ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu reduzieren.

Und noch eines ist interessant: Die Finanzkrise ist - gemessen an den gehandelten Summen - eher spurlos an den Devisenmärkten vorübergegangen. Im April 2007 lag das Devisen-Handelsvolumen bei 3,3 Billionen Dollar. Im April 2010 waren es bereits vier Billionen Dollar.

Trotzdem steigerte der Euro seine globale Bedeutung. Und der Kurs der Gemeinschaftswährung zum Dollar ist mit mehr als 1,40 nach Ansicht von Experten fundamental überbewertet. Nach Kaufkraftvergleich wäre, so interne Papiere der EZB, ein Kurs von 1,20 viel näher an der Wahrheit.

Ist das Gerede von der Euro-Krise also übertrieben? Nun, das Volumen sagt nichts über den Zustand des Währungsraums aus. "Nicht der Euro befindet sich in einer Krise, sondern die Euroländer mit ihren hohen Defiziten und Schulden", sagte Nationalbank-Gouverneur Ewald Nowotny kürzlich. "Das Kapital sucht Veranlagung, und nachdem es im Moment aus den Aktien flüchtet, geht es in Staatsanleihen", ergänzte Peter Mooslechner, Chef der volkswirtschaftlichen Abteilung in der Notenbank.

Schuldenkrise macht Euro-Bonds zum Thema

Um die Schuldenproblematik in den Griff zu kriegen, wird derzeit wieder die Idee von "Euro-Bonds" diskutiert. Das ist die gemeinsame Refinanzierung der Schulden aller Euroländer durch eine EU-weite Agentur. Derzeit liegt dies in nationalen Händen, was mit ein Grund ist, warum die Euro-Zinsen so unterschiedlich sind. Von 2,6 Prozent in Deutschland bis zu 15 Prozent in Griechenland.

Aus Währungssicht wären Eurobonds - so Anleihehändler - durchaus zu begrüßen. "Es würde ein Euro-Markt entstehen, der annähernd so groß ist wie der Dollar-Markt", erklärte ein Analyst. Dieser Markt wird auf mindestens sechs Billionen Euro geschätzt.

Für die amerikanische Währung wäre dies eine enorme Konkurrenz. China hat bereits angekündigt, an einem solchen Produkt großes Interesse zu haben.

Die USA haben dementsprechend wenig Freude damit, denn bisher gibt es am Dollar kein Vorbeikommen, und die Vereinigten Staaten tun sich nach wie vor - trotz Herabstufung - leicht, die erforderlichen Mittel auch aufzustellen.

Mit einem gemeinsamen europäischen Anleihemarkt wäre dies in Frage gestellt. "In den USA wird dies klar torpediert, Europa schlecht geredet", meinte schon vor längerer Zeit Hannes Androsch.