Dhaka/Wien. Dort, wo in der Nähe von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka einst im Akkord Kleidung genäht wurde, liegen nun nur noch Trümmer- und Schutthaufen. Niemals hätte das Gebäude aus so minderwertigem Materialen errichtet werden dürfen, niemals hätte es auf diesem Baugrund neun Stöcke hoch sein dürfen, stellte eine Untersuchungskommission im Mai 2013 fest. Ein Monat davor, am 24. April 2013, war das Rana Plaza, in dem sich mehrere Textilfabriken befanden, eingestürzt. Die Bilanz des schwersten Fabrikunfalls in der Geschichte des südasiatischen Landes: Mehr als 1100 Tote, mehr als 2500 Verletzte.

Bis heute kommt es ständig zu kleineren Unfällen in Bangladeschs Fabriken, etwa zu Bränden. Bis heute gibt es mangelhafte Inspektionen. Die Kontrolleure, die teils von den in Bangladesch produzierenden Markenfirmen engagiert werden, lassen sich einfach ein paar Papiere zeigen, ohne das Gebäude selbst zu besichtigen, berichtet Babul Akhter, der Vorsitzende der Gewerkschaft für Textilarbeiter in Bangladesch, der auf Einladung der NGO Südwind in Wien zu Gast war.

Doch hat sich seit der Rana-Plaza-Katatstrophe auch einiges geändert: 29 große internationale Textilkonzerne haben in dem Gebäude produziert, die Tragödie hat daher den Druck auf die Bekleidungsindustrie erhöht, für menschenwürdige Bedingungen zu sorgen. Mehr als 150 Firmen haben mittlerweile ein rechtlich bindendes Sicherheitsabkommen unterzeichnet, das unabhängige Fabrikinspektionen vorschreibt. Tatsächlich wurden Fabriken, bei denen Sicherheitsmängel festgestellt wurden, schon vorübergehend geschlossen, da sie aufrüsten mussten, berichtet Akhter.

Aber wieder sind es hier oft die Arbeiter, die auf der Strecke bleiben. Vorgesehen ist zwar, dass sie Entschädigungen erhalten, wenn die Fabrik stillsteht. "Aber die Fabriksbesitzer behaupten, sie können diese Gelder nicht zahlen, wenn sie nicht produzieren können", erzählt Rokeya Rafique, die die NGO "Initiative für arbeitende Frauen" leitet und ebenfalls bei Südwind zu Gast war. Niemand fühle sich schließlich zuständig, so Rafique. Die zumeist weiblichen Näherinnen sitzen dadurch in der Falle und müssen sich sofort eine neue Arbeit suchen. Zwar wurde der Mindestlohn in der Textilbranche kürzlich erhöht, doch die umgerechnet 50 Euro monatlich reichen noch immer nicht aus, damit die Näherinnen etwas ansparen können.

Neue Jobs benötigen auch viele Arbeiter, die den Einsturz des Rana Plaza überlebt haben. Doch in Textilfabriken können die meisten von ihnen nicht mehr tätig sein. Sie haben zu schwere Verletzungen davongetragen und etwa ihre Feinmotorik verloren. Oder was oft noch viel schwerer wiegt: Sie sind zu traumatisiert, leiden an Panikattacken. Die Arbeiter sind nun oft in einer ausweglosen Lage, berichtet Akhter. Weil sie arbeitsunfähig sind, aber ihre Familien versorgen müssen, haben sie sich verschuldet. Sie brauchen medizinische Versorgung, die sich nicht leisten können.

Wer erhält Entschädigung?

Die Arbeiter hoffen, ebenso wie die Angehörigen von Todesopfern, auf Entschädigungszahlungen. Die Regierung hat Hilfe zugesagt und auch schon kleine Summen ausgezahlt, zudem wurde ein Fonds eingerichtet, in dem internationale Markenfirmen einzahlen sollen. Aktivisten meinen, dass dieser 40 Millionen Dollar für ausreichende Entschädigungen benötigt. Bis jetzt sind 17 Millionen Dollar in den Fonds geflossen, wobei allein die irische Kette Primark mehr als sieben Millionen Dollar gezahlt hat. Aber große Konzerne wie Benetton oder Adler Modemärkte, die im Rana Plaza produziert haben, stehen nicht auf von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) veröffentlichten Liste der Einzahler.

Die ILO verwaltet den Fonds, sucht akribisch nach Opfern und hat auch schon Entschädigungen in der Höhe von 460 Euro pro Person ausbezahlt. Noch ist unklar, wie viel Geld für die Entschädigungen vorhanden sein wird, wer am Ende wie viel erhalten wird. Viele Fragen sind noch ungeklärt, berichten Akhter und Rafique. Wie viel bekommen die Verletzten, wie viel welche Familienangehörigen der Todesopfer? Wie sollen die Angehörigen von Vermissten nachweisen, dass sie Familienmitglieder verloren haben? Es gibt keine Aufzeichnungen darüber, wer im Rana Plaza anwesend war.

Zudem sind viele Arbeiter und Angehörige von Todesopfern wieder in ihre Dörfer zurückgekehrt. Sie wissen oft nicht, an wen sie sich wegen möglicher Hilfen wenden sollen. Wieder drohen Arbeiter und ihre Familien auf der Strecke zu bleiben.