Wien. Vertreter der Energiebranche zeigten sich nach dem Vortrag des EU-Kommissars für Energie, Günther Oettinger, enttäuscht: Er habe bei seiner Rede im Wiener Parlament anlässlich einer Diskussionsveranstaltung nur das Standardprogramm dargeboten. Ausbau der Netze hin zu einem leistungsstarken Netz, das Windenergie vom Norden sowie Sonnenstrom aus dem Süden problemlos in jede Richtung transportieren kann. Die Gas- und Stromnetze in Europa seien noch immer "in den Gebietsgrenzen der Fürstentümer des 19. Jahrhunderts" aufgestellt, kritisierte Oettinger. Nötig seien hingegen paneuropäische Gas- und Stromnetze und mehr Pumpspeicherkraftwerke. Es sei viel wichtiger, Sonnenstrom in Griechenland zu produzieren, als über die Emissionswerte von Industrieunternehmen nachzudenken. "Wichtig ist es auch, über die Südgrenze hinweg zu planen", so Oettinger und meint Nordafrika, das Partner in der paneuropäischen Energieversorgung sein soll.

Schon jetzt sind die EU-27 zu 55 Prozent abhängig von Energieimporten. Diese Abhängigkeit wird steigen. Diversifizierung der Quellen und Effizienz seien die Gebote der Stunde.

Für einen geringeren Verbrauch beim Endkunden sollen in Zukunft die Energieunternehmen sorgen. Mit Strom- und Gaszählern (Smart Metering) in jedem Haushalt würde der Energieverbrauch automatisch geringer. "Bei einem Auto sehe ich es ja auch sofort, wenn ich aufs Gas steige, wie viel ich verbrauche. Und die Telekomunternehmen können mir mittlerweile detailliert auflisten, wann ich wo und wie lang telefoniert habe", erklärt Oettinger.

Dass Smart Metering tatsächlich Effizienz mit sich bringt, wird in der Branche offen bezweifelt. Viel mehr werden Parallelen zur ungeliebten Energiesparlampe gezogen, deren Alleinherrschaft durch gelungenes Lobbying entstanden sei. Bei Smart Metering sei wohl ebenso die Zählerindustrie verantwortlich, argwöhnt man.

"Für ein Netz, das Günther Oettinger vorschwebt, braucht man europaweit hunderte Milliarden Euro. Das ist im derzeitigen Klima völlig illusorisch", so ein Experte zur "Wiener Zeitung". Die Netzbetreiber geben offen zu, dass es keine Investitionsanreize gebe, die Netze auszubauen. "Und ehrlich gesagt: Niemand will eine Stromautobahn vor der Nase haben."