Brüssel/Wien. Die Entscheidung fällt in Bratislava: Dort tagen am Donnerstag die Notenbanker der Eurozone und befinden darüber, ob das Zinsniveau der EZB weiter sinken soll: Seit 11. Juli 2012 notieren die Zinsen bei 0,75 Prozent, doch Geld soll nach Meinung der Experten noch "billiger" werden - wenn nicht am Donnerstag in Bratislava so doch spätestens beim Notenbankertreffen im Juni.

Denn die Euro-Zone bleibt stur in Stagnation oder gar Rezession gefangen, in einigen Ländern ist die Arbeitslosigkeit so hoch wie seit vielen Generationen nicht mehr. Banken in Zypern, Griechenland, Irland und Portugal hängen am Geldtropf der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

Die Konjunkturmisere in Südeuropa zieht mittlerweile auch Länder in Zentraleuropa in Mitleidenschaft: Auch in Frankreich und sogar in Deutschland stottert der Konjunkturmotor.

Die EZB kann versuchen, mit billigem Geld den Konjunkturmotor wieder flottzukriegen und die Wortmeldungen aus dem Euro-Tower in Frankfurt gehen in die Richtung: So meinte etwa der portugiesische EZB-Vize-Präsident Vitor Constancio am Mittwoch vergangener Woche vor dem Europäischen Parlament: "Wir haben noch etwas Spielraum für Entscheidungen. [...] Und wir sind bereit zu handeln, wenn die Wirtschaftsdaten schlecht sind, was leider der Fall ist." Auch EZB-Chef Mario Draghi hatte Anfang April schon erklärt, er sei "bereit zu handeln".

Tatsächlich haben die Banker in Frankfurt einigen Spielraum: Denn die EZB ist die konservativste aller westlichen Notenbanken, die Bank of England oder die Bank of Japan verleiht Geld billiger an die Geldhäuser. Zudem hat die EZB - im Gegensatz zu den Briten oder der Fed in Washington - nicht zum unkonventionellen Instrument des "quantitative easing" gegriffen - also kein Geld gedruckt, um damit Anleihen zu kaufen.

Das Problem: Das billige Geld, das Länder wie Griechenland, Zypern oder Italien als Medizin brauchen, ist für manche Regionen in Deutschland Gift: In München, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg und Berlin überhitzen die Immobilienmärkte.

Kann Super-Mario die Misere überhaupt lindern?


Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, die sich sonst zu EZB-Fragen nie äußert, meinte vor fachkundigem Publikum auf dem Sparkassentag in Dresden, dass die EZB die Zinsen für Deutschland vermutlich sogar erhöhen müsste. "Aber sie müsste für andere Länder eigentlich noch mehr tun dafür, dass noch mehr Liquidität zur Verfügung gestellt wird." Doch während der Häusermarkt in Ländern wie Österreich und Deutschland boomt, kommt das Diskont-Geld dort, wo es eigentlich gebraucht wird - bei den Klein- und Mittelbetrieben - kaum an. Und die Industrie hält sich aufgrund der schlechten Wirtschaftslage mit Investitionen weiter zurück. Was wiederum die Frage aufwirft: Kann Super-Mario, also EZB-Chef Mario Draghi, die Misere überhaupt lindern? Ist Geldpolitik das richtige Instrument? Zuletzt wurden die Stimmen lauter, dass nicht die Notenbanker, sondern die nationalen Regierungen Europas das Heft in der Hand hätten.

Ein Trommelfeuer der Kritik an der Sparpolitik ging zuletzt auf die politische Klasse der westlichen Länder nieder. "Financial Times"-Kolumnist Martin Wolf, Doyen der internationalen Wirtschaftskommentatoren, sein Kollege Wolfgang Münchau, die Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz und Paul Krugman kritisieren die eiserne Sparpolitik in Europa und den USA. Die politischen Eliten würden nur auf die Verschuldungsquote ihrer Länder achten und dabei die horrend hohe Arbeitslosigkeit und die anämischen Wachstumszahlen völlig aus den Augen verlieren.

Doch ohne Wachstum käme man nie aus den Schulden und die vergangenen fünf Jahre seit der Lehman-Pleite 2008 hätten gezeigt, dass der Politikmix nicht stimmt, so der Tenor der Kritiker.

Die Debatte pro und kontra Austerität ist so alt wie die moderne Wirtschaftswissenschaft. Hauptprotagonisten in diesem Uralt-Konflikt: Die Ökonomen Friedrich August von Hayek und John Maynard Keynes. Der britische Autor Nicholas Wapshott hat diesen Titanenkampf in seinem jüngst erschienenen Buch "Keynes Hayek: The Clash That Defined Modern Economics" nachgezeichnet. Der Radikal-Liberale Hayek dominierte die ökonomischen Debatten der vergangenen Jahrzehnte, nun scheint der Stern von Keynes, der zur Krisenbewältigung deficit spending, also öffentliche Investitionen angeregt hat, wieder im Steigen begriffen.

Der Ökonom Mark Blyth hält Austeritätspolitik für eine "gefährliche Idee": "Austerität ist eine Form freiwilliger Deflation in welcher Löhne, Preise und öffentliche Ausgaben sinken, um Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen", schreibt er in seinem jüngsten Buch "Austerity - History of a dangerous Idea". "Aber sie funktioniert schlicht und einfach nicht - weder sinken die Schulden, noch kommt das Wachstum wieder in Gang". Zudem mache sie Staatsanleihen riskanter.

Eine der politischen Prämissen für die Austeritätspolitik ist zuletzt gefallen: Nachdem in einem einflussreichen Papier der Harvard-Ökonomen Kenneth S. Rogoff und Carmen Reinhart davon die Rede war, dass ein Schuldenstand von 90 Prozent und darüber fatal für eine Volkswirtschaft sei. EU-Kommissar Olli Rehn machten das Rogoff/Reinhart-Papier zum Dogma. Doch nun stellte sich heraus, dass das Papier zahlreiche handwerkliche Fehler aufweist.